Was ist das überhaupt: Faschismus?

 hhGestern bin ich auf Facebook  über einen Hinweis von Gerd Mersmann auf einen Artikel von Jakob Augstein aufmerksam geworden:

Faschismus in Europa: Die völkische RevolutionVölkisches Denken breitet sich in Europa aus, die extreme Rechte ist auf dem Vormarsch. Die Angst bahnt ihr den Weg. Der Faschismus ist kein Phänomen der Vergangenheit. Frankreich ist nach rechts gerückt. Das Land, in dem am 26. August 1789 die ‚Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte‘ verkündet wurde, hat eine Bewegung zur stärksten Partei gemacht, deren Gründer wohl mit eigener Hand Menschen gefoltert hat. Aber das kümmert die Menschen heute nicht mehr. …“

Beim Lesen des Artikels spürte ich ein ziemliches Unbehagen. Sehr tendenziös, sehr manipulativ, war mein erster Gedanke. Voller Klischees und kein wirkliches Hinterfragen. Was ist beispielsweise Faschismus? Haben wir ja alle mal gelernt; Italien, Deutschland, Spanien, Japan galten einmal als faschistisch. Damit verbanden sich etwa Begriffe wie Diktatur, völkisch, antisemitisch und viele andere. Über den Begriff „faschistisch“ lässt sich vor allem eines sagen: Er hat sich seit jeher bestens geeignet als Knüppel für Menschen und Ideen, die irgendwelchen anderen Menschen absolut nicht in den Kram passten. Das Schöne an dem Begriff „faschistisch“ ist, dass er offensichtlich nicht sauber definiert werden kann. So kann jeder in den Begriff hineinpacken, wozu er gerade Lust hat. Auch ich habe dem Begriff natürlich eine eigene Bedeutung gegeben: Für mich bedeutet „faschistisch“ das Gegenteil von „anarchistisch“. Faschistisch ist für mich also, wenn Menschen versuchen, andere Menschen schlimmstenfalls auch mit Gewalt im weitesten Sinn in irgendeiner Weise zu manipulieren und zu beherrschen.ZAnarchistisch-taoistisch wäre es demgegenüber, wenn Menschen aufgrund frei getroffener Vereinbarungen ihre Angelegenheiten im gegenseitigen Einvernehmen regeln. Ein zutiefst anarchistischer Satz wäre etwa Rosa Luxemburgs „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ Kann es nach dieser Definition überhaupt irgendeinen Staat geben, der nicht faschistisch ist? Ist Amerika, das Musterland der Freiheit und der Demokratie, etwa nicht faschistisch? Oder die EU oder die BRD?

S

Gestern sind mir auch mal wieder die „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ über den Weg gelaufen. Sie waren vorzugsweise im 12. Jhd. anzutreffen und vertraten eine Position, die dem Einzelnen zugestand, aus sich selbst heraus ganz eins mit Gott zu sein – und dies ganz ohne Kirche, Priester, Zeremonien und dergleichen. Meister Eckhart wurde verdächtigt, zu ihnen zu gehören, Marguerite Porète landete auf dem Scheiterhaufen und viele andere, die den „Brüdern und Schwestern des freien Geistes“ nahe standen, wurden grausam verfolgt. Auch dies ein Beispiel für einen hemmungslosen Faschismus. Diesen Blog hier könnte man von mir aus gerne den „Brüdern und Schwestern des freien Geistes“ zuordnen. Bodhidharmas „Offene Weite – nichts von heilig“ möge uns dabei allen wie ein Leuchtfeuer in der dunklen Nacht des Faschismus sein.

Aber zurück zu Jakob Augsteins „Faschismus in Europa: Die völkische Revolution. Völkisches Denken breitet sich in Europa aus, die extreme Rechte ist auf dem Vormarsch. Die Angst bahnt ihr den Weg.“ Faschismus, extrem, rechts, Angst – na, da haben wir ja alles im Sack, um klar zu stellen, wie sehr die Bürger Europas auf falschen Pfaden wandeln. Ich habe nichts gegen die Pegida oder ähnliche Organisationen, wenn sie ihren Widerstand gegen die Oligarchen in der Welt und im eigenen Land zum Ausdruck bringen. Erwartet man wirklich von den Bürgern, dass sie sich stumm zur Schlachtbank führen lassen? Ich habe sehr wohl etwas gegen die Pegida oder ähnliche Organisationen, wenn sie ihren Widerstand mit faschistischen Mitteln betreiben. Ich finde sowieso alle Organisationen und Gruppierungen ausgesprochen problematisch, da sie fast grundsätzlich dazu tendieren, in faschistische Gewässer zu geraten. Die „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ waren vorzugsweise Einzelne, die einfach das lebten, was sie als wahr erkannt hatten. Marguerite Porète möge hierfür als Beispiel dienen, mehr noch als Meister Eckhart, der immerhin versuchte, innerhalb der Kirche seine Position zu verteidigen und dabei durchaus zu Kompromissen bereit war, als ob es beim Thema Freiheit irgendeinen Kompromiss geben könnte. – „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“

B

Vom armen B.B. noch das:

Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie
Hindurchging, der Wind!
Fröhlich machet das Haus den Esser: Er leert es.
Wir wissen, daß wir Vorläufige sind
Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.

Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich
Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit
Ich, Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen
Aus den schwarzen Wäldern in meiner Mutter in früher Zeit.

 

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4 Antworten zu Was ist das überhaupt: Faschismus?

  1. Lieber Nitya,

    du sprichst mir mit diesem Artikel wieder mal aus der Seele. Danke. Rosa Luxemburg brachte es auf den Punkt. Und deine Schlußfolgerung (es gibt keinen Staat, der nicht faschistisch ist) kann zweierlei bewirken: Flucht oder das berühmte „Fuck it, jetzt mache ich erst recht, was ich will“.

    Bei mir ist Variante zwei deutlich im Schwange🙂

    Liebe Grüße
    Norbert

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Norbert,

      ich würde ja gerne flüchten, nur – keine Ahnung wohin? Bleibt mir also eh nur die zweite Variante, die aber mit Genuss!

      Als lass uns im Chor singen – drei – vier
      “Fuck it, jetzt mache ich erst recht, was ich will.”

      Herzlichst
      Nitya

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      • Lieber Nitya, wir schauen uns gerade nach Grundstücken im Ausland um…😉

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Wandervogel,

        du scheinst noch die Hoffnung zu haben, dass es anderswo abgemeher zu leben ist. Oder hast du noch ein verstecktes Plätzchen irgenwo im Amazonasgebiet bei einem geheimnisvollen Eingeborenenstamm entdeckt?

        Also ich bleibe lieber beim Puh. Der lümmelt ständig in meiner Bude rum und schlabbert mir meinen Honig weg. Das ist richtig gemütlich. Da bleib ich und lass es mir gut gehen.

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