Liä Dsï: Die Ursache der Ordnung liegt im eigenen Selbst


LKönig Dschuang von Tschu fragte den Dschan Ho und sprach: „Was muss man tun, um den Staat in Ordnung zu bringen?“ Dschan Ho erwiderte und sprach: „Ich verstehe nur, das eigene Selbst in Ordnung zu bringen; einen Staat in Ordnung zu bringen, verstehe ich nicht.“

Herzog Dschuang von Tschu sprach: „Wir haben die Tempel unserer Ahnen übernommen und das Recht, dem Himmel zu opfern. Wir möchten lernen, wodurch Wir diese Stellung wahren können.“ Dschan Ho sprach: „Ich habe noch nie gehört, dass, wenn das eigene Selbst in Ordnung ist, der Staat in Verwirrung käme, und habe auch noch nie gehört, dass, wenn das eigene Selbst in Verwirrung ist, der Staat sich ordnen ließe. Die Ursache der Ordnung liegt also im eigenen Selbst, und deshalb wage ich nicht, über ihre Wirkung etwas zu sagen.“

Der König von Tschu sprach: „Gut!“

aus: Liä Dsï, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

Keine Ahnung, warum dieser Dschuang von Tschu mal König und mal Herzog ist, aber ich gehe mal davon aus, dass es sich um dieselbe Person handelt. Vielleicht ist das zu verstehen wie „Wilhelm, Kaiser von Deutschland und König von Preußen“? Aber is ja wurscht. Worum geht’s? Gandhi sagt:

GSei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.

Ein gefährlicher Satz, wenn er so ohne jede Einschränkung dasteht. Die IS-Kämpfer würden jetzt vielleicht sagen: Genau das ist es, was wir tun. Wir sind die Veränderung, die wir uns für die Welt wünschen. Dschan Ho drückt es in der Geschichte anders aus. Er sagt: „Ich verstehe nur, das eigene Selbst in Ordnung zu bringen.“ Und: „Die Ursache der Ordnung liegt im eigenen Selbst.“ Und er fügt dem hinzu:Einen Staat in Ordnung zu bringen, verstehe ich nicht.“

Dschan Ho maßt sich nicht an, die Welt ändern zu können. Er bleibt ganz bei sich und bei dem, was er versteht: Das eigene Selbst in Ordnung zu bringen. Die Frage, ob er so die Welt retten könne, scheint sich ihm nicht zu stellen, weil er sieht, dass er sie gar nicht retten kann. Das ist ein Thema, das zu jeder Zeit topaktuell ist. In den sozialen Netzwerken taucht die Frage immer wieder auf: Wie kann/können ich/wir den Wahnsinn stoppen? Es bieten sich an: Demonstrationen oder Petitionen. Und diese richten sich immer an die Adresse anderer, nie an „das eigene Selbst“. Dschan Ho sagt: „Ich habe noch nie gehört, dass, wenn das eigene Selbst in Verwirrung ist, der Staat sich ordnen ließe.“ Wer sein eigenes Selbst nicht in Ordnung gebracht hätte, wird seine innere Verwirrung in alles hineintragen, was er tut. Vor diesem Hintergrund macht auch Gandhis Satz wieder Sinn.

Eine Frage wäre vielleicht noch offen: Was meint jetzt eigentlich dieser Dschan Ho damit, wenn er sagt „Das eigene Selbst in Ordnung bringen“? Meint er damit dasselbe wie kürzlich Pai-chang mit der „eigenen Natur“? Auf die Frage, wie man die eigene Natur ausrichten sollte, wenn man sie anwenden will, antwortet Pai-chang: „Sich einzubilden, sie anwenden zu können, ist ein großer Irrtum.“ Meinen sie also Unterschiedliches mit ihrem Selbst oder bedeutet „in Ordnung bringen“ soviel wie „sich nicht einbilden, es anwenden zu können“? Bei einem Daoisten und einem Ch’an-Patriarchen wäre es ja immerhin möglich, dass sie dasselbe meinen.

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2 Antworten zu Liä Dsï: Die Ursache der Ordnung liegt im eigenen Selbst

  1. Eno Silla schreibt:

    Gestern war ich mal wieder mit dem Rad unterwegs. Das außergewöhnlich schöne Herbstwetter zieht mich nach draußen. Die Sonne wärmt angenehm, ohne zu erhitzen, und die Luft ist erfrischend und klar.
    Ich fuhr so vor mich hin, die langsam längere Schatten werfende Sonne im Rücken. Gedanken absorbierten Aufmerksamkeit. Ein innerer Dialog setzte ein und plötzlich knallte eine große Libelle genau auf meine Nasenspitze. Unmittelbar stoppte alles, ich war da, hellwach, sprang von Pedalen und stand im Licht der Sonne am Rande eines Feldes und schaute der Libelle nach. Ob wohl auch sie mir nachschaute und sie sich bei mir wie ich mich bei ihr bedankte, dass wir uns befreiten aus nutzlosen Überlegungen in dieses unmittelbare, direkte Hiersein? Ist nicht hier, in diesem was Ist, die Ordnung dieser Welt perfekt? Selbst gedankliche Spekulationen sind da kein Hindernis.

    Diese Libelle habe ich ca. 1 Stunde vor dem Zusammenprall aufgenommen, sie ist etwa 8 cm lang gewesen und eine dieser Art wars, mit der meine Nasenspitze zusammenprallte:

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