Huang-po: ein unausdrückbares Mysterium

 

BAlle sich in der Welt manifestierenden Buddhas verkünden nichts anderes als den Einen Geist. So übermittelte Gautama Buddha schweigend dem Mahākāśyapa die Lehre, dass der Eine Geist, der die Substanz aller Dinge ist, sich mit der Leere deckt und die ganze Welt der Erscheinungen durchdringt. Dies wird das Gesetz aller Buddhas genannt. Du magst dies diskutieren, solange du willst – wie könntest du hoffen, der Wahrheit durch Worte näherzukommen? Auch sie ist weder subjektiv noch objektiv wahrzunehmen. Volles Begreifen kann nur durch ein unausdrückbares Mysterium kommen. Der Zugang zu ihm heißt „das Tor der Stille jenseits aller Tätigkeit“. Willst du dies verstehen, dann wisse, dass ein plötzliches Begreifen aufblitzt, wenn der Geist vom Gestrüpp der begrifflichen und unterscheidenden Denktätigkeit gereinigt ist. Wer die Wahrheit mit Hilfe des Intellekts und von Gelehrsamkeit sucht, wird sich nur immer weiter von ihr entfernen. Bis deine Gedanken nicht aufhören, nach hierhin und dorthin auszugreifen, bis du nicht alle Gedanken der Suche nach etwas aufgegeben hast, bis nicht dein Geist so bewegungslos geworden ist wie Holz oder Stein, bist du nicht auf dem rechten Weg zu diesem Tor.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

GLDas ist ein Guru, ein moderner versteht sich, und sein Schüler. Und der Guru sagt: „Ich zeig dir den Weg. Und auf diesem Weg musst du dir nicht deine Knochen verrenken, musst dir nicht den Hintern platt sitzen, musst keine Sutras und Mantras auswendig lernen, musst niemanden anbeten, keine Räucherstäbchen entzünden, musst … gar nix.“ Und der Schüler denkt: „Alles klar, morgen werde ich mit meinem Guru im Paradiese sein und selbst Schüler unterrichten. Das ist fein!“ Es gibt nur eine Bedingung. Irgendein Haken muss ja immer dabei sein! Der Guru sagt: „Volles Begreifen kann nur durch ein unausdrückbares Mysterium kommen. Der Zugang zu ihm heißt ‚das Tor der Stille jenseits aller Tätigkeit‘. Willst du dies verstehen, dann wisse, dass ein plötzliches Begreifen aufblitzt, wenn der Geist vom Gestrüpp der begrifflichen und unterscheidenden Denktätigkeit gereinigt ist.“ Und mit diesen Worten schleudert der Guru seinen Schüler ins Nichts. Mehr kann ja ein Guru nu wirklich nicht tun. Ob bei dem ins Nichts geschleuderten Schüler durch das Schleudertrauma der Geist vom Gestrüpp der begrifflichen und unterscheidenden Denktätigkeit gereinigt wurde und nun ein plötzliches Begreifen aufblitzte, ist Teil des unausdrückbaren Mysteriums. Rechnen kann der Schüler damit jedenfalls nicht. Das wäre auch ausgesprochen kontraproduktiv, weil damit sein Geist schon wieder im Gestrüpp der begrifflichen und unterscheidenden Denktätigkeit hängen geblieben wäre.

Was hat jetzt der Sucher von Huang-pos heißem Tipp? Ich fürchte gar nix. Hat ja schon Shankara gewusst: „Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen; alle Worte sind dem Befreiten nutzlos, da er sie nicht benötigt.“ Deshalb hielt Buddha sein Blümchen schweigend hoch. Mahākāśyapa lachte. Er brauchte keine Worte. Der Rest der Schüler Buddhas lachte nicht. Schöne Scheiße.

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2 Antworten zu Huang-po: ein unausdrückbares Mysterium

  1. Wolf Schneider schreibt:

    Schön! Große Freude beim Lesen. Jeden Tag blinzel ich dort rein, und ungefähr jeden zweiten Tag lese ich den Eintrag. Hab den Link zu deinem Blog schon oft weitergegeben, meist ohne Reaktion, allenfalls kommt von den Empfängern ein höfliches Nicken. Bei mir aber löst dein Blog große Freude aus, immer wieder.
    »Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen; alle Worte sind dem Befreiten nutzlos, da er sie nicht benötigt« (Shankara) – ja, so ist es.
    Dass ich „es“ nicht weitergeben kann macht mich immer wieder traurig. Nun ja, traurig, weiter nichts. Sind deine Worte mir gegenüber nutzlos? Immerhin lösen sie Freude aus, und ich bewundere die Stetigkeit, ja Sturheit, mit der du da jeden Tag einen Eintrag machst. Jeden Tag!!! Wie das Atmen, Aufstehen, die Blase entleeren, Zähneputzen und den Frühstückstee oder -kaffee Trinken kommt dann irgendwann ein Eintrag von diesem Nitya, egal, ob irgendwer das versteht. Nutzlos hin, nutzlos her, es kommt ein Eintrag. Der dann bei mir Freude bewirkt – und Bewunderung, so wie ich Blumen bewundere, oder das sich Räkeln einer Katze oder das bunt herabfallende Herbstlaub, das nun schon fast überall dunkler wird und nass auf dem Boden liegt.
    Und deine bewegten Bildchen!!! Ich bewundere, wie du da mit dem nicht Sagbaren, nicht Zeigbaren spielst. Klar kann ein Guru nichts tun. Aber du spielst damit, dass es so ist; tagein, tagaus spielst du damit. Da zieht eine Figur eine andere (ein Guru seinen Schüler?), dann stürzt der Gezogene ab in den Text hinein und verschwindet darin.
    Und wieder vergeht ein Tag, und solange du lebst und deine Finger bewegen kannst, wird dort auch morgen wieder ein Eintrag stehen.

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Sugata,

      da krieg ich schon mal so einen herzöffnenden Kommentar und dann verschwindet er im Spam-Ordner. Fein, dass du mir eine Mail geschrieben und dich nach dem Verbleib deiner Zeilen erkundigt hast. Sonst wäre mir da ja was entgangen – au weia!

      Ich umarme dich.
      Nitya

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