Hui Hai: dem Geist nicht erlauben, irgendwo zu weilen


XAbwesenheit von Gedanken bedeutet: dem Geist nicht erlauben, irgendwo zu weilen, wo es auch immer sei. Es gibt nichts in deiner Umgebung, womit du deine Gedanken befestigen kannst. Wenn keine Bewegung des Geistes jemals stattfindet in Beantwortung der gesamten Formsphäre, so bedeutet dies Abwesenheit von Gedanken. Abwesenheit von Gedanken bedeutet rechtes Denken, wenn aber Denken als Denkobjekt genommen wird, so ist dies falsches Denken, nicht rechtes Denken. Und warum? „Wenn dem Volk gelehrt wird, die sechs Arten des Denkens (der Buddha, das Gesetz, die Gemeinde, die Vorschriften, Almosen und Belohnung) zu üben, so wird dies falsches Denken genannt.“ Diese sechs Arten des Denkens werden falsches Denken genannt, während das Nichtdenken derselben als rechtes Denken bezeichnet wird.

aus: Meditations-Sutras des Mahâyâna-Buddhismus, Band 2″

Tief aus meinem Leibesinneren quält sich ein leiser Seufzer hoch, wenn ich solche Formulierungen lese. Ich bin da eher schlichter Natur. „Die Abwesenheit von Gedanken“ bedeutet für mich die Abwesenheit von Gedanken und „dem Geist nicht erlauben, irgendwo zu weilen“, bedeutet, dem Geist nicht zu erlauben, irgendwo zu weilen. Wobei sich bei Letzterem natürlich sofort die Frage stellt, wer hier welchem Geist irgendetwas erlauben will und kann.

Vielleicht ist ja tatsächlich was dran, dass sich die Verwurzelung des indischen Mahâyâna-Buddhismus im chinesischen Taoismus erst mit dem 6. Patriarchen Hui-neng herausbilden konnte. „Abwesenheit von Gedanken bedeutet: dem Geist nicht erlauben, irgendwo zu weilen, wo es auch immer sei.“ Also wenn das kein Gedanke ist, und wenn ich mich mit diesem Gedanken auseinandersetze, scheine ich dem Geist geradezu zu erlauben, zu weilen. Wo das nur hinführen soll?G„Es gibt nichts in deiner Umgebung, womit du deine Gedanken befestigen kannst.“ Und doch sieht es so aus, als ob manche Gedanken einfach nicht davon fliegen wollten oder könnten. Wer hält nun diese Gedanken fest, wenn da nichts ist, womit man seine Gedanken befestigen kann? Ich? Ich will sie doch loswerden! Ich halte sie fest, weil ich sie loswerden will? Byron Katie: „Ist das wahr? Ist das wirklich wahr?“ Meine Güte, was quälen sich viele Leute ab mit dieser Vorstellung von Nicht-Denken und Nicht-Festhalten von Gedanken oder dem Loslassen!

Es ist nur eine Vorstellung. Eine weitere Vorstellung. Wie werde ich die jetzt wieder los? Muss ich sie denn überhaupt loswerden? Wenn sie da ist, ist sie da. „Einen schönen guten Tag, Vorstellung!“ Warum soll es nicht genügen, eine Vorstellung als das zu sehen, was sie ist: Eine Vorstellung? Ich stell mir jetzt mal vor, ich liege auf einer fernen Südseeinsel am schattigen Strand und unter Palmen. Was zum Teufel soll daran verkehrt sein? Manchmal kommt es mir so vor, als ob ganz viele Leute, die glauben, ihren Mitmenschen die Flötentöne beibringen zu müssen, den lieben langen Tag nichts anderes tun, als sich irgendeinen Quälkram auszudenken. Den Puh frag ich lieber nicht, was er davon hält, aber ich kann’s mir denken. „Puuhhh…“ wird er sagen und weiter den weißen Wölkchen am Himmel nachschauen.

Morgens, wenn ich aufwache, pflege ich mich meist nach Katzenart im Bett zu räkeln und zu strecken. Manchmal muss ich das mit einem Wadenkrampf bezahlen. Das kann ganz schön hartnäckig sein und saumäßig wehtun. Wenn mir jetzt jemand sagen würde: „Selbst schuld! Du scheinst an deinem Krampf zu hängen. Lass doch einfach los!“ Also wer das sagen würde, würde riskieren, dass ich meinen Wadenkrampf vergesse und ihm einen Tritt in den Hintern verpasse. Ein Krampf ist ein Krampf und ich kann ihn nicht willkürlich beenden. Wie wäre es also damit, irgendwelche hartnäckig verweilenden Vorstellungen einfach als vorübergehenden Hirnkrampf zu betrachten? Früher oder später wird auch er sich auflösen … also meistens. Alles besser, als die ständigen Selbstvorwürfe: „Ich schaffe es einfach nicht. Ich bin ein totaler Versager.“ Das ist vielleicht erst ein Hirnkrampf! Am besten, wir vergessen diesen ganzen heiligen Kram, machen uns auf den Weg zum Puh und feiern mit ihm eine Honigparty.B

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