Najmaini: Treue


T Najmaini (der Mann der beiden Sterne) schickte einen Schüler fort mit den Worten: „Deine Treue wurde auf die Probe gestellt. Ich finde sie so unerschütterlich, dass du gehen musst.“

Der Schüler sagte: „Ich werde gehen, aber ich kann nicht verstehen, dass man wegen zu großer Treue weggeschickt wird.“

Najmaini sagte: „Der Jahre lang haben wir deine Treue geprüft. Deine Treue gegenüber nutzlosem Wissen und oberflächlichen Urteilen ist vollkommen. Deswegen musst du gehen.“

aus: Idries Shah, „Die Weisheit der Narren, Meistergeschichten der Sufis“

K

20 Jahre nach dem Ende des Krieges 1870/71 wurde mein Vater geboren. Er vererbte mir nicht nur das Feindbild Frankreich, sondern auch die Ideale von Ehre und Treue – als Ideale, versteht sich, und nicht als etwas, das er selbst unbedingt hätte leben wollen. Als Kaiser Wilhelm II. nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo 1914 sah, dass der Bündnisfall (endlich) eingetreten war, hielt das mein Vater für totale Idiotie, anstatt die Treue seines Kaisers zu rühmen. Und von der Treue zu unserem Führer hielt er wohl auch nicht viel. Aber mit der Ehre hatte er es auch. Dieses Erbteil führte jedenfalls bei mir dazu, dass mich immer heftige Schuldgefühle plagten, wenn es um das Thema „Verlassen“ ging. Aus der Kirche austreten zum Beispiel war wie Vaterlandsverrat oder aus der SPD oder aus dem Beamtenverhältnis oder einer Ehe. Dieser Spruch da oben auf dem SS-Offiziersdolch war tief in meinem Charakter eingegraben und begleitete und piesackte mich über viele Jahrzehnte. Im Moment wird wieder laut über den Bündnisfall nachgedacht. Jens Stoltenberg, Angela Merkel und andere stehen schon Gewehr bei Fuß. Und ich merke, wie mich ein unheiliger Zorn überkommt, wenn ich das höre.

Aber zu der kleinen Geschichte: Najmaini hatte es wohl nicht so mit der Treue als einem Wert an sich. Die sog. Nibelungentreue, die bedingungslose Gefolgschaft bedeutet, war für ihn keine Frage der Ehre, sondern der Intelligenz. Anstatt also seinen Schüler dafür zu loben, dass er in Treue fest zu seinen ganzen Oberflächlichkeiten stand, schmiss er ihn raus. Er sah, dass hier Hopfen und Malz verloren war und erinnerte sich anscheinend an den alten Spruch der Dakota-Indianer: „Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig einfach ab.“TSeng-ts’an: „Suche nicht nach dem Wahren, enthalte dich nur deiner Meinungen.“ Jede Meinung ist ein totes Pferd. Und dann noch in Treue fest? Was blieb dem armen Najmaini anderes übrig, als seinen Schüler rauszuschmeißen?

 

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