Alan Watts: das Wunder im Schöpfen des Wassers



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Im Zen entdecken wir die zentrale Wahrheit östlicher Weisheit nackt und unbeschämt – ihrer Verzierungen und Symbole beraubt. Manchmal erscheint sie äußerst verwirrend und dann wieder äußerst absurd. Aber sie unterscheidet sich nicht von der höchsten Erfahrung, die das Kernstück jeder anderen Religion mit dem Ziel ist, die Freiheit des Geistes zu ermöglichen. Und doch sind wir so an Doktrinen und Symbole gewöhnt, so eng verbunden mit den bloßen Bildern der Weisheit aus verflossenen Jahrhunderten, mit den Namen eines Gottes, dessen Selbst unsichtbar bleibt, dass wir, wenn jemand auf die Erfahrung direkt verweist, überrascht sind und unseren Augen nicht trauen können. Und das umso mehr, wenn das Betonte direkt vor unserer Nase liegt und wir es normalerweise aus Stolz nicht beachten. Aber Gott ist immer da zu finden, wo er am wenigsten erwartet wird, niemand hätte je daran gedacht, ihn im Kuhstall eines Landgasthauses zu suchen.

Und wenn Zen uns die zentrale Erfahrung der östlichen Religion erschließt, kann niemand sagen, dass Asien uns nur die via negativa der Welt-Verleugnung bieten kann. Östliche Philosophie macht aus dem Menschen und dem Universum nur als Stufe zu deren Göttlichkeit ein Trugbild, so dass wir ein Wunder im Schöpfen des Wassers und Tragen des Holzes entdecken. Denn in der Doktrin, dass jede Kreatur und jedes Ding ein vergänglicher Aspekt des ewigen Brahman sind, kann nur ein unwissender Geist eine Verleugnung der lebendigen Formen entdecken; ihre Absicht war sogar, ihnen die höchste Bejahung zuzusprechen, die Menschen auszudrücken vermögen.

aus: Alan Watts, „Die sanfte Befreiung“

W„In der Doktrin, dass jede Kreatur und jedes Ding ein vergänglicher Aspekt des ewigen Brahman sind, kann nur ein unwissender Geist eine Verleugnung der lebendigen Formen entdecken.“ Ich hätte es ja lieber Erkenntnis genannt als Doktrin. Da ist dann immer schnell ein doktrinär dabei. Und schon ist man wieder beim Glauben angelangt oder bei den ganzen Diskussionen über richtig und falsch. Es wird gesehen oder halt nicht gesehen, das reicht doch schon.

Nicht einmal der Ausdruck „unwissenden Geist“ gefällt mir. Ja, aus der Sicht dessen, der da etwas sieht, mag das so erscheinen. Aus der Sicht dessen, der das nicht sieht, erscheint der Ausdruck entweder anmaßend oder es katapultiert ihn in die Rolle des blinden Versagers. Nein, da sind einfach Leute, die sich daran freuen, dass jede Kreatur und jedes Ding ein vergänglicher Aspekt des ewigen Brahman sind, eingeschlossen natürlich sie selbst.

„Östliche Philosophie macht aus dem Menschen und dem Universum nur als Stufe zu deren Göttlichkeit ein Trugbild, so dass wir ein Wunder im Schöpfen des Wassers und Tragen des Holzes entdecken.“ Es ist auch keine Philosophie; wem sollte denn diese Philosophie helfen, solange es nicht selbst erkannt worden ist?ONoch einmal Shankara mit diesem gemeinen Spruch: „Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen; alle Worte sind dem Befreiten nutzlos, da er sie nicht benötigt.“ Wissend vs. unwissend, befreit vs. unbefreit – also wenn ich jetzt mal ausnahmsweise (hihi) pingelig sein will, würde ich ja gern mit Hui-neng sagen: „Im Grunde gibt es keinen Bodhi-Baum, noch gibt es Spiegel und Gestell. Da ist ursprünglich kein (einziges) Ding – wo heftete sich Staub denn hin?“ In diesem Sinn gibt es weder einen Wissenden noch einen Unwissenden, weder einen Befreiten noch einen Unbefreiten. Aber was soll so’n armer wissender Befreiter machen, wenn er etwas sagen will, was aus seiner Sicht stimmig ist? Vielleicht sollte er einfach die Klappe halten. Wär ja auch irgendwie schade, gelle? Aber es ist halt so: Seit Buddha seinen goldenen Mund aufmachte, ist die Erde mit Dickicht überwachsen. Wenn er geschwiegen hätte, wäre sie vermutlich auch mit Dickicht überwachsen. Also, was soll’s?

Alan Watts sagt: „Wir sind so an Doktrinen und Symbole gewöhnt, so eng verbunden mit den bloßen Bildern der Weisheit aus verflossenen Jahrhunderten, mit den Namen eines Gottes, dessen Selbst unsichtbar bleibt, dass wir, wenn jemand auf die Erfahrung direkt verweist, überrascht sind und unseren Augen nicht trauen können. „Da hosch dein Dreck im Schächtele,“ wie der Schwabe sagt. Doktrinen und Symbole helfen uns nicht weiter, wenn wir an ihnen kleben bleiben. Kirchen und Tempel strotzen nur so von Symbolen, die alle wiederum auf irgendwelche Doktrinen verweisen, nur ist halt wirklich Wort, Symbol oder Ding nicht das, wofür sie stehen. Es mag ja sehr erbaulich sein, sich mit all diesen Dekorationen zu umgeben, aber sie sind halt allesamt bestenfalls nur Fingerzeige, die einem das Hingucken nicht ersparen können. Aber was ist kein Fingerzeig? Jeder Kieselstein kann so ein Fingerzeig sein, und er ist völlig unverdächtig, irgendwie besonders heilig zu sein. „Spüren Sie’s?“

MWer nix spürt, neigt dann halt dazu, einen Ersatz für das Wirkliche zu nehmen und sich damit zufrieden zu geben. Und weil sich der Ersatz meist ziemlich beschissen anfühlt, schneidet man auch gern mal jemandem den Kopf ab, der nicht bereit ist, den eigenen mickrigen, ach so heiligen Ersatz anzubeten. Das festigt dann den eigenen Glauben, der auf so dünnen Beinchen steht, dass er ständiger Bekräftigung bedarf.

 

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