Gretchen: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

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Ich hätte ja nicht gedacht, dass bei uns alles noch einmal so ins finsterste Mittelalter umschlagen könnte, aber eigentlich standen die Zeichen der Zeit schon lange auf Ungemach. Ein Ex-Pastor als Präsident und eine Pfarrerstochter als Kanzlerin, ein Bundestag, der die Verstümmelung von Geschlechtsorganen von kleinen Jungs durchwinkt und professionelle Sterbehilfe kriminalisiert, C-Parteien, … also das darf doch alles nicht wahr sein. Und diese Leute bestimmen die Geschicke der Menschen. Und nicht nur bei uns!

 
Trennung von Kirche und Staat? Wie soll das je über die Bühne gehen, wenn nicht die berühmte Gretchenfrage gestellt und im Sinn der Aufklärung, der wir uns doch angeblich alle zutiefst verpflichtet fühlen, beantwortet wird. Ich habe oben die Anbetung dieses wundervollen fliegenden Spaghettimonsters reingestellt. Ich vermute mal, niemand käme auf die verrückte Idee, dieses ganz außerordentlich göttliche Wesen, nicht für ein reines Phantasieprodukt zu halten. Wenn nun ein Anhänger dieser Religion auf die Idee käme, das Abschneiden des linken Ohrs bei Neugeborenen gesetzlich regeln lassen zu wollen, … also ich bin mir nicht sicher, ob er das nicht durchkriegen würde. Na ja, die Religion des fliegenden Spaghettimonsters ist nicht Teil der abendländischen Kultur; vielleicht hätten unsere Abgeordneten da vielleicht doch ein paar Bedenken. Bei genügend Wählerstimmen würden sie dann aber vermutlich doch das fehlende Alter dieser neuen Religion tolerieren.

RIch weiß noch, als mir in jungen Jahren Russells „Warum ich kein Christ bin“ in die Finger kam, welche Erlösung das für mich war. Es war, als hätte mir ein kluger Erwachsener die Erlaubnis gegeben, dazu zu stehen, dass dieser ganze Kinderkram für mich der absolute Quatsch ist. Aber ich muss gestehen, dass ich danach immer noch Probleme damit hatte, ohne Schuldgefühle der Kirche und ihrer Religion den Rücken zu kehren. Ich staunte nicht schlecht, mit welchem Erfolg man diese Schuldgefühle in mir verankert hatte. Selbst heute ist da noch ein leises Unbehagen, wenn ich Quatsch einfach Quatsch nenne. Ich könnte ja vielleicht jemanden damit verletzen – oder bestraft werden? Uiuiui… Ob sich die Spaghettimonster-Anhänger wohl auch verletzt fühlen würden, wenn ich ihren Kult Quatsch nennen würde? Ich vermute mal, sie würden eher herzlich lachen und sagen: „Na, hastes endlich geschnallt, Alter!“

Unter diesen Gläubigen bewege ich mich also seit Kindertagen und muss es mit ihnen aushalten. Gab es da nicht einmal vor Tausenden von Jahren schon Leute, die über den Quatsch, den wir heute veranstalten, genauso gelacht hätten wie die Spaghettimonster-Anhänger? Und wir stellen die auf die gleiche Stufe wie den Quatsch, an den auch der angeblich moderne westliche Mensch immer noch glaubt!

 
Ach ja, die Wissenschaft. Da gibt es Leute, die solide arbeiten wie gute Handwerker. Glaubt ein Tischler an den Tisch, den er fertiggestellt hat? Natürlich nicht. Aber es gibt auch ein Heer von Wissenschaftlern, die an die Wissenschaft glauben wie an eine Religion und die mit Ketzern und Ungläubigen umgehen wie die Inquisition mit den Ketzern.

Irgendwie habe ich mich schon immer gefühlt, als wäre ich bei meiner Geburt durch ein tragisches Schicksal als Patient in ein Irrenhaus gebeamt worden. Die meisten Mitpatienten glauben den Belehrungen der irren Ärzte und folgen brav ihren Anweisungen. Lange habe ich gezweifelt, ob nicht ich der wahre Irre bin, und es hat lange gebraucht, bis ich festgestellt habe: Wir sind alle Irre. Osho hat mal empfohlen, ein paar Minuten lang alles aufzuschreiben, was einem so durch den Kopf geistert, und es dann wieder zu lesen. Einfach irre, was da so steht. Und wer diesen Scheiß auch noch glaubt, dem ist einfach nicht mehr zu helfen.

Religion – „phh…“ oder um es mit Norbert zu sagen: „Fuck it, jetzt mache ich erst recht, was ich will.“ Na ja, wieso eigentlich „erst recht“?

N

 

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7 Antworten zu Gretchen: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

  1. fredo0 schreibt:

    ich war 1 Tag lang 14 . da ging ich zum Amtsgericht , Zimmer „Kirchenaustritte“ , und führte den ersten Akt meiner religonsmässigen Volljährigkeit aus . Damals noch kostenfrei . Heute darf man für diesen Akt der Selbstbefreiung auch noch eine deftige „Befreiungsgebühr“ bezahlen.

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  2. Das Schöne an Religion ist ja, daß wir auch bewußt damit umgehen können, wie mit einem Werkzeug — wenn wir wollen, natürlich nur. Wenn es mir Erleichterung verschafft, ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken (und an wen, das suche ich mir auch aus) oder eine Puja abzuhalten oder ein Mantra zu murmeln, dann halte ich das für ein „winner script“ im Wilsonschen Sinne.

    Die meisten Gläubigen aber pflegen keinen bewußten Umgang, und sie kritisieren Menschen wie mich, die sich die Dinge aus Religionen rauspicken, die ihnen helfen, „ganz oder gar nicht“, dieser Spruch kommt oft. Hört sich für mich an wie „mitgehangen, mitgefangen“, als ob Religion an und für sich was Heiliges wäre. Naja, solche Grundsatzdiskussionen bringen keinem was, deswegen halt ich mich da raus.

    Der gute Bhagwan sagte doch mal sinngemäß „Wer ist es, der heiligen Schriften Autorität verleiht? Ihr selbst seid es. Ihr bestimmt, zu welchem Ausmaß ihr eine Religion über euer Leben bestimmen laßt“. Da hatte er recht, der alte Zauselbart.

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    • Nitya schreibt:

      Ich hab mir eben in ein Auge eine Kunstlinse setzen lassen, aber das andere ist noch völlig jungfräulich rein, auch wenn auch in diesem schon der graue Star sein Unwesen zu treiben beginnt. Ob das noch als Opfer gildet?

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      • Elwood schreibt:

        Ich vermute so einfach geht das nicht lieber Nitya.
        Erstmal muss ein Bescheidwisser in den alten speckigen Schriftrollen lesen – warum das so ist, die Symbolkraft interpretieren und ein Dogma ausrufen.
        Dann kann ein ordendliches Ritual daraus in­i­ti­ie­rt werden, das man auch unseren Mitmenschen ungefragt aufdrücken kann….

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