Fernando Pessoa: Überdruss ein Mangel an Mythologie?


P
Meiner müde, weshalb, wenn ich nicht an mich gedacht habe? Wessen sonst, wenn ich an nichts Bestimmtes gedacht habe? Das Geheimnis des Weltalls, das sich über meine Buchführung legt oder auf meine nachlässige Haltung? Der universelle Lebensschmerz, der sich ganz plötzlich in meiner mediumistischen Seele individualisiert hat? Wozu jemanden so adeln, von dem man nicht weiß, wer er ist? Überdruss ist ein Gefühl der Leere, ein Hunger ohne Appetit, ebenso edel wie die Empfindungen von Gehirn oder Magen, wenn man zu viel geraucht oder schlecht verdaut hat.

Überdruss … Wer weiß, vielleicht ist er die tiefinnere Unzufriedenheit der Seele, weil wir ihr keinen Glauben gelassen haben, die Untröstlichkeit des traurigen Kindes in unserem Inneren, weil wir ihm nicht das göttliche Spielzeug gekauft haben. Vielleicht ist er die Unsicherheit desjenigen, der eine Hand braucht, die ihn leitet, und der auf dem schwarzen Weg der tiefen Empfindung nichts anderes fühlt als die stille Nacht des Nicht-denken-Könnens, als die leere Straße des Nicht-fühlen-Könnens …

Überdruss … Wer Götter hat, verspürt nie Überdruss. Überdruss ist ein Mangel an Mythologie. Wer keinen Glauben hat, dem ist selbst der Zweifel unmöglich, selbst seinem Skeptizismus fehlt die Kraft zum Misstrauen. Ja, das ist Überdruss: der Verlust der seelischen Fähigkeit, sich Illusionen zu machen, das gedankliche Fehlen der inexistenten Leiter, auf der er sicher und bestimmt zur Wahrheit aufsteigen kann …

aus: Fernando Pessoa, „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“

3Spirituelle Literatur, und natürlich nicht nur sie – ich denke vor allem auch an politische Literatur, zeichnet sich mehr als häufig durch ihren Aufforderungscharakter aus. Irgendetwas scheint am Leser trotz gebetsmühlenartig wiederholter gegenteiliger Beteuerungen immer verkehrt oder unvollkommen zu sein. Da wird die ganze Zeit das HIER und das JETZT beschworen, aber im Grunde geht es ständig um eine noch nicht vorhandene angeblich wunderbare Zukunft. Fernando Pessoa bleibt mit seinen Beschreibungen gnadenlos genau in diesem HIER und JETZT.

„Meiner müde“, fängt er an. Aber er will nicht wie gestern Tucholsky sich endlich los sein, jedenfalls nicht bewusst, sondern einfach in seinem Gefühl von Überdruss sein, so es denn da ist. Möglicherweise war sein Alkoholkonsum ja seine Art, sich und seinen Überdruss loszuwerden. Er spürt, wie sein ganzes Leben von diesem Gefühl durchtränkt ist und scheint sich ganz verwundert zu fragen, wie es zu diesem Gefühl gekommen sein mag. Seine vorläufige Antwort auf diese Frage ist: „Wer Götter hat, verspürt nie Überdruss. Überdruss ist ein Mangel an Mythologie.“ Ist das Gefühl des Überdrusses nicht dem einen oder anderen durchaus vertraut? Am Ende eines permanenten Hinterfragens bleibt – nichts? Alle Götter wurden eifrig in Frage gestellt und genau dadurch für immer zerstört? Und nun ist da ein Leben ohne Ziel und ohne Hoffnung, ein Dahintrotten von Tag zu Tag, eine überwältigende Sinnlosigkeit, die immer als ein hohes spirituelles Ziel gepriesen worden war, und die sich nun, wo sie Alltag geworden ist, als Überdruss, zeigt als „ein Gefühl der Leere, ein Hunger ohne Appetit, ebenso edel wie die Empfindungen von Gehirn oder Magen, wenn man zu viel geraucht oder schlecht verdaut hat.“

M„Wozu lebe ich eigentlich noch, wenn nichts einen Sinn hat?“ mag sich mancher fragen. Und vielleicht wird dieser Hunger nach Sinn irgendwann so groß, dass man hinter dem nächstbesten „Führer“ herrennen möchte, der einem irgendeinen Sinn verspricht, auch wenn man weiß, dass das alles nur Quatsch ist. „Mir ist alles recht, wenn ich nur nicht mehr diese grauenvolle Lebensmüdigkeit spüren muss.“ Irgendein blinder Aktionismus, vielleicht die heimliche Hoffnung auf einen Krieg, in dem man wieder weiß, wer Feind, wer Freund ist, nur irgendein Sinn muss her – und wenn er noch so sinnlos ist. Und genau das scheint mein unauflösbares Dilemma zu sein: Ich weiß, dass jeder Sinn sinnlos ist, und scheine ihn doch mehr als alles andere zu brauchen.

Oder ist das jetzt immer noch nicht das reine HIER und JETZT, sondern ein Kleben an diesem dualistischen Gegensatz von Sinn und Sinnlosigkeit? Gibt es denn ein Leben jenseits davon? Ein Leben ganz im HIER und JETZT weder mit noch ohne Sinn? Vielleicht wäre dann ja der Überdruss, der sich anfühlt wie Hunger ohne Appetit, einfach verschwunden und alles wäre ganz neu und intensiv und würde sich kein bisschen wie Überdruss anfühlen, der schon fast etwas Suizidales an sich hat?


Oder der Aufprall einer Libelle auf Enos Nasenspritze: Sinnvoll – sinnlos oder weder noch?

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6 Antworten zu Fernando Pessoa: Überdruss ein Mangel an Mythologie?

  1. Eno Silla schreibt:

    Sinnvoll – sinnlos oder weder noch?
    Den Eisvogel, auf einem Rohrkolben hockend,
    scheints nicht zu kümmern.

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  2. fredo0 schreibt:

    oh …. wie spricht mir dein heutiger Text aus dem Herzen , werter Nitya …
    allein … was ist dieses Herz ? …. ich weiß es nicht … bestimmt nicht dieser pumpenden Zellklumpen in diesem Körper , der sich selbst fredoo nennt.

    Ich nenne es den „Grauschleier“ . Ein Schleier aus Bedeutungslosigkeit der im „danach“ entstand . Und der … auch …. sein Recht fordert …. an „Bemerktwerden“ .

    Ich vermag Sinn auch nicht (mehr) zu finden ..
    Doch immer mehr ( den Göttern sei Dank ) erfasst eine innere Bescheidenheit , auch dieses Sinnersehnen … Es verbleibt … einfach … > Leben eben ! …
    In dem , in meinem stinknormalen Leben , eine neunzigjährige Frau , meine Mutter , mit der ich mitlerweile sie etwas betreuend zusammenlebe , jeden Morgen in ihren Djungelgarten geht , um dort der Sinnlosigkeit ihre Opfer der Aufmerksamkeit zu bieten , an Rummwühlen , Bretter schneiden mit uraltem verrosteten Fuchsschwanz , die moderne Säge des Sohnes , wie „aus Versehen“ , ignorierend … Hütten bauen , die im Frühjahr eingestürzt sind … Teiche aushebend , die alsbald verlanden … Pflanzen einsetzen , die die Schnecken fressen oder aber , die den Garten zuwuchern … ach , wie herrlich ist für sie dieser völlig sinnfreie Platz … und ganz bestimmt der Grund ihrer Langlebigkeit … und wie so lehrreich für mich ist ihr Handeln , dass zwar durchaus „will“ , ist sie doch stets voller „euphorischer“ Pläne der Zweitverwertung von erquankelten Materialien wie Europaletten und alte Fenstern deren Entsorgung sich die schenkenden Nachbarn entledigt sahen , doch kaum ist dies „verbaut“ , darf es ungestört seinen Weg der Verwesung gehen , denn schon längst hat Madame ein neues Projekt im Fokus …

    Könnte es sein , dass da etwas sehr kluges drin verborgen ist ? … in diesem merkwürdig sinnlosen handeln ? … ist es nicht ein Handeln das „frei“ lässt … und doch handelt …

    Tja …. manchmal ist das was vor der eigenen Nase stattfindet ein verblüffender Lehrmeister …
    a propos … wie geht es den werten Eichkatzen ?
    😀

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    • Nitya schreibt:

      Werter Herr Fredo,

      das eigentliche Revier der werten Eichkatzen ist ein Minipark mit Kinderspielplatz hinter den Häusern auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dort befindet sich seit Monaten eine Baustelle. Viele Bäume sind gefällt worden, um Platz zu schaffen für mehr Wohnraum für die Menschen. In der Folge davon hat die Zahl der Besuche der Eichkatzen stark nachgelassen. Man könnte auch sagen, dass die Einheimischen (Eichkatzen) durch den Zuzug von Fremden immer weiter verdrängt werden.

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  3. Eno Silla schreibt:

    Hier noch ein Artikel zum Tag der Deutschen Einheit, der mir gerade sehr gefiel:

    http://www.titanic-magazin.de/news/gaertners-kritisches-sonntagsfruehstueck-letat-et-moi-7598/

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  4. fredo0 schreibt:

    tja … karlchen ist schon ein feiner wortartist …

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