Tao-hsin: Klirr

K

Eine Schale voll Wasser zerspringt auf dem harten Boden.
Klirr.

aus: „die verschollenen Schriften von Tao-hsin“

Was soll denn das jetzt? Tao-hsin war immerhin der Dharma-Nachfolger des berühmten dritten Patriarchen Seng-ts’an. Und die Kurzgeschichte hat an die 1.300 Jahre überdauert – wieso wird uns immer noch dieser Kinderkram überliefert?

Wahrscheinlich hat das mit dem Klirren ja schon jeder und nicht nur einmal erlebt. Unser Physiklehrer hat uns immer eingeschärft, wir sollten den kleinen Finger unter ein Glas mit einer Flüssigkeit halten, damit es uns nicht aus den Fingern rutschen kann. Mach ich heute immer noch und bringe mich so um diverse Klirr-Erfahrungen.

Also über solche Geschichten sollte man sich ja gefälligst keinen Kopf machen. Ich mach’s trotzdem mal, damit ich was für heute zu sabbeln habe. Seng-ts’an war der Typ mit dem Spruch: „Suche nicht nach dem Wahren, hör’ nur auf, der Bildzeitung zu glauben.“ Wenn dir eine Schale voll Wasser aus den Händen rutscht und mit einem lauten Klirren auf dem harten Boden zerschellt, dann ist für einen winzigen Moment Ruhe im Karton. Meist ist dieser Moment wirklich absolut winzig, dabei ist er so kostbar. Kein Gedanke, nur ein eigentlich heilsamer Schreck. Ja klar, dann geht’s auch unmittelbar danach wieder los: „Scheiße! Warum kannst du auch nicht aufpassen! Oh Gott, das gibt wieder Ärger!“ Usw. usw. …

Wer nun glaubt, dass Tao-hsin hier eine nützliche Methode beschreibt, der hat sich gewaltig geirrt. Also zerdeppert jetzt nicht absichtlich euer Geschirr, damit es schön klirrt. Zerdeppertes Geschirr wäre das einzige Resultat. Nein, es ist natürlich das Nicht-Vorhergesehene, das Überraschende, was da passiert. Wer genau hinschaut, wird vielleicht bemerken, dass das gar nicht so selten vorkommt. Es kommt im Grunde in jedem Augenblick vor. Aber wer kriegt das schon mit? Ein Augenblick scheint wie der andere zu sein und nur noch auf den Tod zuzukriechen. Kinder erleben das noch völlig anders – wenn man sie lässt. Was ist denn wirklich schon vorhersehbar? Jeder Augenblick könnte auch als ganz neu und einzigartig erlebt werden. Dann klirrt es gewissermaßen die ganze Zeit.aahhh

 

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Eine Antwort zu Tao-hsin: Klirr

  1. fredo0 schreibt:

    „klirr“

    Unmittelbarkeit ….
    verblüffend …
    überraschend …
    doch höchst gewöhnlich …
    seltsam vertraut …
    wohl aus Kindertagen erinnert …
    das Eigentliche …
    Heimat …
    augenblicklich als Form vergehend …
    doch niemals endend

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