Ikkyû Sôjun: sie merken nicht, dass sie es wissen


ISelbst Rinzais Schüler wissen es nicht,
viele gewöhnliche Menschen hingegen schon,
doch merken sie nicht, dass sie es wissen,
während sie zur Arbeit gehen
und mit sich selbst reden.

aus: Ikkyû Sôjun, „Gedichte von der Verrückten Wolke“

Die Psychologin Alice Miller schrieb das bemerkenswerte Buch mit dem Titel: „Du sollst nicht merken“. Dass das auch für sie seine Gültigkeit hatte, konnte sie wohl selbst in seinem ganzen Umfang nicht merken. Auch hier spielte Religion eine wichtige Rolle. Alice Miller, selbst Jüdin: „Ich musste mich fragen: Könnte es sein, dass die Sanktionen der Schwarzen Pädagogik weniger Macht über uns hätten, wenn sie nicht in unserer Kultur mit Hilfe der jüdisch-christlichen Religion verankert wären?“ Es ist immer noch der alttestamentarische Gott, der wie eine dunkle Wolke über allem schwebt, der uns schuldig spricht allein wegen unserer Existenz, der uns mit Zuckerbrot und Peitsche und vor allem mit Liebesentzug regiert und der uns verbietet, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Du sollst nicht merken. Damit können nicht nur Mutti Merkel, sondern alle Herrscher vor ihr wunderbar regieren. Nicht umsonst schickt uns unser aller Kanzlerin von Gottes Gnaden wieder in die Kirchen.

img_3377Gemeint ist der Gott, den sich niemand zum Vater wünschen würde, der Gott, der zu Mose sagte: „Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams, und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ (Apg. 7,32) Der Gott, der Abraham befahl, seinen Sohn Isaak zu opfern. Der Gott, der der Todfeind jeder Aufklärung ist. Abraham, dieser Schisser, war bereit, zu gehorchen. Du sollst gehorchen, du sollst nicht merken – das ist schwärzeste Pädagogik. So bricht man freigeborenen Wesen das Rückgrat und macht sie zu Sklaven, die nicht merken, dass sie Sklaven sind, und sich für frei halten. Da waren die „barbarischen“ Götter der Germanen und Kelten entschieden weiter. Aber das ist ja schon wieder so’n Nazizeug. I gitt! „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder!“ Es wird Zeit dass wir diesen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs endlich wieder in die Wüste schicken!

Das Ergebnis ist blockierte Lebensenergie. Wilhelm Reich hat das ganz wundervoll dargestellt. Das kann schon ganz früh losgehen. Baby will an Mamas Busen. Stillen ist gerade out. Mama verbietet Baby, an ihrer Brust zu nuckeln. Das ist eine totale Blockade. Baby versucht auf Umwegen an Mamas Busen zu kommen und stößt immer wieder auf dasselbe Verbot. Baby ist untröstlich, weint, schreit. Mama bietet Ersatz: Das Fläschchen. Was soll Baby machen? Es nimmt das Schein- oder Ersatzobjekt an. Das Scheinobjekt wird aber nur nach einem genauen Zeitplan gereicht. Wieder ist da ein Verbot, eine Blockade. Baby kriegt sein Fläschchen nicht, wenn es das Fläschchen braucht, sondern wenn es im Plan liegt. Baby sucht Ersatz. Der Daumen ist das nächste Ersatz- oder Scheinobjekt. Stilles Glück, bis Mama kommt und irgendein ekliges Zeug auf den Daumen schmiert oder gar die Hand festbindet, Baby könnte ja später schiefe Zähne kriegen usw. usw. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs lässt schön grüßen.
WAuch Ikkyû spricht vom Merken. Ikkyû, hier mal in seiner Abt-Robe dargestellt, mit der er so gerne in den Sake-Schenken oder im Puff als Bürgerschreck auftauchte, attestiert erst einmal den Schülern von Rinzai (jap. Name des Linji) dass sie keine Ahnung von gar nix mehr haben. Sie imitieren nur noch irgendwelche Gesten oder Schreie. „Nachfolger“ ist eigentlich ein hässliches Wort. Man könnte dafür auch Abziehbilder sagen. Völlig unauthentisch. „Viele gewöhnliche Menschen wissen es hingegen schon, doch merken sie nicht, dass sie es wissen, während sie zur Arbeit gehen und mit sich selbst reden.“ Das ist eine interessante Formulierung. Die einen wissen nicht, weil sie zu wissen glauben. Die anderen wissen es, haben aber keine Ahnung davon, dass sie es wissen. Was zum Teufel, wissen denn die einen und die anderen nicht? Nun, ich behaupte mal, die einen wissen, dass sie gelebt werden und die anderen glauben, ihr Leben selbst in der Hand zu haben. Die, die wissen, dass sie gelebt werden, merken es aber nicht, es ist kein Thema für sie, es ist viel zu selbstverständlich. Sie tun, was zu tun ist, und machen sich keinen Kopf über all das. Die anderen machen sich über alles einen Kopf, brüsten sich mit ihren Erkenntnissen, mit ihrer Erleuchtung gar und haben keine Ahnung.

Dann gibt es ja noch die, die es wissen und es auch merken. Die kommen in Ikkyûs Gedicht gar nicht vor. Vielleicht hat er Schiss, dass der geneigte Leser denkt: Bin ich nicht ein solcher, der es weiß und der es merkt?H

 

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6 Antworten zu Ikkyû Sôjun: sie merken nicht, dass sie es wissen

  1. fredo0 schreibt:

    „Es tröpfelt ein“ meinte ein Nathan Gill , und meinte wohl die Konsequenz des Blickes in/aus dem „Ruhenden“ … ein „Blick“ der sowohl „hinein“ als auch gleichzeitig „heraus“ stattfindet.
    Und wo muss es da erst „eintröpfeln“ ?
    Doch wohl da , wo gründliche „Fixierung“ über Jahre oder gar Jahrzente hinweg stattfand .

    Es ist anscheinend ein großer Irrtum , zu glauben , dass diese „Befreiung von Fixierung“ in einem einzigen „erleuchtenden“ Moment stattfindet .
    In diesem „einzigartigen“ Moment wird dafür die Voraussetzung erschaffen !
    Da das „Ruhende“ fürderhin völlig unvergessbar / unverdrängbar ist , und damit wie ein implantierter AdvokatusDiaboli subversiv die weiteren Fixierungsbauwerke „unterminiert“ , wird das kommende Leben , „einsickernd“ , dem „Chaotischen geopfert“ .

    Und , ich kann da den ollen Ikkyu bestätigen , dieses sich dem „Chaotischen opfern“ ist wohl keinesfalls Privileg irgendwelcher „gefunden haben wollender“ Sucher , sondern findet sich in vielerlei völlig „gewöhnlicher“ Lebensgeschichten .
    Die Anna aus ( dem Roman ) Herbstmilch ist mir da vortreffliches Beispiel für dieses „Wissen“ ohne es zu Be-Merken .

    Und die sich für Sucher natürlich anbietende Frage , wer von beiden Varianten „Chaosvertrauten“ , wäre da dem anderen überlegen , dürfte kaum zu Gunsten der „Erwachten“ ausgehen , allzumal wenn sie dies zum „Berufs-Erwachten“ macht .
    Be-Merken scheint mir nur da notwendig zu sein , wo sich dieses „Fixierende“ womöglich aus der Erinnerung „von hinten“ wieder einschleichen könnte .
    Da bedarf es quasi der doppelten Dosis Ent-Täuschung …

    …. meint der fredoo …. mal so …. bis zum nächsten „meinen“ ….🙂

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  2. Eno Silla schreibt:

    Marionetten

    Auf der Marionettenbühne
    Erscheint
    Ein Körper,
    Wandelt sich
    Zu König, Fürst
    Oder gewöhnlichen Mann –
    Macht uns vergessen,
    Dass da in Wirklichkeit
    Nur eine Holzpuppe ist.
    Narren
    Nehmen diese
    Für den Wahren Menschen.
    (Ikkyu Sojun „Im Garten der schönen Shin“)

    …und die Narren tanzen auf der Marionettenbühne (ich meine besonders die dort links sitzen und wie die Kleinkinder nicht bereit sind einer Frau Wagenknecht zuzuhören, wie sagt UP so schön: „Trockennasenaffen“):

    Naja, konsequenterweise, Holzpuppen können natürlich nicht anders!

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Eno,

      das ist die traurige Wahrheit: Sie können wirklich nicht anders. Und es geht der Sahra Wagenknecht nicht anders als von mir aus Yanis Varoufakis. Sie glotzen dich an, falls sie das überhaupt noch tun, mit diesen toten Augen von London und wissen das alles, was du ihnen sagst, aber haben keine Sekunde vor, ihr bisheriges Verhalten wenigstens in Frage zu stellen. Ja, Holzpuppen können natürlich nicht anders. Es ist, wie ich es oben nachzustellen versuchte, wie es Wilhelm Reich mit großer Klarheit dargestellt hat und wie es Alice Miller nochmal auf den Punkt gebracht hat: Die Suppe hat uns wirklich der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs eingebrockt. Sie haben das ganze Fühlen und Denken und Handeln so vieler Völker vergiftet. Zurückgelassen haben sie Holzpuppen, Zombies, Vollidioten und ein paar Monster, die die Puppen tanzen lassen.

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya,
        es ist so ein Wahnsinn. Diese ganze Situation in dieser absurden Welt ist abstoßend wie erregend. Da ist stets alles vorhanden. Wie in einer Liebesbeziehung, wie einfach in Allem. Größtes vorstellbares Elend und höchstes Glückserleben. In dieser unendlichen Weite erleben und erfahren wir Sein. Wir, das ist was wir ICH nennen, das was beständig IST.
        Und da kapituliere ich, da gebe ich auf, da verschwinde ich und tauche wieder auf und mag Frau Wagenknecht lieber als Frau Merkel und weiß um die Holzpuppe die ich bin und bin sie so ganz und gar, dass ich nichts von ihr weiß…

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  3. Baboji schreibt:

    Super Vergleich mit dem Baby!

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