Grock: Ich lebe gern!


GIch fahre über den Gotthard nach Italien, nach Oneglia ans Meer, wo mein neues Haus steht, und am Morgen, wenn ich die Fensterläden aufstoße, schaue ich weit, weit über das Meer hinüber nach einer Insel mit verschneiten Gipfeln: Corsica!

Wie gut wird der kräftige rote Landwein schmecken, den ich mir aus eigener Rebe zog! Ich werde den Wein nicht nur trinken, ich werde ihn vor Wohllust beißen, gute Weine soll man zuerst beißen. Wie werden mir die Peperoni schmecken, die Tomaten, die Kürbisse, der bittere Salat, Feigen, Mandeln, Trauben, Granatäpfel, Orangen, Mandarinen, alles eigenes Wachstum!

Ich sehe mich wieder in der alten Kürbislaube am großen runden Steintisch, Nachtfalter mit Perlmutterflügeln, groß wie Fledermäuse, schlagen gegen die Lampe. Da sitzt meine liebe Frau, die ich lieb habe wie am ersten Tag vor fünfundzwanzig Jahren; da sitzt meine teure Mutter, bald achtzigjährig und dennoch frisch und lebenslustig wie eine Fünfzigjährige; da sitzt mein Schwiegervater mit dem kühnen Kopf, alter Carabinierioffizier, und wenn er nicht gerade die Virginia im Mund führt, so führt er sicher in der Faust seinen Stutzen und geht in die Berge jagen; da sitzt die Schwiegermutter, echt und voll Kraft, die würdige Gefährtin ihres Mannes; aus dem Haus aber tönt ein Chopinprälude, gespielt von Tochter Bianca, die einst eine große Pianistin sein wird.

Und schon am kommenden Sonntag werde ich dich heimsuchen, alter guter Garibbo, mein Baumeister und Freund mit den fünf unbeweibten Söhnen hinten im Tal der Oliven und Feigen, und dann mußt du mir zu Ehren das versprochene Kalb schlachten, und jeder wird seinen Kalbsteil am Spieß am großen Feuer eigenhändig braten.

Ich freue mich auf mein Daheim. Daheimsein! Daheimsein! Ich weiß, was das heißt. Wohl dem, der das heute noch sagen kann!

Wahrhaftig, ja, ich habe es gut. Ich bin gesund. Ich bin mit mir im Gleichgewicht. Menschen sind um mich, auf die ich mich ganz und gar verlassen kann.

Aber jetzt ist genug geschwärmt. Wir müssen aufbrechen, wenn uns die Nacht nicht überraschen soll.

Prosit und nichts für ungut, diesen Doppel-Grog mit altem Jamaikarum der ganzen Welt!

aus: Grock, „Ich lebe gern!“CIch besuchte einmal einen jungen Lehrer in einem Allgäuer Dorf, an den ich denken musste, als ich diesen Text des berühmten Clowns Grock las. Ich war noch nicht richtig aus meinem Auto geklettert, als ich schon umringt wurde von einem Häufchen fröhlicher Kinder mit geradezu märchenhaft roten Backen, von denen jeder einzelne unbedingt meine Tasche tragen wollte. Sie wussten offensichtlich, dass ich kommen würde und berichteten mir begeistert, was für einen tollen Lehrer sie hätten und dass ich bitte nett zu ihm sein sollte. Als sie mich dann in dem kleinen Lehrerzimmer abgeliefert hatten, bekam ich sofort einen Kaffee angeboten, den ich auch dankbar annahm. Auch die Lehrer im Lehrerzimmer erzählten mir von ihrem netten Kollegen und waren überhaupt wie die Kinder von einer geradezu überschäumenden Herzlichkeit. Mir war, als wäre ich ein Jahrhundert zurückversetzt worden, und mir wurde richtig wehmütig ums Herz, als ich daran dachte, dass die Gebiets- und Schulreform demnächst auch diese Idylle zerstören würde.

Ähnlich ging es mir mit dem Text von Grock. Er war noch so ganz „in der Welt“, freundlich, liebevoll, erdverbunden, heimatverbunden, die Fülle des Seins genießend. Und wieder war das Gefühl da, etwas unwiederbringlich verloren zu haben. Bei diesem „in der Welt“ fiel mir natürlich das „nicht von der Welt“ ein, das Jesus einmal beschworen haben soll und das für viele spirituelle Zeitgenossen ihr Ein und Alles geworden zu sein scheint. „Das könnte euch so passen!“ dachte ich mir. „Euch einfach davonstehlen wollen in ein reines Nichts.“ Und da ist dann nicht einmal mehr jemand, der sich davonstehlen könnte, nur ein absolut impotenter Nicht-Jemand im ewigen Nichts-Etwas.

„Form ist Leere, Leere Form.“ hat es Buddha auf den Punkt gebracht. Die Peperoni, Tomaten, Kürbisse, der bittere Salat, die Feigen, Mandeln, Trauben, Granatäpfel, Orangen, Mandarinen, … sind absolut eins mit dem, was „nicht von der Welt“ ist. Und wenn ich den ratsuchenden notorischen Sucher mit klagender Stimme rufen höre: „Wie erlange ich Erleuchtung? Was muss ich tun?“, dann fallen mir diese Zeilen aus einem Gedicht des Hamburgers Barthold Heinrich Brockes ein, das ich kürzlich gelesen habe:

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Und anstatt ständig zu beteuern, dass es mich nicht gibt, kein Ich, sondern nur ein ICH und so’n Zeug, wär’s doch eigentlich wenigstens hin und wieder ganz nett, mit Grock sein Glas zu erheben und diese wunderschöne Welt hochleben zu lassen: „Prosit und nichts für ungut, diesen Doppel-Grog mit altem Jamaikarum der ganzen Welt!“

 

Um mit Fredo zu sprechen: Das war ja mal wieder ein ER-EIG-NIS !
Da muss ich morgen unbedingt den Karl dazu bitten.

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3 Antworten zu Grock: Ich lebe gern!

  1. chantaltalia schreibt:

    Grock, “Ich lebe gern!”
    Chantal: „Nitya, ich lese dich immer wieder gern“🙂

    Deine Blog: Bunte Blätter, die vom Baum der Erkenntnis fallen. Meine Füsse baden darin und freuen sich an der Farbenpracht. Ich muss dem nichts hinzufügen.
    süsse Herbsgrüsse
    Chantal

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Chantal,

      ich hoffe, du liest nicht nur gern, sondern lebst auch gern. Und was das Bad in den bunten Blättern, die vom Baum der Erkenntnis fallen, betrifft, empfehle ich dir unbedingt ein Ganzkörperbad. Dabei ein paar süße Weintrauben oder gerne auch ein Doppel-Grog mit altem Jamaikarum – das wär’s doch!

      Herzlichst
      Nitya

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      • chantaltalia schreibt:

        Danke lieber Nitya für die Empfehlung. Fast so ist es gestern auch intutiv herausgekommen. Nur der Doppel-Grog mit altem Jamaikarum fehlt bei mir im Haushalt.
        Dir weiterhin reiche Ernte im Erkenntniswald.🙂

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