Hui-neng: wo heftete sich Staub denn hin?


HEines Tages spürte der 5. Patriarch, Hung-jen, dass die Zeit gekommen war, einen Nachfolger zu finden. Er forderte die Mönche seines Klosters auf, ein Gedicht als Ausdruck ihrer Zen-Erfahrung zu verfassen. Doch lediglich ein von allen hochgeschätzter Mönch schrieb ein solches Gedicht folgenden Inhalts:

Der Leib, das ist der Bodhi-Baum,
der Geist, er gleicht dem klaren Ständer-Spiegel.
Wisch ihn denn immer wieder rein,
lass keinen Staub sich darauf sammeln.

Als der in der Küche arbeitende Hui-neng von diesem Vers hörte, verfasste auch er ein Gedicht mit dem folgenden Text:

Im Grunde gibt es keinen Bodhi-Baum,
noch gibt es Spiegel und Gestell.
Da ist ursprünglich kein (einziges) Ding –
wo heftete sich Staub denn hin?

Hung-jen erkannte sofort, dass sich in dem Vers von Hui-neng eine weitaus größere Tiefe der Erfahrung als in dem Gedicht von Shen-hsiu ausdrückte. Er fürchtete jedoch die Eifersucht Shen-hsius und die Missgunst der anderen Mönche, ging in der Nacht zu Hui-neng und übergab ihm Gewand und Schale als Bestätigung seiner Erleuchtung. Damit setzte er Hui-neng, der im Gegensatz zu Shen-hsiu nicht nach diesem Auftrag strebte, als 6. Patriarchen ein.

Das ist ein Bericht über die Ernennung des 6. und letzten Ch’an-Patriarchen, der ziemlich eindeutig den „Nicht-Weg“ der sog. „Plötzlichen Erleuchtung“ favorisiert. Es gibt sicher Berichte, die eine andere Position beziehen, aber im Grunde ist hier jede Position völlig unerheblich. Unabhängig von irgendeiner Position geschieht jede Art von Erwachen auf seine ganz einzigartige Weise. Dass der Streit uralt ist, lässt sich unschwer daran erkennen, dass die beiden Patriarchen, die Buddha folgten, Vertreter des plötzlichen bzw. des allmählichen Erwachens waren, falls man die beiden Positionen überhaupt so kennzeichnen will. Man könnte den Positionen auch die Stichwörter „Gnade“ einerseits und „Studieren und Praktizieren“ andererseits zuordnen.

Da ich schon immer eine faule Socke war und ich seit jeher eine heftige Abneigung gegen jegliches Wiederkäuen von Vorgekautem hatte, das früher noch bei zahnlosen Säuglingen zumindest von einigen Müttern betrieben wurde, blieb mir der Weg der harten Arbeit immer versperrt – oder sollte ich „erspart“ sagen? „Unverdiente Gnade“ findet ein Faulpelz natürlich immer gut. Und der Spruch „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe.“ gehörte schon immer zu meinem Standard-Spruch-Repertoire. Ich erinnere mich noch an mein zweites Examen, bei dem es mir zuwider war, irgendwelches auswendig gelernte Zeug zu präsentieren, nur um das Examen zu bestehen. Also erzählte ich das, was ich für richtig hielt, und berief mich dabei auf irgendwelche von mir frei erfundenen amerikanischen Professoren. In Zeiten ohne Internet bot sich so etwas für einen begnadeten Taugenichts ja geradezu an.

S

Ich nehme mal zu meinen Gunsten an, dass Hui-neng auch so ein fauler Sack war, der keine Lust hatte, täglich irgendwelche nicht-vorhandenen Spiegel zu putzen. Die beiden Texte können übrigens sehr gut dazu dienen, die eigene Haltung herauszufinden. Welche von beiden Haltungen die richtige ist, darüber lässt sich ganz bestimmt nicht diskutieren. Ich denke gerade an eine Religionsschulaufgabe, in der ich mit dem kleinen Katechismus auf den Knien gerade etwas abschreiben wollte, als mein Banknachbar, der Klassenbester war, mir die entsprechende Seite aus dem Buch riss und damit meinem frevlen Tun ein jähes Ende setzte. Keine Ahnung, warum mich die Geschichte an Shen-hsiu und Hui-neng erinnert, an den Streber und den Faulpelz. Und weil’s so schön passt, hier noch eine kleine Stellungnahme von Thomas Morus zum Thema:

Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.

F

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