Bernd A. Laska: Karlheinz Deschner und Max Stirner


LEiner der mutigsten und unabhängigsten, zumal nicht in Staatsdiensten stehenden Köpfe unter den Aufklärern und Freidenkern unserer Zeit, der hauptsächlich als Kirchenkritiker hervorgetretene Karlheinz Deschner (1924-2014), ist einer der ganz wenigen unter ihnen, die sich a) mit Stirner näher befasst und b) öffentlich über ihn geäussert haben. Deschner, der sich selbst lieber Agnostiker nennt denn Atheist, schwankt in einem (wenig bekannten) Aufsatz über den „Einzigen“ zwischen gedämpfter Bewunderung des Mutes Stirners und entschiedener Ablehnung der Resultate dieses Mutes. Anerkennende Passagen konterkariert er deshalb durch Parenthesen wie „seine anarchistische Verstiegenheit einmal beiseite“ oder „ungeachtet aller Überdrehtheiten“. Deschners abschliessende Würdigung Stirners ähnelt der, die Jodl, Schäfer und andere, die sich wohlwollend zeigten, gaben: „Gewinnt doch angesichts so vieler pseudosozialistischer Kollektivierungs- und Nivellierungsprozesse … [Stirners] Insistieren auf dem immerwährenden und immerwährend geschändeten Recht des Individuums erhöhte Bedeutung.“DWas der Religionskritiker Deschner bei Stirner perhorresziert, ist ausgerechnet dessen Programm der Liquidation des „Heiligen“ (d.h., mutatis mutandis, des „Über-Ichs“ als unbewusst implantierter Wertecodex), und zwar so sehr, dass er eine zentrale diesbezügliche Stelle des „Einzigen“ sinnentstellt paraphrasiert: „Das Jenseits ausser Uns dürfe nicht, wie in der Aufklärung, durch ein ‚Jenseits in Uns‘ beseitigt werden, sondern durch – Uns.“ Bei Stirner heißt es jedoch, mit Bezug auf die zeitgenössischen Atheisten und Religionskritiker: „Das Jenseits ausser Uns ist allerdings weggefegt, und das grosse Unternehmen der Aufklärer vollbracht; allein das Jenseits in Uns – ist neuer Himmel geworden und ruft Uns zu neuen Himmelsstürmen auf.“SStirners Postulat, die (alte) Aufklärung, die im kognitivrationalen Bereich operierte, sei am Ende ihrer Möglichkeiten und deshalb durch eine neue, im affektiv-emotionalen Bereich operierende – und damit „praktisch“ werdende – fortzusetzen (was heisse, die Bastionen des „Heiligen“ in den Individuen zu schleifen bzw. besser erst gar nicht entstehen zu lassen), dieses Postulat stiess bis heute stets auf spontane Abwehr in sehr unterschiedlichen, in dieser Wirkungsgeschichte kurz vorgeführten Formen – wobei die interessanteren Fälle freilich die Autoren sind, die ein aufklärerisches, freidenkerisches, irreligiöses etc. Selbstverständnis haben.

aus: Bernd A. Laska, „Ein dauerhafter Dissident“

UDas Jenseits außer Uns ist gewissermaßen ein kollektiv beanspruchter Raum, über den die selbsternannten Stellvertreter „des Höchsten“ nach Gutdünken glauben beliebig verfügen zu können. Deschner unterstellte Stirner, dass dieser meine, dass das imaginäre „Jenseits außer Uns“ durch Uns beseitigt werden müsse. Stirner meinte jedoch, dass dieses „Jenseits außer Uns“ durch die Aufklärer längst hinweggefegt worden sei. Diese Arbeit sei also schon verrichtet worden. Nun ginge es darum, dieses „Jenseits in Uns“, in jedem einzelnen Individuum also, ganz neu zu entdecken.

Was ist unter dem Begriff „Jenseits“ zu verstehen? Für mich würde ich das übersetzen mit: Jenseits der Person, für die ich gehalten werde. Das, was übrig bleibt, wenn ich alles Beschreibbare weg lasse, ist das „Jenseits in Uns“. Die Ausdrucksweise finde ich allerdings ziemlich irreführend. Das „Jenseits in Uns“ kann entdeckt werden, wenn dieses „Uns“ verschwunden ist. Das Jenseits ist auch kein Objekt, das ein Subjekt namens Ich entdecken könnte. Subjekt und Objekt verschwinden gemeinsam und das, was jenseits des Beschreibbaren ist, offenbart sich ganz von selbst und es zeigt sich, dass es nie nicht war.

HNoch etwas zum Begriff des „Heiligen“. Er findet sich in dem in Klammern stehenden Hinweis: „Stirners Postulat, die (alte) Aufklärung, die im kognitivrationalen Bereich operierte, sei am Ende ihrer Möglichkeiten und deshalb durch eine neue, im affektiv-emotionalen Bereich operierende – und damit „praktisch“ werdende – fortzusetzen (was heisse, die Bastionen des ‚Heiligen‘ in den Individuen zu schleifen bzw. besser erst gar nicht entstehen zu lassen) …“ Wenn ich das richtig verstehe, ist hier von etwas Heiligem die Rede, das durch gesellschaftliche Übereinkunft für den Einzelnen festgelegt wurde. Von daher ist die Forderung mehr als nachvollziehbar, diese Bastionen des „Heiligen“ in den Individuen zu schleifen bzw. besser erst gar nicht entstehen zu lassen. Ob das, was Stirner das „Jenseits in Uns“ nennt, zum neuen Heiligen erklärt wird, sei jedem Einzelnen überlassen. In diesem Zusammenhang erinnere ich an Bodhidharmas berühmten Ausspruch: „Offene Weite – nicht von heilig.“

 

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