Im Anfang war das Wort.

 

BIm Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Johannes 1,1

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

aus: Johann Wolfgang von Goethe, „Faust – Eine Tragödie – Kapitel 6“

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Die größte Raffinesse der Darstellung liegt in der Sprache, mit der Orwell seine Vorliebe für Paradoxie auf die Spitze treibt. Das Kriegsministerium heißt „Ministerium für Frieden“, das „Ministerium für Liebe“ ist für Folterungen zuständig, das „Ministerium für Wahrheit“ verbreiten die Wahlsprüche der Partei:

KRIEG IST FRIEDEN
FREIHEIT IST SKLAVEREI
UNWISSENHEIT IST STÄRKE

aus dem Nachwort zu George Orwell, „1984“

 

Das Wort ist nicht das Ding.

Jiddu Krishnamurti

Das ist das Geile an den Worten, mit ihnen kann man alles machen. D.h., eigentlich kann man nichts mit ihnen machen, da ich alles mit ihnen machen kann. Ich kann DAS mit Karl Renz auch Unterhose nennen oder ich kann es Klobürste oder Ratschnikakalaki nennen.

Vor ein paar Tagen habe ich mir die Winterreifen aufziehen lassen. Natürlich musste ich dafür eine Auftragsbestätigung unterschreiben. Dem Wort, auch wenn es, wie geschrieben steht, im Anfang war, ist halt nicht zu trauen. Aber da bin ich ja Kummer gewohnt. Wenn ich als Kind etwa zum Milchladen gehen sollte, um irgendwas einzukaufen, musste ich bei meinem Vater immer das Einkaufsgeld, das er mir mitgab, mit meiner Unterschrift quittieren und hinterher mit dem Kassenbeleg auf Heller und Pfennig abrechnen. Einen Beleg für die Abgabe des restlichen Geldes habe ich allerdings nie erhalten. Na ja, mein Vater war halt ein Jurist. Wem können Juristen schon trauen? Später war ich meinem Vater richtig dankbar für sein Verhalten, lernte ich doch auf diese Weise sehr früh, den bloßen Worten nicht unbedingt Glauben zu schenken. Da brauchte ich beispielsweise bloß an die Werbung zu denken oder an die Aussagen der Politiker und der Pfaffen. Das führte dann dazu, dass ich sehr früh damit anfing, jedes Wort zu hinterfragen. Macht das Leben ja nicht unbedingt einfacher, aber hat auch so seine Vorteile.

Worte sollen etwas ausdrücken. Worte sollen etwas beschreiben. Worte sollen etwas bewirken. „Sei mal ein richtiger Kerl!“ sagte mal mein Turnlehrer zu mir, als ich wie ein schlaffer Sack am Reck hing. Was ist denn ein richtiger Kerl? Ein Weichei und Warmduscher sollte ich dagegen keinesfalls sein.

NOder heutzutage ein Nazi. Was ist ein Nazi? Ein National-Sozialist – ist das was Schlimmes? Also wenn ich nur von der Wortbedeutung herkomme, ist das doch im Falle eines guten Staatsbürgers jemand, der das Beste für sein Land will, also zum Beispiel dessen unangetastete Souveränität zu verteidigen versucht, und sich darum kümmern will, dass die erwirtschafteten Güter einigermaßen gerecht verteilt werden. Hört sich doch gar nicht so schlimm an. Aber natürlich, da gab es den Adolf und die Nazi-Ideologie und Krieg und Gewalt und KZs und und und … Und danach gab es die Entnazifizierung und das Verbot von Adolfs Machwerk und seinen Symbolen und die Umerziehung zu guten Demokraten.

Es ist die alte Verwechslung von „rechts“ mit faschistisch, als ob es nie linke Faschisten gegeben hätte. Darüber hinaus wird national gern als rechte Haltung bezeichnet und sozialistisch als linke. Wenn ich an das Ahlener Programm der CDU von 1947 denke, war da eine ganz andere Sichtweise zu erkennen. Aber wer erinnert sich heute noch an dieses Programm? Heute zeigt sich unsere gute demokratische Erziehung u.a. dadurch, dass wir Waffen made in Germany nach Katar liefern und denjenigen, die vielleicht mit unseren Waffen aus ihrer Heimat Syrien gebombt worden sind, unsere deutsche Willkommenskultur offerieren sowie diejenigen, denen das Angst macht, als Nazis beschimpfen. So einfach ist es, mit einem Wort etwas zu bewirken – wenn es Menschen gibt, die sich das anziehen.

Und wenn man dazu keine Lust hat? Die Black Power-Leute hatten dazu beispielsweise keine Lust. „Black is beautiful!“ setzten sie gegen die Diskriminierung der Afroamerikaner. Ließe sich dieses Rezept auch gegen (sorry!) die Diskriminierung der „Nazis“ einsetzen? Also sicherheitshalber: Unter Nazis sind hier die zu verstehen, die den Irrsinn der derzeitigen Politik Irrsinn nennen. „Nazi-Power“ oder “ National Socialist Movement is beautiful!“ vielleicht? Man müsste das natürlich richtig eindeutschen. Aber das kann man ja nicht machen von wegen unserer Vergangenheit. Mist! Außerdem wird man dann ja sofort gleichgesetzt mit diesem aggressiven Pack, wie das etwa unser aller lupenreindemokratischer Vizekanzler genannt hat. Schwierig, schwierig. Was kann, soll man denn überhaupt noch sagen? Ist ein National-Sozialist ein krimineller Gewalttäter? Mir scheint, das Wort ist absolut verbrannt – es wird aber dennoch allenthalben gebraucht. Was tun? Mit „Ich bin ein Nazi!“ konnte mein Lehrer damals in den Sechzigern noch gegen die heuchlerischen Reinwaschungsbemühungen seiner Mitbürger anstinken. Und heute? „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Hilfe!D
Jetzt weiß ich, warum Buddha nur sein Blümchen hochgehalten hat. Das war halt noch ein richtiger Anarchist von echtem Schrot und Korn.

 

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3 Antworten zu Im Anfang war das Wort.

  1. fredo0 schreibt:

    Im Anfang war das Wort (λόγος)
    und das Wort war bei Gott,
    und das Wort war Gott.
    Im Anfang war es bei Gott.
    Alles ist durch das Wort geworden
    und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

    (λόγος) = logos wird hier mit „Wort“ übersetzt.
    Natürlich hab ich mir über den Beginn des Johannesevangeliums auch so meine Gedanken gemacht … und besonders der Begriff „Wort“ schien mir dabei interessant …

    Welches (Ur)-Wort steht denn vor dem (ersten) Wort … ?
    und welches Wort war damit „bei“ Gott ?
    und welches Wort war damit „gleich“ Gott (als Schöpfer) ?
    und (durch) welches Wort wird alles (erscheinende) geschaffen ?
    und ohne dieses „Wort“ kann nichts „werdendes“ entstehen ?

    Was für ein Wort kann dies sein ?

    Mir „deuchte“ da , es könnte ja gar kein Wort im Sinne eines Konzeptes , eines Vokabelbegriffes als Hinweis sein … das wäre ja niemals „direkt“ Wirklichkeit ( als Ableitung aus Wahrheit) erschaffend …
    dann „deuchte“ mir , mich an eine alte HathaYogaTechnik erinnernd , das es ja der ( Klang des ) Atems sein könnte , was da angedeutet wird …
    das SO HAM , das den Klang des Ein- und Ausatmens umschreibt …
    kein Wort im Sinne einer abstrakten Vorstellung , sondern direkt erlebtes Leben im Atem als „Wort“ähnlichen Klang.

    Ist das das „Wort“ das am Anfang stand ? …
    am Anfang meines Lebens bestimmt , als mich der aufmunternde Schlag der Hebamme auf den Poppes traf …
    und ohne dieses SO HAM … wo ist da noch Welt ? und Anfang ? und Ende ? …

    Nun ja … auch wenn der Herr Johannes damals womöglich was völlig anderes gemeint hatte , so gefällt mir meine „Deuchtung“ doch auch sehr gut …

    Atem als „erstes (und letztes) Wort“ …
    hat für mich schon was …

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  2. Eno Silla schreibt:

    Hier sind nur Worte – spontan erschaffend
    Leere und Form und all die bedeutungslose Bedeutung

    Dies hier jetzt – einzigartige Vielheit
    So flüchtignichtig und doch vollkommen abgefahren

    Bittere Süße – Sein

    Unauslotbare Höhen und Tiefen
    Und der ganze Quatsch

    Herbstsonne streichelt mein Gesicht
    Lässt mich lächeln
    Durch all die Traurigkeit hindurch

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  3. #radikalersolipsist schreibt:

    Dazu habe ich die Tage einen Artikel geschrieben…aus dem hebräischen Original übersetzt ergibt es:

    „In den Köpfen (im Haupte) erschaffen Beschwörungen den Himmel und die Erde“

    https://radikalersolipsist.wordpress.com/2015/10/19/was-wirklich-in-der-bibel-steht/

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