Hui Hai: Freisein von Vorstellungen


H

Denke nicht an die Vergangenheit, denn sie ist vorüber. So wird die Vergangenheit abgeschnitten, und man ist frei davon.

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Die Zukunft ist noch nicht eingetroffen. Richte nicht deine Erwartungen und Hoffnungen darauf. So wird die Zukunft abgeschnitten und man ist frei davon.2

Die Gegenwart ist im Hier und Jetzt zu finden. Achte nur darauf, frei von Vorstellungen zu sein und den Geist von Zuneigung und Abneigung leer zu halten. Durch das Freisein von Vorstellungen wird die Gegenwart abgeschnitten, und man ist frei davon.

3Hui Hai

Denke nicht an die Vergangenheit, richte nicht deine Erwartungen und Hoffnungen auf die Zukunft, achte darauf, frei von Vorstellungen zu sein und den Geist von Zuneigung und Abneigung leer zu halten. Eine Anweisung nach der anderen, und wieder muss gesagt werden: Wer das als Anweisungen begreift und sie zu befolgen versucht, ist auf dem Holzweg. Es geht nie um ein Befolgen, sondern immer um intuitive Einsicht.

Im Grunde geht es um dieselbe Einsicht, die schon der 3. Ch’an-Patriarch Seng-ts’an mit den Worten artikulierte: „Suche nicht nach dem Wahren, enthalte dich nur deiner Meinungen.“ Sich seiner Meinungen zu enthalten, ist ungefähr so realistisch wie sich der Vorstellungen sowie der Gedanken über die Vergangenheit und der Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft zu enthalten. Wenn all diese Erscheinungen im Bewusstsein auftauchen, dann ist das einfach so und nichts ist daran verkehrt. Verkehrt ist es natürlich auch nicht, an all dem zu haften.JUnd wenn Jesus sagt: „Werdet Vorübergehende!“, dann will er damit vermutlich nur sagen, dass es sich sehr viel leichter lebt, wenn man an all dem, was da erscheint, einfach vorübergeht. Und wenn ein Anhaften geschieht, was ja auch nur eine Erscheinung ist, dann könnte es vielleicht sogar geschehen, dass auch an dem Nicht-Vorübergehen vorübergegangen wird. Kann geschehen … vielleicht … vielleicht auch nicht. Es läuft ja letztlich immer wieder darauf hinaus, dass wir uns dabei mehr und mehr mit dem Zuschauen „identifizieren“ und immer weniger mit dem, der denkt, fühlt, sich Vorstellungen macht und Meinungen bildet. Identifizieren in Tüttelchen, denn schließlich ist dies ja eigentlich nichts als ein unpersönlicher Prozess fortschreitender Disidentifikation mit allem, was im Bewusstsein erscheint.

„Die Gegenwart ist im Hier und Jetzt zu finden. Achte nur darauf, frei von Vorstellungen zu sein und den Geist von Zuneigung und Abneigung leer zu halten. Durch das Freisein von Vorstellungen wird die Gegenwart abgeschnitten, und man ist frei davon.“ Zuneigung und Abneigung werden weiterhin auftauchen, falls man nicht beschlossen hat, sein weiteres Leben als Zombie zu leben. Aber auch diese mentalen bzw. emotionalen Bewertungen gehen vielleicht so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Die Gegenwart wird abgeschnitten, wenn sie nicht durch Festhalten an Vorstellungen und Bewertungen ständig neu reanimiert wird. Dann ist Gegenwart so schnell vorbei, dass ihr Verstand und Gefühl kaum noch zu folgen in der Lage sind.
G

 

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2 Antworten zu Hui Hai: Freisein von Vorstellungen

  1. fredo0 schreibt:

    ich neige ja zum schwatzen … auch im familiären … wohl durchaus manchmal zum leidwesen meiner kinder ….
    nachdem ich wiedermal am frühstückstisch ähnliches verzapft hatte , wie der hier zitierte herr hui hai , fragte meine recht pragmatische tochter …. “ ja … is schon ok … doch was ist da das bessere dran ? … und wie kann ich dieses hier und jetzt erkennen , wenn ich doch angeblich immer in vergangenheit und zukunft lebe ?“
    is ja nun wahrlich ne berechtigte frage …

    papa konnte da nur ehrlich antworten mit :“ so als väterlicher rat … wenns dir wohl ist , mit dem was dir da als „dein“ leben erscheint , gibt es nicht die geringste veranlassung , irgendwelche verrenkungen zu veranstalten , und deines papas geschwatz ist so überflüssig wie fusspilz . nix wird dadurch besser für dich oder die welt . wenns dir aber irgendwie „mulmig“ ist mit diesem leben , du dich irgendwie irritiert fühlst , gestatte dir einfach wieder das kindliche staunen deiner kindheit . du hast es nie verloren und wirst es nie verlieren . du hast nur begonnen es womöglich nicht mehr zu nutzen , da dir anderes interessanter erschien . auch an diesem anderen ist nix falsch . doch wenn dir danach ist , gestatte dir einfach wieder dieses staunen , wie ein ausflug in alte heimat .“ … schwatze da der herr papa.

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  2. Eno Silla schreibt:

    Ich bin ja viel mit dem Rad unterwegs, vor allem bei so schönem Wetter, wie es uns der Herbst bisher bescherte und eine Erfahrung dabei ist, dass alles vorüber geht. Ja, da muß nichts geübt oder verstanden werden, das ist einfach so. Und mit den Vorstellungen von Diesem und Jenem verhält es sich doch ganz genauso: auch die Vorstellungen kommen und gehen. So ja auch die Vorstellung vom Freisein und vom Gebundensein. Und Nachts, wenn der Tiefschlaf kommt, dann ist eh alles fort, was uns vorher so tief bewegte, auch dieser Blog und die Flüchtlinge und die Kriege und Hartz IV, halt der ganze Wahnsinn dieser flüchtig erscheinenden Welt.
    Gestern begegnete mir dieses seltsame Wesen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Buchen-Streckfu%C3%9F
    Ist es nicht eine besonders abgefahrene Vorstellung, von der ich keineswegs frei zu sein begehre, dass da ein vollkommen anderes Universum von Erfahrungen und Wahrnehmungen an mir vorüber krabbelte und ich an ihm? Etwas vollkommen Fremdes (ob es mich wohl auch fotografiert hat🙂 ), über das sich auszutauschen, bestimmt interessant wäre. Dieses Fremde kann mich begeistern, oder Furcht erzeugen, oder es hätte auch ganz leicht zerstört werden können, wenn ich es achtlos überfahren hätte, wieviel dieser erstaunlichen Wesen haben meine Räder wohl schon unbeachtet überrollt? Was mir da bleibt ist einfach nur zu staunen über all die Wunder und wenn ihr fragt, was soll das nun alles? Dann sage ich: Ich habe keine Ahnung!

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