Alan Watts: Das Unbewusste ist unbehinderte Natur

 SWenn Sie sich einen Augenblick still und völlig entspannt hinsetzen und ihren Gedanken freien Lauf lassen, Ihren Geist sich, womit immer er will, beschäftigen lassen, ohne Einmischung, ohne ihm Vorschläge zu machen oder dem freien Fluss der Gedanken irgendwelche Hindernisse aufzubauen, werden Sie bald entdecken, dass geistige Prozesse ein Eigenleben führen. Sie werden einen Gedanken nach dem anderen durch Assoziation an die Oberfläche des Bewusstseins holen, und wenn Sie nicht eingreifen, werden Sie sich alsbald bei allen möglichen Gedanken sowohl phantastischer als auch schrecklicher Art ertappen. Gedanken, die sie normalerweise aus ihrem Bewusstsein fernhalten. Über einen gewissen Zeitraum hin wird dieses Experiment Ihnen zeigen, dass Sie in sich die Fähigkeit haben, die verschiedensten Wesen wirken zu lassen – animalische, dämonische, den Satyr, den Dieb, den Mörder -, so dass Sie bald feststellen, dass kein Aspekt des menschlichen Lebens Ihnen fremd ist – humani nihil a me alienum puto.

Normalerweise mischt sich ständig das Bewusstsein in den Fluss des Geistes ein, der dunkel und turbulent ist und die Tiefen verdeckt. Wenn Sie aber, für eine gewisse Zeitspanne, ihn sich selbst überlassen, legt sich der Schlamm, und mit wachsender Klarheit erkennen Sie die Quelle des Lebens und all die Bewohner der Tiefe. Sie werden ebenfalls andere Dinge sehen können. „Zwei Männer sahen in einen Teich. Sagte der eine: ‚Ich sehe eine Menge Schlamm, einen Schuh und eine alte Kanne.‘ Sagte der andere: ‚Ich sehe all dies auch, aber ich sehe ebenso die herrliche Spiegelung des Himmels.'“

Das Unbewusste ist nicht, wie viele meinen, ein geistiger Abfalleimer; es ist vielmehr unbehinderte Natur, dämonisch und göttlich, schmerzvoll und angenehm, abscheulich und liebenswert, grausam und mitleidsvoll, destruktiv und schöpferisch. Es ist die Quelle des Heroismus, der Liebe, sowohl der Inspiration als auch der Angst, des Hasses und des Verbrechens. Tatsächlich ist es so, als wenn wir in uns eine exakte Kopie der Außenwelt trügen, denn die Welt ist ein Spiegel der Seele und die Seele ein Spiegel der Welt. Sobald Sie das Unbewusste zu spüren beginnen, werden Sie aus diesem Grunde nicht nur sich, sondern auch die anderen verstehen lernen. Und wenn Sie auf menschliche Verbrechen und Dummheit sehen, können Sie vollen Herzens sagen: „Hier stehe ich nur dank der Gnade Gottes.“

aus: Alan Watts, „Die sanfte Befreiung“


„Das Unbewusste ist nicht, wie viele meinen, ein geistiger Abfalleimer“, sagt Alan Watts. Das Unbewusste wird allgemein als Ort des Verdrängten gesehen. Alles, was mir unerträglich erscheint, wird dorthin geschoben. So kann ich einigermaßen unbehelligt von meinen Abgründen ein relativ friedlich-bürgerliches Leben leben. „Doch wie’s da drinnen aussieht, geht niemand was an.“ singt der chinesische Prinz Sou-Chong in Franz Lehars Operette „Land des Lächelns“. „Geht niemand was an“ – nicht einmal einen selber. Unser Unbewusstes – ein geistiger Abfalleimer also, wie viele meinen? Alan Watts widerspricht ihnen ganz energisch.

Das Unbewusste ist vielmehr „unbehinderter Natur, dämonisch und göttlich, schmerzvoll und angenehm, abscheulich und liebenswert, grausam und mitleidsvoll, destruktiv und schöpferisch. Es ist die Quelle des Heroismus, der Liebe, sowohl der Inspiration als auch der Angst, des Hasses und des Verbrechens.“ Was wird denn dann aus meinem Kampf gegen „die Achse des Bösen“? Ich bin doch der Gute, der Verständnisvolle, der Hilfsbereite, der Liebevolle, … – was für ein Witz! Da muss ich die Augen schon ganz-ganz fest zumachen, um diesen Blödsinn glauben zu können.

WAlan Watts kleine Übung könnte diesem naiven Irrglauben ein jähes Ende bereiten und mich zu der Erkenntnis bringen: „Nichts Menschliches ist mir fremd.“ Und der Verdacht könnte in mir auftauchen, dass fast alles, was die Menschen so treiben, nur diesem einen Zwecke dient: Nicht sehen zu müssen, dass sie diese Welt sind. Die ganze Welt, „dämonisch und göttlich, schmerzvoll und angenehm, abscheulich und liebenswert, grausam und mitleidsvoll, destruktiv und schöpferisch“, … und nicht diese domestizierte, zivilisierte, kastrierte, brave Welt, die wir uns so gerne zugutehalten würden. Die Flüchtlinge, die gerade in unser Land kommen, kratzen gerade gewaltig an dieser hauchdünnen Schicht unserer Einbildungen bezüglich unseres edlen Charakters und sorgen für ein bisschen mehr Ehrlichkeit uns selbst gegenüber.

 

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Eine Antwort zu Alan Watts: Das Unbewusste ist unbehinderte Natur

  1. Eno Silla schreibt:

    Zum Thema „Achse des Bösen“:
    Ein Interview mit Daniele Ganser:

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