manchmal ist die Sonne von Wolken bedeckt


A Die beiden Verse von Shen-hsiu und Hui-neng wurden später zu den Eckpfeilern der Auseinandersetzungen zwischen der nördlichen und der südlichen Schule des Ch’an. In Shen-hsius Sinnbild kommt die der Nordschule eigentümliche Haltung klar zum Ausdruck. Sie sieht die Meditation als einen fortschreitenden Reinigungsprozess, der schließlich in die Erleuchtungserfahrung mündet. Der Spiegel, nämlich der Geist, muss unaufhörlich gewischt werden, weil sich immer aufs Neue Irrungen einstellen. Das ist die Aufgabe der Meditation. Es versteht sich von selbst, dass ein ständig Staub wischender Mensch wenig Vertrauen hat zum Leben und zu einer weltabgewandten Haltung tendiert, in der Hoffnung, eines Tages das zu erlangen, was er sich unter Erleuchtung vorstellt.

In der Ansicht der südlichen Schule ist dieses Unterfangen sinnlos, da Klarheit und Trübung von vornherein zusammengehören und die gleiche Natur haben. Das bedeutet, dass die Irrungen und Täuschungen, denen man als Mensch unterworfen ist, den Geist nur vorübergehend verdunkeln, so wie die Sonne die immer scheint, manchmal von Wolken bedeckt ist. Wer käme denn auf die Idee, am Himmel ständig die Wolken wegzublasen? So, wie die Sonne die Wolken von selbst verbrennt, wenn die Umstände es ermöglichen, so verbrennt die Weisheit die Trübungen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Die Erleuchtung blitzt auf, sobald die Bedingungen dafür gegeben sind. So gesehen besteht zwischen Meditation und Erleuchtung kein direkter Zusammenhang.

aus: Agetsu Wydler Haduch, „Als Zen noch nicht Zen war“
MIch hatte kürzlich ja schon einmal die beiden Verse hier im Blog:

Der Leib, das ist der Bodhi-Baum,
der Geist, er gleicht dem klaren Ständer-Spiegel.
Wisch ihn denn immer wieder rein,
lass keinen Staub sich darauf sammeln.
vs.

Im Grunde gibt es keinen Bodhi-Baum,
noch gibt es Spiegel und Gestell.
Da ist ursprünglich kein (einziges) Ding –
wo heftete sich Staub denn hin?

Agetsu Wydler Haduch bezieht in ihrem Beitrag keine Position für oder gegen die eine bzw. die andere Schule. Auch ich kann nicht sagen, die eine hat Recht und die andere Unrecht. Ich kann letztlich nur schauen, was ich in mir vorfinde. Und da ist eine ziemlich klare Tendenz zu sehen. Als ich als Junge den Leistungsschwimmer machte, fiel der mir ungleich leichter als der vorausgegangene Fahrtenschwimmer. Eine Dreiviertelstunde im Kreis herumschwimmen, war wirklich eine Herausforderung für mich und ich hasste es abgrundtief. Dagegen waren die Bedingungen für den Leistungsschwimmer abwechslungsreich und für mich sehr befriedigend und ich freute mich schon auf die nächste Herausforderung, den Grundschein.

Wenn ich also von Zeit zu Zeit über die „Plattärsche“ herziehe, die glauben, dass ihnen ihre Dauersitzerei irgendwie weiterhelfen würde, dann ist das sicher auch meinem Naturell geschuldet. Im Übrigen hat Hung-jen, der Meister von Shen-hsiu und Hui-neng, sich sehr klar positioniert. Er sah auf den ersten Blick, das Shen-hsiu anders als Hui-neng noch nicht zum Kern der Erkenntnis vorgestoßen war. Aber letztlich kann nur gesagt werden: Weder garantiert Meditation letzte Erkenntnis noch kann sie diese verhindern. Wenn der Groschen fällt, dann fällt er halt, und wenn’s beim Stolpern über einen spitzen Stein ist oder irgendwo in luftiger Höhe. C

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3 Antworten zu manchmal ist die Sonne von Wolken bedeckt

  1. fredo0 schreibt:

    Ich fand einen guten Begriff … Dekoration … ich habe ja mit derartigen „dekorativen“ Gütern gehandelt und sie auch noch produziert ( bis heute für den Brötchenerwerb ) … Dekoration ist halt nur Dekoration … ohne wirkliche (eigene) Essenz … doch dies ( die wirkliche Essenz ) aufs best möglich in dieser Dekoration abgebildet bzw. angedeutet … und … da es halt keine „wirkliche“ Dekoration gibt … ja geben kann … auch aufs feinst mögliche dekorativ „be-wirklicht“ , wie ich es nenne … Dekoration hat halt einen „Duft“ des Wirklichen … mehr oder weniger .
    Ich fand bisher ein un-dekoriertes Alltags-Leben völlig unmöglich … selbst die Kargheit eines Zen-Gartens nutzt/braucht Dekoration … zur Dar-stellung vom DA … und sei es Kiesel , Fels und Moos … karg , reduziert , doch immer noch Dekoration … dieser Dekoration als Ab-Bildung aus dem unendlich Potenziellen ist unser (Er)Lebens-Alltag geschuldet , denn zum erleben des Lebens braucht es Objekte … zusätzlich zum Erleben der Lebens-Geschichte sind es genau diese „dekorativen“ Dinge die uns ( zusätzlich ) auch an das „Ruhende“ erinnern können , in dem wir sie in Meditation als Dekoration erkennen können …
    Sie haben nicht die Potenz dies „Ruhende“ zu „sein“ oder ihm zu „entsprechen“ , doch sie haben die mögliche Potenz eine Ver-Erinnerung auszulösen …

    Einst stand ich in den 90-Jahren auf dem Dach des Rockholm-Hotels in Südindien . Dort bewohnte Ramesh Balsekar ein kleines 2-Zimmer-Häuschen und nach einem seiner Talks führte er dort seine Bewegungsroutinen aus , in dem er straks von Dachkante zu Dachkante lief . Dies für diverse Minuten. Am Ende seiner „Gymnastik“ , wie er es nannte , blieb er unvermittelt stehen , und blickte in die Weite …. nach weiteren Minuten ging er an uns vorbei zu seinem Dach-Häuschen und sagte lächelnd und tief zufrieden „there was meditation“ .

    Ich habe damals für mich gut verstanden , was Meditation ist , bzw. sein kann .
    Ein Genuss ! … Eine Dekorartion im Augenblick , die aufs feinste in dies „Ruhende“ weisen kann … Ein Hinweis , der aber auch Dekoration ist … doch ist das nicht fantastisch ? … dass jeder Augenblick diese Potenz besitzt , Hinweis zu sein …

    Ich glaube jedoch , dass jener , der dies Geschenk des Augenblicks zum Instrument seines Wollens macht , dies Geschenk misversteht und es womöglich sogar vergeudet … zumindest nimmt er diesem durch sein „wollen und machen müssen“ den Charakter des Beschenktwerdens …

    mir war dies dann doch ein zu großer Preis … denn ich liebe Geschenke … deswegen habe sich wohl auch „meine Meditationen“ dann recht bald zu Meditationsgeschenken gewandelt … die ich sehr gerne geniesse , wenn sie mir „als Geschenk des Augenblicks zugemutet“ werden .

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    • Nitya schreibt:

      Was damals Heinz Butz mit seinem „Spüren Sie’s?“ bei mir bewirkt hat, war dieses spontane Innehalten oder „Zeit Anhalten“, in dem jedes Ich und jeder Wollende und Machende verschwunden war. Ich nehme an, das ist genau das, was du eben beschrieben hast.

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      • fredo0 schreibt:

        yep … und es ist wohl stets ein Geschenk … und kein Resultat eines Bemühens …

        Doch denen , die da jetzt befürchten „da muss ich also womöglich endlos lang auf dieses seltene Geschenk warten“ , mag ich sagen , es ist ein all-tägliches Geschenk … nur in Art eines Ostereies unter den „Dingen“ versteckt , womöglich noch nicht bemerkt .
        Es ist jedoch DA , auch ohne unser Bemerken , damit geht nix verloren oder ist zu vermissen ohne dies Bemerken .
        Und der kleine Trick dabei ist , dass es bereits ausreicht , Bemerken zu bemerken , um dann womöglich dem „Osterei“ die Chance zu geben , sich selbst zu offen-baren .

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