für Paulette

IUnsere lange Trennung
hat mir weißes Haar beschert.
Wohin ist meine Liebste gegangen?
Nacht für Nacht jammere ich
und Tränen durchweichen mein Kissen.
Ein glimmender Docht, und im schmalen Bett
nur mein alter, einsamer Körper.

 Warum für dich, liebe Paulette? Nun, ich denke, dir müsste dieser Ikkyû Sôjun gewaltig auf den Keks gehen. Dass er seine Erleuchtungsurkunde zerrissen hat, war vermutlich das einzig Lobenswerte an ihm. Dass er in der Nachfolge Linjis einen großen Namen als Zen-Meister hat, ist völlig unverständlich und dass er beim gemeinen Volk so beliebt ist – na ja, das Volk. Pack halt. Kein Wunder, dass es diesen verkommenen Typen liebt. Und er ist ja nicht nur verkommen, ein alter Jammerlappen ist er, „ein glimmender Docht in einem alten, einsamen Körper“, wie er ja selbst zugibt. Der und Zen-Meister! Da sollste nicht vom rechten Glauben abfallen!

Die heiße Scheide einer schönen Frau
ist voller Liebe.
Ich habe es aufgegeben,
das Feuer in meinem Körper zu löschen.

Wer einmal das erhabene Absolute geschaut hat, kann doch nicht so einen Unflat von sich geben! Unflat? Kann er nicht? Sicherheitshalber stelle ich noch mal mein kleines Erleuchtungsmodell vom Dienstag rein:
BDer ins Unendliche verweisende Doppel-Pfeil, der Urgrund, die Quelle, der Buddha-Geist, DAS oder wie immer wir es nennen wollen, falls wir es überhaupt benennen wollen und nicht lieber einfach „Spüren Sie’s?“ flüstern, kümmert sich nicht um das, was da alles in Erscheinung tritt (roter Pfeil, kommt, geht, kommt, geht). Was immer in Erscheinung tritt, ist für DAS vollkommen. Aus relativer Sicht mag es total unvollkommen aussehen, ungerecht, kriminell, hässlich, … wie auch immer. Für DAS ist es – na ja, nicht einmal vollkommen, sondern ist es einfach. Da gibt es kein besser oder schlechter. „Gott (DAS) lässt seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte.“ wird gesagt. Du wirst also nie an der äußeren Erscheinung oder am Verhalten erkennen können, ob irgendjemand Buddha-Natur besitzt oder nicht. Die besitzen wir allesamt sowieso. Das ist ja auch der Sinn von diesem Namaste-Gruß: Sich gegenseitig daran zu erinnern, dass wir Buddha-Geist sind. Und Buddha-Geist meint, dass wir das HIER sind in diesem und in jedem Augenblick.

Der Spruch von Jesus am Kreuz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, müsste eigentlich heißen, „… denn sie wissen nicht, wer sie sind.“ Na ja, den Herrn und das Vergeben kann man sich dann auch gerne schenken. Und wer sind sie? Nicht Hinz und Kunz, sondern das ewige HIER. Hinz und Kunz kommen und gehen, werden geboren und sterben, das HIER wird nicht geboren und ist unsterblich. Du hast Buddha-Natur. Das ist das Geschenk mit dem du auf die Welt kommst. Und du bist ein Buddha in dem Moment, in dem du gerade ganz das HIER bist. Wenn dir das bewusst ist, bist du ein Buddha, der sein Kissen mit Tränen durchweicht, ein Buddha, der es aufgegeben hat, das Feuer in seinem Körper zu löschen, ein Buddha der …

Die alten Kôan sind bedeutungslos
und wollen bloß Tugend vortäuschen.
Diese traumhaft junge Hure freilich
trägt einen seidenen Umhang,
der gerade einen Spalt weit offen steht.

alle Gedichte aus: Ikkyû Sôjun, „Gedichte von der Verrückten Wolke“

H

 

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15 Antworten zu für Paulette

  1. Pingback: Anleitung zur Erleuchtung: Scheißen Sie drauf. | indogermanisch.com

  2. Lieber Nitya,

    danke für diesen Artikel. Ich habe bei mir aufm Blog eine Erwiderung geschrieben🙂
    (http://indogermanisch.com/2015/09/24/erleuchtung-scheissen-sie-drauf/)

    Alles Liebe
    Norbert

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    • Nitya schreibt:

      „Und hier gebe ich natürlich dem Nitya recht (als ob das irgendwen interessieren würde!).“

      Lieber Norbert,

      also mich interessiert das sehr. Aber nur die Feststellung, dass ich recht habe. Huldigungen werden also gern entgegengenommen und schmecken fast so gut wie Puhs Honig.

      Einen lieben Gruß aus stolzgeschwellter Brust
      Nitya

      Gefällt 1 Person

  3. Eno Silla schreibt:

    Lieber Nitya,

    das ist heute mal wieder ein Blogbeitrag, der das Enoherz hüpfen läßt!
    Du weißt ja, dass ich diesen Ikkyu sehr schätze. Er war es ja auch, der mich in diesen Blog brachte, obwohl ich Blogs überhaupt nicht mag, wegen des ganzen sinnlosen Gelabers, von dem fast alle Blogs, die ich mir mal angesehen habe nur so strotzten. Aber hier bei dir finde ich doch immer wieder eine kleine morgentliche Perle. Und danke, dass du so bist, wie du bist, manchmal ein grantelnder Choleriker, aber immer authentisch!
    Zu dem oben Geschriebenen habe ich nichts hinzuzufügen, es bringt die ganze Sache auf dem Punkt, ja, du hast recht. Aber, eine Bemerkung zum Gedicht da oben. Du schreibst: „ein glimmender Docht in einem alten, einsamen Körper”. Im Gedicht heißt es aber: „Ein glimmender Docht, und im schmalen Bett
    nur mein alter, einsamer Körper.“ Ich verstehe diesen glimmenden Docht, als Metapher auf seinen alten geilen Schwanz, der „Die heiße Scheide einer schönen Frau“ vermisst. Immerhin bemerkenswert für einen alten Mann, wenn er nicht, was das Glimmen seines Dochtes anbelangt, ein Aufschneider war, glimmt doch bei mir mit fast 55 Jahren nicht mehr so sehr viel! Aber in diesen Dingen sind wir wohl alle sehr verschieden ausgestattet!

    Herzliche Grüße von

    Eno

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    • Nitya schreibt:

      „manchmal ein grantelnder Choleriker“

      Lieber Eno, ich werde nicht an mir arbeiten und weiter vor mich hin granteln, versprochen.

      Hmm, die Sache mit dem glimmenden Docht: Zuerst dachte ich: Hää? War ich heut früh noch so verschlafen, dass ich das übersehen habe? Aber ich hab ja jetzt ein Adlerauge – vielleicht hab ich mir ja dabei sogar was gedacht. Soll manchmal vorkommen. Also ich finde, du bist total psychoanalytisch versaut, wenn du beim glimmenden Docht gleich an Ikkyûs geilen alten Schwanz denkst. Ich dachte eher daran, dass der ganze Kerl wie ein glimmender Docht ist und es das Lebensfünklein wohl nicht mehr lange machen wird. Jammert er, weil er keinen mehr hochkriegt oder weil er einsam ist? Warum sollte er sich über seinen müden Schwanz grämen, wenn weit und breit keine Braut in Sicht ist? Aber sicher bin ich mir da auch nicht, vielleicht hast du ja recht und er weint seiner verlorengegangenen Manneskraft hinterher? Kann sein, dass du recht hast und nur recht. Kann sein dass du falsch liegst und nur falsch …😉

      Herzlichst
      Nitya

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya,

        ich hoffe doch sehr, dass der mir sehr liebe grantelnde Choleriker nicht bearbeitet wird, schon garnicht von sich selbst😉 !

        Was die Sache mit dem Docht angeht, so meinte ich nicht, dass er keinen mehr hochkriegt (bis auf das ich nicht weiß, ob er, was seine Manneskraft anbelangt, ein Aufschneider war). Er selbst weist ja in einem Gedicht sehr genau darauf hin, dass er trotz des hohen Alters wieder und wieder in ihr hart wurde. Für mich steht der glimmende Docht für die sexuelle Lust, die nicht befriedigt wird, weil er allein in seinem Bett liegen muß. Dieser glimmende Docht wird entflammt von diesen verführerischen Wesen, mit denen er sich liebend gern umgibt. Ikkyu ist also tatsächlich einsam, ihm fehlt diese junge hübsche Frau, die sein Feuer entfacht, welches ohne sie zu einem glimmenden Docht verkümmert! Ich glaube der evtl. bald bevorstehende Tod juckt ihn nicht die Bohne, sondern nur eine weitere Nacht zu erleben, ohne die Möglichkeit seinen glimmenden Docht in einer (geliebten) Frau entflammt zu fühlen.

        Ansonsten ist es klar wie immer: ich habe genauso sehr recht, wie ich unrecht habe (und all die anderen Positionen des Tetralemma), das ist ja das Di(Tetra)lemma!

        Liebe Grüße

        Eno

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      • Eno Silla schreibt:

        Eine Frau bedeutet Erleuchtung,
        wenn bei eurem Zusammensein
        der rote Faden eurer gegenseitigen Leidenschaft
        in dir brennt und dich erkennen lässt.

        Im tiefen Winter schreibe ich Gedichte
        und betrinke mich.
        Die Tasse wiegt schwer,
        genau wie der Mond.
        Die ganze Nacht lang flüstere ich
        und bin – trotz meiner sechzig Jahre –
        wieder und wieder hart in ihr.

        Ikkyu Sojun

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      • Nitya schreibt:

        Na, nimm dir mal ein Beispiel an ihm, lieber Eno.
        So viele Frauen warten darauf, dass du sie glücklich machst!

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      • Eno Silla schreibt:

        Ach du Träumer, viel zu anstrengend Frauen glücklich machen zu wollen – klappt nie!
        Aber mit einer geliebten Frau glücklich sein, das ist schön!

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      • Nitya schreibt:

        Du darfst nicht immer alles so ernst nehem, was ich da von mir gebe, lieber Eno. Also jetzt mal ganz im Ernst, falls ich das überhaupt noch hinkriege: Du hast nichts über die Dauer des Glücks gesagt und du weißt ja: „Glück und Glas, …“ Auf Glück folgt Unglück und am Ende jammerst auch du Nacht für Nacht und deine Tränen durchweichen dein Kissen.

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      • Eno Silla schreibt:

        Du nimm aber auch nicht immer so ernst, lieber Nitya, was ich so von mir gebe. Über die Dauer und Folgen wollte ich noch was nachschieben, nach deiner Antwort😉 . Ja, so ist es, alles hat seinen Preis und ich habe für die mir totalglücklich erschienenen Stunden mit geliebten Frauen das genaue Gegenteil in voller Intensität, also viele durchweichte Kissen, ertragen müssen. Und hat es sich dennoch gelohnt? Ja! würde ich sagen, aber nun ist es auch genug damit!🙂

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