Alan Watts: Gott erlauben, ein Ego zu sein

ASolange der moderne Mensch nicht wirklich die Bedeutung seiner scheinbaren Trennung von der Natur begriffen, sein bedenkliches Gefühl der Loslösung und des Selbstbewusstseins empfunden hat, kann er möglicherweise nicht die Lehre verstehen, dass sein wahres Selbst Gott ist. Wenn er irgendwelche Versuche unternimmt, diese Lehre auf sich selbst anzuwenden, wird er höchstwahrscheinlich ein spirituelles Fiasko erleben, ein Aufblähen seines Ego zur Größe Gottes. Dies ist genau das, was die östliche Philosophie nicht wünscht. Doch es passiert, wenn das unglückselige Opfer nicht zuerst die Trennung und den Konflikt angenommen hat.

Der Betroffene hat Gott nicht erlaubt, ein Ego zu sein; er hat das Bemühen der Natur zur Entwicklung des Gefühls der Trennung verleugnet, und solange er das nicht akzeptiert hat, werden alle seine Versuche zur Lösung des Problems egoistischer Natur sein. Mit anderen Worten, wenn Sie nicht all das akzeptieren, was das Alleinsein und die Abkapselung des Selbst-Bewusstseins mit sich bringt, wird jeder Versuch, dem zu entkommen, vergeblich sein. Das Ego kann nicht den Schmerz des Konflikts zwischen sich selbst und dem Universum umgehen, indem es einfach versucht, sich selbst mit der Essenz des Universums zu identifizieren, nämlich mit Gott. Es muss sich paradoxerweise seine Einheit mit Gott bewusst machen, indem es ein Ego ist, aus dem einfachen Grunde, damit das ist, was Gott selbst tut an dem entsprechenden menschlichen Wesen. Tatsächlich ist der Weg des modernen Menschen zu dieser Weisheit verschlungen, und er soll sich immer des Sprichworts bewusst sein: „Bevor du dich vereinigen kannst, musst du die Trennung vornehmen.“

aus: Alan Watts, „Die sanfte Befreiung“

Nachdem einige hochgeschätzte Kiebitze und Mitschnacker bei dem Beitrag „Osho: Ohne ‚ich will‘ bleibst du ein Kamel“ sich jäh aus dem Winterschlaf gerissen sahen und geradezu außer Rand und Band gerieten, soll heute der Beitrag „Alan Watts: Gott erlauben, ein Ego zu sein“ den völligen Rückzug in das Winterquartier noch etwas hinauszögern. Schließlich liegt zurzeit noch nirgendwo eine herrenlose Schneedecke herum. Herzlichen Dank übrigens für eure Kommentare!

Anstatt sein Ego zur Größe Gottes aufzuplustern, indem man sein größenwahnsinniges Ego zu eliminieren versucht und sich einbildet, das Ganze zu sein, könnte sich der edle Spiri vielleicht mal einen Moment mit dem Gedanken beschäftigen, wo eigentlich das so geschmähte Ego herkommt. Wer ist für dieses Teufelsding verdammt noch mal verantwortlich? Ich, du, er sie, es? Oder am Ende doch das, was für alles verantwortlich ist, was uns erscheint? Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde … und das Ego – frei nach der Genesis. Alan Watts hat das aus meiner Sicht wunderbar auf den Punkt gebracht: „Der Betroffene [also der Spiri] hat Gott nicht erlaubt, ein Ego zu sein; er hat das Bemühen der Natur zur Entwicklung des Gefühls der Trennung verleugnet, und solange er das nicht akzeptiert hat, werden alle seine Versuche zur Lösung des Problems egoistischer Natur sein.“S

Es ist wirklich wie ein bei einem Hund, der seinem eigenen Schwanz hinterher jagt. Und das gebetsmühlenartige Wiederholen der angeblichen Zauberformel „Wir sind eins“ muss Gott dem Herrn langsam grausam auf den Geist gehen. Er ist weder eine Dumpfbacke noch sonstwie verblödet und fängt langsam an, sich wegen seiner Manifestation in Form von menschlichen Wesen grauenvoll zu langweilen. „The same procedure as every day“ ist ja wirklich nicht auszuhalten. Welche Freude muss ihn erfasst haben, als er die Ergüsse eines seiner Manifestationen namens Max Stirner in die Finger bekam. „Mir geht nichts über Mich!“ schreibt der Kerl. „Na endlich“, wird sich der Typ über den Wolken gedacht haben, „endlich ist wenigstens bei einem von diesen Heinis der Groschen gefallen. Halleluja! Halleluja! Halleluja!“

 

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7 Antworten zu Alan Watts: Gott erlauben, ein Ego zu sein

  1. Marianne schreibt:

    Ein »göttliches EGO« verändert die Welt, in dem es seinen eigenen Bauch pinselt.🙂

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  2. Thomas Faulhaber schreibt:

    Dass der arme Max Stirner dazu herhalten muss, dass sein Solipsismus als notwendige Stufe zur ultimativen Erkennung der Illusion des Egos dient, hatte der Einzige mit seinem Eigentum auch nicht gedacht.
    Doch wo kein Objekt, da auch kein Subjekt.
    Danke für den Beitrag!

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  3. fredo0 schreibt:

    Bei meiner Reise nach Kalifornien , 1992 , wo ich in Esalen eine gute Freundin besuchen wollte , und mir überhaupt mal diese merkwürdige USA anschauen wollte , hatte ich mir das Buch „Ich Bin“ von Nisargadatta vom KontextVerlag als Reiselektüre mitgenommen . Keine Ahnung warum .

    In diesem Buch lag eine Postkarte mit einer Einladung zu einem Treffen mit Ramesh Balsekar auf Maui , genau in meinem Reisezeitfenster . Ich hatte bis dahin noch nie von ihm oder diesem seltsamen Advaita gehört . Wenn überhaupt hatten mich die Ideen des Taoismus fasziniert , und diese merkwürdigen Inder mit ihren schwülstig kitschigen BildIdeenWelten eher „abgetörnt“ .
    Kaum in Kalifornien angekommen , rief ich bei der damaligen Frau von Whayne Liquorman an , die dies Treffen organisierte . Und obwohl alle Plätze seit Monaten vergeben waren , war 5 Minuten vor meinen Anruf jemand zurückgetreten , und ich hatte meinen Platz .
    Da traf ich also einige Wochen später auf dieser wunderschönen Paradies-Insel diesen kleinen , bescheidenen ehemaligen Banker aus Indien mit seinem vortrefflichen Oxford-English , in dem er damals noch häufig mit den Vokabeln des WeiWuWei „berichtete“ . Noumenon und Phänomen „kitzelten“ dann auch meine ( doch recht eingeschränkten ) intelektuellen Fähigkeiten gar gewaltig , und doch ergriff mich bereits nach wenigen Sätzen eine ungewohnte Gewissheit .
    Ich „wusste“ einfach , dass künftig niemand „näher dran“ berichten könnte . Mit anderen Worten wohl , und auch ähnlich „dran“ , doch „näher“ ? neee , dessen war ich mir sicher .
    Während nun die anderen mit einer großen Flut von Fragen agierten ( vor allem wie es denn nach der Erleuchtung wäre . Ob es da noch Sex und Verdauung gäbe ) saß ich nur wie ein sattes Baby in der Runde der Zuhörer und war „fraglos“ mit den reinen Lauschen zutiefst zufrieden.
    Es dauerte Tage bis ich , mehr oder weniger um „auch dazuzugehören“ und um mal direkt mit dem davorne zu schwatzen , dann auch eine Frage stellte ( es blieb die einzige unserer langjährigen Beziehung😀 ) .
    Ich fragte Herrn Ramesh mit meinem „poor english“ : “ ich meine zu wissen , dass die Natur keine Fehler macht , dass alles stets seine tiefe Berechtigung hat. Wenn nun also das „Ungetrennte“ die wahre Natur des Menschen ist , warum schickt uns die Natur dann aber allesamt in diese Vorstellung des Getrenntseins ?“

    Lächeln … und seine Antwort , die ich damals natürlich nur zum Teil verstand , die aber trotzdem meine damalige Frage „befriedigte“ , und die ich heute wie folgt übersetzen würde :
    „das natürliche Wissen des Babys ist gewissermassen ignorant , es „weiß“ nicht um dies Wissen .
    Erst Auftauchen aus Trennung macht ein „Wissen um die natürliche Ungetrenntheit“ möglich !“

    Es hat Jahre gedauert , ja es waren gar Jahrzente , um da kein „entweder oder“ mehr zu sehen , sondern dann dieses subtile „sowohl als auch“ zu bemerken , denn auch die „Wahrheit“ der Trennung gehört zu DER Wahrheit „.

    ein bemerktes „sowohl als auch“ , dass sich nicht widerspricht , sondern sich stattdessen zu einer Andeutung eines Lebens „ergänzt“ , dass nie „verstanden“ werden kann ( Gott sei Dank ! ) .

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    • Nitya schreibt:

      „Ich meine zu wissen , dass die Natur keine Fehler macht , dass alles stets seine tiefe Berechtigung hat. Wenn nun also das ‚Ungetrennte‘ die wahre Natur des Menschen ist, warum schickt uns die Natur dann aber allesamt in diese Vorstellung des Getrenntseins?“

      Wie ist das denn nun mit „Merkels“ nicht zu begrenzender Willkommenskultur? Hat die Natur („Frau Merkel“) einen Fehler gemacht oder gilt auch hier dein Wort, dass die Natur keinen Fehler macht. Oder sind am Ende Merkel und Natur zweierlei Ding?

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      • fredo0 schreibt:

        ich habs geahnt …😀
        irgend so ein „fieser“ kommentar von dem herrn nitya lag da ja quasi in der luft …😀

        ich möchte mir da lediglich zu gute halten , dass diese frage aus damaliger vollumfänglicher sucherhaltung definiert wurde , und ich zwar nix dazugelernt habe , aber einfach (fast) alles mitlerweile für möglich halte …
        selbst ne Frau Merkel jenseits jeder „Natur“ …
        bzw. jenseits der (bisher) erkennbaren Fehlerpotenz der Natur …

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      • Eno Silla schreibt:

        als ich sag mal:
        die natur macht keine fehler
        die natur macht fehler
        die natur macht keine fehler und macht fehler
        weder macht die natur fehler noch keine fehler
        und damit habe ich alles gesagt
        und nichts
        und alles und nichts
        usw. usw. usw. usw…….

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