Niu-t’ou Fa-jung: Nicht-Tun. Das ist es.


O

F: Wie können die Täuschungen der Menschen vernichtet werden?

A: Solange man Täuschungen und ihre Vernichtung sieht, wird man sie nicht los.

F: Ist es möglich, mit dem Weg eins zu sein, ohne Vernichtung der Täuschungen?

A: Solange man über Einssein und Nicht-Einssein nachdenkt, ist man von den Täuschungen nicht frei.

F: Was soll man tun?

A: Nicht-Tun. Das ist es.

F: Was ist es, was ein Buddha vernichtet und was ist es, was er erlangt, damit er Buddha genannt wird?

A: Ohne etwas zu vernichten, ohne etwas zu erlangen ist er bereits ein Buddha.

F: Wenn er nichts vernichtet und nichts erlangt, wie unterscheidet er sich dann von gewöhnlichen Menschen?

A: Sie sind nicht gleich, weil alle gewöhnlichen Menschen fälschlicherweise etwas haben, was sie vernichten wollen, und irrtümlicherweise etwas haben, was sie erlangen wollen.

aus: Niu-t’ou Fa-jung, „Dialog über das Auslöschen der Anschauung“

GTao-shin, der vierte Patriarch übertrug Niu-t’ou Fa-jung, dem Gründer der Ochsenkopfschule, der auch“ der Faule“ genannt wurde, das Siegel der blitzartigen Lehre, das er selbst von Seng-ts’an erhalten hatte. Welcher Art Niu-t’ous Lehre war, lässt sich an dem kleinen Gespräch, wie es uns überliefert wurde, gut erkennen.

Wie die meisten Schüler ist auch der Schüler im vorliegenden Fall nicht bereit, wirklich zuzuhören und verteidigt lieber seine vertrauten Vorstellungen. Der Meister sagt im Grunde, dass nichts vernichtet und nichts erlangt werden muss und es sei schon immer alles vollkommen. Wen wundert’s, dass er „der Faule“ genannt wurde. Aber anstatt erleichtert aufzuatmen, bohrt der Schüler immer weiter. Des Meisters Antwort passt einfach nicht in seine Vorstellung.

Der Schüler fragt: „Wie können Täuschungen vernichtet werden?“ Der Meister hat nicht gesagt, dass es keine Täuschungen gibt. Er sagte lediglich: „Solange man Täuschungen und ihre Vernichtung sieht, wird man sie nicht los.“


Der Schüler hätte auch fragen können, wie Täuschungen zustande kommen. Ich nehme mal das bekannte Beispiel vom Seil, das in der Dämmerung für eine Schlange gehalten wird. Wie kommt die Täuschung zustande? Ein Mensch sieht in der Dämmerung etwas, das er für eine Schlange hält. Er interpretiert also dieses komische Ding vor seinen Füßen. Sollte er das lieber nicht tun? Mein Vater hat mir oft erzählt, dass sein Pferd in der Dämmerung oder im Nebel vor etwas zurückscheute, das er selbst als völlig harmlos erkennen konnte. Interpretieren scheint ein Reflex zu sein, der unser aller Überleben sichern kann. Dabei kann es selbstverständlich auch zu Fehlinterpretationen kommen. Es wäre völlig verrückt, Täuschungen grundsätzlich vernichten zu wollen. Das wäre nur möglich, wenn man auf alle Interpretationen des Wahrgenommenen verzichten würde. Und dann würde man vielleicht achtlos auf etwas treten, was sich im Nachhinein schmerzhaft als Schlange zu erkennen gäbe.

„Solange man Täuschungen sieht …“bedeutet aus meiner Sicht also nicht, dass man sie zukünftig nicht mehr sehen dürfte. Es geht um das ganze Paket: „Solange man Täuschungen UND ihre Vernichtung sieht, wird man sie nicht los.“ Statt „Täuschungen“ könnte ich auch das Wort „Fehler“ wählen, um die Unsinnigkeit des Wunsches zu verdeutlichen, sie vernichten zu wollen. Ikkyû Sôjun sagte so schön: „Meine Freunde, hier ist etwas für euch: Erleuchtung bedeutet Fehler um Fehler.“

Niu-t’ou stellt für seinen Schüler noch einmal klar, dass jeder bereits ein Buddha ist, ohne etwas zu vernichten und ohne etwas zu erlangen, was sich auf die einfache Formel bringen lässt: „Nicht-Tun. Das ist es.“ Gewöhnliche Menschen unterscheiden sich von Buddhas genau dadurch, dass sie so verrückt sind, ständig etwas zu suchen, das sie vernichten können, und ständig etwas haben zu wollen, das sie erlangen können.

 

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2 Antworten zu Niu-t’ou Fa-jung: Nicht-Tun. Das ist es.

  1. fredo0 schreibt:

    Es wird oft gefragt , was denn eigentlich geschieht in diesem „Erwachen“.
    Es gibt unzählige Antworten.
    Keine davon könnte richtig beantworten.
    Keine davon könnte auch nur eine Ahnung davon vermitteln.
    Warum ? … weil es etwa so ungeheuer unvorstellbar kompliziert ist ?
    oder … weil es so unvorstellbar simpel ist ?
    Und wie kann etwas durch und durch simpel sein ?
    Wohl nur dann , wenn es nicht „etwas“ ist .
    Wie kann etwas nicht etwas sein ? … gute Frage …
    Wie kann also etwas nicht etwas sein ?
    Ist doch wohl unmöglich … muss also an diesem „etwas“ liegen …. dieses simple …
    Oder am Simplen dieses „Etwas“ ?
    Wodurch wird denn eigentlich ein „etwas“ zu einem „etwas“ …
    Ein Hinweis darauf war mir ein Tip eines Freundes.
    „Beobachte die ersten ein, zwei Sekunden nach dem morgendlichen Erwachen“
    Wann taucht dabei die Welt auf ? … ne gute Frage …
    Wann taucht morgends die Welt auf ? sofort ? oder erst nach ein, zwei Sekunden ?
    Und was taucht da zuerst auf … nach ein, zwei Sekunden ?
    Die Welt ? … einfach so ? … oder was ? … oder wer ?
    aha … es taucht nicht die Welt zuerst auf , sondern diese Vorstellung von … Alfred
    Alfred , der mit sich selbst wohl dann diese Welt erst hervorruft …
    Also ein Jemand der ein Etwas hervorruft …
    Da ist es … dieses Etwas … und ein Jemand … hmmm
    Und was war da in diesen ersten ein, zwei „leeren“ Sekunden ? oder gar im Tiefschlaf zuvor , von dem ich ( der Alfred ) vom Hörensagen weiß ?
    Ist die Antwort ähnlich … simpel ?
    Und warum bedarf es ihrer überhaupt ?
    Hängt das auch mit dem „Etwas“ zusammen ?
    Oder mit dem , was da diese ersten ein, zwei Sekunden beobachtet , die so seltsam „leer“ sind ?
    Ach Herrje , wer oder was ist das denn nun ? Noch son „etwas“ oder „jemand“ ?
    Mann o Mann , auf was hab ich mich da eingelassen …
    Wo ist mein Morgenkaffee ? … etwas Milch bitte … Milch ist sauer … kein Wunder bei der ewigen Fragerei …

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