Huang-po: ich lehre durch das Erwecken des Geistes


B
Einst fragte ich den Meister:
Wie viele der vier- bis fünfhundert Menschen,
die auf diesem Berg versammelt sind,
haben Eure Lehre verstanden?

Der Meister antwortete:
Ihre Zahl ist nicht zu kennen.

Warum nicht?
Weil ich durch das Erwecken des Geistes lehre.
Wie kann dieses durch Worte vermittelt werden?
Worte haben nur dann eine gewisse Wirkung,
wenn sie in die ungelehrten Ohren von Kindern fallen.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

Alles, was hier zu finden ist, sind Worte. Wie könnten wir uns sonst irgendwie austauschen? Shankara, ein indisch-hinduistischer Zeitgenosse Huang-pos, hat es noch härter ausgedrückt als dieser:

SAlle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos,
da sie nur Vorstellungen erzeugen;
alle Worte sind dem Befreiten nutzlos,
da er sie nicht benötigt.

In beiden Fällen geht es also um die Feststellung, dass Worte nicht in der Lage sind, „den Geist zu erwecken“. Weder Worte noch ein Verstehen. Die Internetforen oder andere Plattformen sind voll mit Menschen, die etwa das kleine Einmaleins der Advaitalehre locker herunterbeten können, die mit großer Vehemenz über ihre Erkenntnisse mit anderen streiten können, die anderen erzählen, welchen Erleuchtungsgrad diese erreicht bzw. nicht erreicht haben. Worte, Worte, Worte und von Geist – nichts zu spüren. Sie wissen viel, sie reden viel – zurück bleibt gähnende Langeweile.

Shankara warnt geradezu vor diesen Worten, da sie nur Vorstellungen erzeugen, die sich später als absolut hinderlich erweisen. Wortgläubigkeit kann wirklich ein totales Hindernis auf dem Weg werden. Huang-po ist da gnädiger. Er räumt immerhin ein, dass Worte eine gewisse Wirkung haben, wenn sie in die ungelehrten Ohren von Kindern fallen. Was er unter der „gewissen Wirkung“ versteht, lässt er allerdings offen. Vorstellungen und Wortgläubigkeit könnte man auch als eine gewisse Wirkung sehen. Vielleicht meint er das mit den Kindern ja wörtlich? Dann könnte das bedeuten, dass es hier um Kinder geht, die noch nicht verbildet wurden.

Sowohl Huang-po wie auch Shankara unterscheiden zwischen den ungelehrten Ohren von Kindern bzw. den Unbefreiten einerseits und denen, deren Geist erweckt wurde bzw. den Befreiten. Ich finde solche Vergleiche ausgesprochen schwierig. Erzeugen sie doch schon wieder neue Vorstellungen und fördern darüber hinaus die Gier nach höheren, wenn nicht sogar nach höchsten Ehren.

PIch selbst habe nicht das Geringste gegen Worte, auch nichts gegen Vorstellungen, nicht einmal etwas gegen eine gewisse Gläubigkeit. Wenn ich in mein Auto klettere, glaube ich, dass das Ding anspringt, wenn ich es anlasse. Wenn ich auf das Bremspedal latsche, glaube ich, dass die Kiste anhält. Anders könnte ich wahrscheinlich überhaupt nicht Autofahren. Hab ich mal gehört, hab ich mal gelesen, hab ich ganz oft selbst erfahren. Ich schließe allerdings nicht aus, dass all das, was ich da ganz selbstverständlich glaube, irgendwann einmal nicht mehr funktioniert. Das hat dann alles etwas Spielerisches, das so spielerisch ist, wie Kaufladen spielen oder Hochzeitspielen bei Kindern. (Spielen die das heute überhaupt noch?)

Wie gefährlich Wortgläubigkeit ist, können wir mal wieder gerade bei den IS-Leuten sehen. „Allahu akbar – Gott ist groß“ kann eben auch das bedeuten:

ADer Geist, von dem Huang-po spricht, hat mit all dem nichts zu tun. Deshalb ist das Einzige, was Huang-po interessiert: Die unmittelbare Erweckung des Geistes – ganz unabhängig von jedem Wortsalat und jeder Wortgläubigkeit.

B

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