Osho: nur ein Blatt, das zu Boden schwebt


O

Würde jemand die Geschichte einmal richtig schreiben, dann gäbe es zwei Arten von Geschichte. Die eine wäre die Geschichte der Macher – die Geschichte von Dschingis Khan, Tamerlan, Nadir Shah, Alexander dem Großen, Napoleon Bonaparte, Iwan dem Schrecklichen, Josef Stalin, Adolf Hitler, Benito Mussolini – von all den Leuten, die zur Welt des Machens gehören. Aber es sollte auch noch eine andere Geschichte geben, eine höhere, wesentliche Geschichte, nämlich die Geschichte des menschlichen Bewusstseins, der menschlichen Evolution – die Geschichte von Menschen wie Lao-Tse, Tschuang-Tse, Lieh-Tse, Gautama Buddha, Mahavira, Bodhidharma. Dies wäre eine vollkommen andere Art von Geschichte.

Lao-Tse wurde erleuchtet, als er unter einem Baum saß. Ein Blatt hatte zu fallen begonnen – es war Herbst, und das Blatt schwebte im Wind im Zickzackkurs langsam herab. Lao-Tse sah, wie das Blatt den Boden berührte und zur Ruhe kam. Und als er dem fallenden, zu Boden sinkenden Blatt zuschaute, kam etwas in ihm zur Ruhe. In diesem Moment wurde aus Lao-Tse ein Nichthandelnder. Die Winde kommen von allein, und für alles ist bestens gesorgt.

Lao-Tse war ein Zeitgenosse von Konfuzius, dem großen Denker, Moralphilosophen und Gesetzgeber. Konfuzius gehört zu der anderen Geschichte, zur Geschichte der Macher. Konfuzius hatte enormen Einfluss in China noch bis heute. Tschuang-Tse und Lieh-Tse waren Schüler von Lao-Tse. Diese drei erklommen die höchsten Gipfel – aber das scheint niemanden besonders zu beeindrucken. Die Leute sind beeindruckt, wenn einer großartige Dinge vollbringt. Aber wem macht es schon Eindruck, wenn ein Mensch den Zustand des Nichthandelns erreicht?

aus einer Lecture von Osho


„Aahhh, so geht das!“ denkt der Macher, also der Normalo. „Ich setze mich unter einen Baum und guck zu, wie von ihm ein Blatt herunterfällt. Und schon – bin ich erleuchtet! – Ich muss mich bloß ein bisschen beeilen, solange noch ein Blatt am Baum ist – es soll ja bald schneien. Dann müsste ich wieder auf den nächsten Herbst warten!“

Aber so lief das nicht bei Lao-Tse. Wie muss denn jemand sein, dass ein fallendes Blatt so etwas bewirken kann? Lao-Tse war reif dafür, in dem Blatt, das da vor seinen Augen herunterschwebte, sich selbst und zugleich das gesamte Wirken des Tao zu erkennen. Und indem er sich in dem Blatt erkannte, konnte er sich auch in Dschingis Khan, Tamerlan, Nadir Shah, Alexander dem Großen, Napoleon Bonaparte, Iwan dem Schrecklichen, Josef Stalin, Adolf Hitler, Benito Mussolini erkennen. Auch sie waren wie er nichts als ein herunter schwebendes Blatt.

Der einzige Unterschied zwischen Ihm und all diesen scheinbar so wichtigen Leuten war, dass diese blind dafür waren. Aber das war im Grunde völlig bedeutungslos. Ob ein Blatt noch grün ist oder gelb oder rot oder sonst wie beschaffen ist – ein fallendes Blatt ist ein fallendes Blatt. Lao-Tse, Tschuang-Tse, Lieh-Tse, Gautama Buddha, Mahavira, Bodhidharma, … alles fallende Blätter. Da kann man jetzt ein Riesending draus machen und die beiden Gruppen einander gegenüber stellen, die einen die Bösen nennen und die anderen die Guten … und draußen stürmt der Wind und scheißt sich um nix. Erleuchtet, nicht erleuchtet … wen kümmerts?B

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5 Antworten zu Osho: nur ein Blatt, das zu Boden schwebt

  1. Eine dicke Umarmung für dich, lieber Nitya. Schönes Zitat, schöne Gedanken dazu… ich übersetze immer mal gern Buddhas Kernweisheit in moderne Sprache, was dann lautet: „The root of suffering is the giving of the fucks“🙂

    Einen wunderschönen Freitag!
    Norbert

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  2. chantaltalia schreibt:

    Lieber Nitya,
    …und du nimmst kein Blatt vor den Mund. Wunderbare Gedanken. Danke!
    Chantal

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Chantal,

      danke, dass du meine Kodderschnauze so nachsichtig erwähnst. Wenn dich mein Gequatsche erfreut hat, bin ich schon restlos glücklich.

      Ich wünsch dir einen vergnügten Tag!
      Herzlichst
      Nitya

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