Pessoa: die Vollkommenheit des Menschen, wie er nicht ist

 PDer vollkommene Mensch war für die Heiden die Vollkommenheit des Menschen, wie er ist; für die Christen die Vollkommenheit des Menschen, wie er nicht ist; für die Buddhisten die Vollkommenheit eines Zustandes, in dem der Mensch nicht mehr ist.

Die Natur ist der Unterschied zwischen Seele und Gott.

Alles, was der Mensch darlegt oder ausdrückt, ist eine Randbemerkung in einem gänzlich ausgelöschten Text. Vom Sinn der Notiz am Textrand können wir mehr oder weniger auf den vermutlichen Sinn des gesamten Textes schließen; doch ein Zweifel bleibt immer, und mögliche Deutungen gibt es viele.

aus: Fernando Pessoa, 1888-1935, Portugal, „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“
FMeinen herzlichen Dank an Eno für seinen Buchtipp. Der Fernando Pessoa ist wirklich ein Lesegenuss. Die ersten Zeilen dieses Textes – ich musste so grinsen, wie er mit wenigen Strichen ein Bild skizziert, das so unglaublich stimmig ist. „Der vollkommene Mensch war für die Heiden die Vollkommenheit des Menschen, wie er ist.“ Wer wünscht sich das nicht und zwar von der ersten Sekunde seines Lebens an, dass ihn jemand anschaut und ganz erstaunt feststellt: „Wie vollkommen du doch bist!“ Und zwar genau so, wie du bist. Du dürftest kein bisschen anders sein.

Aahhh ja, dann kommen ja schon die lieben Christen und sagen: „Nicht genau so wie du bist. Deine Vollkommenheit liegt in der Zukunft. Arbeite hart an dir, dann wirst du deinem Ziel bestimmt näher kommen. Nein, ganz erreichen wirst du es leider nie, aber du kannst ihm wirklich schon sehr nahe kommen. Vollkommen war nur Christus, unser Herr und Gott.

Wenn jetzt jemand glaubt, sich bei den Buddhisten vor den Christen verstecken zu können, der wird erfahren, dass die ihm nicht einmal eine Annäherung an den Zustand der Vollkommenheit gönnen. Erst musst du ganz und gar als Mensch verschwunden sein, bevor so etwas wie Vollkommenheit möglich sein kann.

R

Gut, dass ich ein Heide bin.

„Die Natur ist der Unterschied zwischen Seele und Gott.“ sagt Pessoa. Keine Ahnung, was sich der Pessoa dabei gedacht hat. Vielleicht hat ja jemand von euch eine Idee.

Der letzte Abschnitt macht deutlich, dass wir allesamt keine Ahnung haben und uns ständig aus irgendwelchen kümmerlichen Fragmenten ein Gesamtbild zusammen basteln wollen, an das wir dann zu glauben versuchen, um es als real annehmen zu können. Es scheint ziemlich deutlich, dass dem Fernando Pessoa niemand das Tetralemma nahebringen müsste. Er würde damit nur offene Türen einrennen. „Doch ein Zweifel bleibt immer, und mögliche Deutungen gibt es viele.“ Das ist ein spannendes Wort, „Zweifel“ – lateinisch „dubium“. Führt in seiner Bedeutung schnurstracks über „fragwürdig“ zu dem Begriff „dubios“. Während „fragwürdig“ mit Ach und Krach vielleicht noch als neutral durchgehen kann, hat „dubios“ zweifellos einen negativen Touch. Wenn ein ordentlicher Wissenschaftler seine notwendigen Zweifel hegt und pflegt, brandmarken die Religioten jeden, der Zweifel hegt, als ein im Grunde todeswürdiges, dubioses Subjekt und unterstellen ihm (zu Recht), dass er ein Ungläubiger sei. Es lebe der Zweifel!

Und das, was über jeden Zweifel erhaben ist.

B

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3 Antworten zu Pessoa: die Vollkommenheit des Menschen, wie er nicht ist

  1. fredo0 schreibt:

    Der in SpiriKreisen oft formulierte Ausdruck „perfekt oder auch vollkommen“ in Verbindung mit dem Leben ( als Lebensereignis ) wird wohl oft falsch verstanden ….
    Es wird von vielen zumeist ein Ausdruck von Perfektheit erwartet ( und manchmal behauptet ) … also , dass ein Ausdruck dieses Lebens in einem speziellen Moment Vollkommenheit darstellen würde/könnte .
    Abgesehen davon , dass eine Darstellung bereits nicht vollkommen sein könnte , da es ja nur eine die Wirklichkeit kopierende Dar-stellung ist ( also das DA zum stehen/stellen kam …. in Vorstellung ) .
    Bereits das sprachliche Additativ …heit zeigt an , dass da ein Konstrukt , ein Zustand , etwas zum stehen gekommenes beschrieben wird …

    Was ist dann aber gemeint mit diesem „perfekt“ des Lebens ?
    Ich denke es ist die perfekte Fähigkeit des Lebens gemeint , das (ganz perfekt) erscheinen zu lassen , was da zu erscheinen hat (!) … und sei es die Unperfektheit im Extrem ….. auch die wird dann perfekt als Unperfektheit erscheinen .

    Der perfekte / vollkommene Mensch ist demgemäß dann also der Mensch , der gerade in seiner jeweiligen Figur erscheint, ( und das „perfekte“ in Entsprechung zum „gerade jetzt“ zeigt ) und keiner der als bestehenbleibende Figur irgendwie irgendwelchen Idealen perfekt entspräche .
    Diesem Menschen ist eigentlich auch das Leidenskonzept des Buddhismus nicht gemäß …
    Denn was erscheint erscheint mit/durch ihn (falls notwendig für die „perfekte“ Erscheinung) .
    Das nun „Leiden“ zu nennen , ist ( zumindest für mich ) nix anderes wie ein „negativ aufgeladenes“ Ideal..
    Ich muss aber zugeben , ich hab den Buddhismus noch nie verstanden.

    dann noch was zum Zweifel .
    der Zweifel wird ja nicht ausgeräumt , in Betrachtung des „Ruhenden“ .
    Betrachtung hier zu sehen als ein Durchflossenwerden , als ein sich absorbiert erleben .
    Der Zweifel wird schlicht obsolet , verliert seine Grundlage .
    Der Zweifel behauptet ja im Zweifeln nicht nur eine Wirklichkeit sondern sogar zwei davon.
    Denn die Grundlage des Zweifels ist ja nicht das Chaotische , sondern das als ein tatsächlich behauptetes Existieren von zwei (!)unabhängig voneinander bestehenden Gegensätzen/zwei Aspekten/zwei Sichtweisen/zwei Möglichkeiten .

    Das Chaotische (des Jetzt) jedoch besteht nicht aus zwei , sondern aus einem unendlich vielen Möglichen … da kann es Zweifel nicht geben ….. höchstens noch Verblüffung …

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    • Nitya schreibt:

      Wie gesagt, gut, dass ich ein Heide bin, jedenfalls Heide wie ihn Fernando Pessoa definiert.

      Was den Zweifel betrifft, verstehe ich nicht, wie du zu dieser Aussage kommst: „Der Zweifel behauptet ja im Zweifeln nicht nur eine Wirklichkeit sondern sogar zwei davon. Denn die Grundlage des Zweifels ist ja nicht das Chaotische , sondern das als ein tatsächlich behauptetes Existieren von zwei (!)unabhängig voneinander bestehenden Gegensätzen/zwei Aspekten/zwei Sichtweisen/zwei Möglichkeiten .“

      Oben schreibst du: „Abgesehen davon , dass eine Darstellung bereits nicht vollkommen sein könnte , da es ja nur eine die Wirklichkeit kopierende Dar-stellung ist ( also das DA zum stehen/stellen kam …. in Vorstellung ) . Bereits das sprachliche Additativ …heit zeigt an , dass da ein Konstrukt , ein Zustand , etwas zum stehen gekommenes beschrieben wird …“

      Und eben dieses zum Stehen Gekommene zweifelt der Zweifel als das Alleingültige an, ohne ein Zweites dagegen zu setzen. Der Zweifler muss keine neue Lösung, keine neue Wahrheit anbieten können. Er bezweifelt nur, dass etwas Bestimmtes zum Stehen Gekommenes wahr und nur wahr ist.

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      • fredo0 schreibt:

        ok … fein … das kann man dann den unkorrumpierbaren Zweifel nennen … ( gut das zu erwähnen )
        es ist dann eher das , was ich die Skepsiz gegen „Wahrheiten“ nenne …

        Ich meinte jedoch den Zweifel den das „Ego“ als seine Kommunikationsart benutzt … als ein permanenter Infragesteller … der halt das „gerade Erscheinende“ bezweifelt , in dem er Aussichten , Bedrohungen , Alternativen , Erwartungen erzeugt und sich damit von diesem „hierjetzt“ distanziert … da werden halt diese zwei „Wirklichkeiten“ erschaffen … das was gerade „erscheint“ und das was da sein könnte ( in Erwartung ) …

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