Mordechaj Gebirtig: Kinderjohren


M
Wir leben in ständiger Angst vor dem Tod. Wir wollen nicht über ihn nachdenken, wir wollen ihn nicht ansehen, wir wollen uns nicht eingestehen, dass er existiert. Wir wollen einfach nur unser Leben angehen und nicht an unsere Sterblichkeit erinnert werden, also versuchen wir, sie auf dreierlei Weise zu bagatellisieren. Als erstes verlegen wir unseren Tod gedanklich in ferne Zukunft, wodurch er nichts mehr ist, über das wir uns jetzt sofort Gedanken machen müssen. Wahrscheinlich sterben wir erst mit achtzig oder neunzig, und wahrscheinlich sind wir dann eh schon so weich in der Birne, dass wir nichts mehr davon mitbekommen, also brauchen wir uns darüber keine Sorgen zu machen.

Eine weitere Möglichkeit, den Tod auf etwas Handzahmes zu reduzieren, besteht darin, ihn mit Hilfe unseres Glaubens an ein Leben nach dem Tod – vor allem an einen Himmel und an die Wiedergeburt – seiner Endgültigkeit zu berauben. Bei den meisten von uns ist dieser Glaube wenigstens stark genug, um seinen Zweck zu erfüllen, nämlich uns den Tod aus den Augen zu schaffen. Aus den Augen aus dem Sinn, stimmt’s?

Eine dritte Taktik, deren wir uns beim Praktizieren unserer Todesverleugnung bedienen, besteht in ständiger Ablenkung. Wir halten uns vom Denken ab, indem wir ständig beschäftigt sind, indem wir unsere Aufmerksamkeit fortwährend nach außen richten, auf die zahlreichen Trivialitäten des Lebens. Die heilige Dreifaltigkeit, das sind Heim, Arbeit und Familie, aber wir haben darüber hinaus auch noch andere Dinge, mit denen wir die Lücke bedarfsweise schließen können: Sport, Einkaufen, Bücher und Fernsehen, Süchte, Hobbys und so weiter.

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“


Vielleicht hätte Mordechaj Gebirtig auch liebereinfach nur sein Leben angehen und nicht an seine Sterblichkeit erinnert werden wollen, vielleicht hätte er auch lieber versucht, seine Sterblichkeit auf die von Jed McKenna beschriebene Weise zu bagatellisieren. Es war ihm nicht vergönnt, wie so vielen anderen in dieser grauenvollen Zeit. Der jüdisch-polnische Tischler, Poet und Komponist wurde 1942 im Krakauer Ghetto von einem dieser irren deutschen Besatzungssoldaten auf offener Straße einfach so erschossen.Beispiel Argentinien: Die Massenmörder finden immer willige Idioten, die eine Knarre in die Hand nehmen und nicht nur die angeblichen Feinde, sondern genauso ihre Landsleute, Arbeitskameraden oder wen auch immer erschießen, zerstückeln oder sonst wie verschwinden lassen. Nachdem Militärdiktatur und Unternehmer in Argentinien lange gewütet hatten, veröffentlichte León Gieco seinen Protestsong, seine Anklage, seinen Aufruf zum Widerstand „Solo le pido a Dios“. Hier eine Aufnahme aus der Zeit, als der Albtraum schon vorüber war.


Gott bitte ich einzig darum,
dass der Schmerz mich nicht gleichgültig lasse,
dass der dürre Tod mich nicht allein und leer
antreffe, ohne dass ich das Notwendigste getan habe.

Gott bitte ich einzig darum,
dass die Ungerechtigkeit mich nicht gleichgültig lasse,
dass sie mich nicht auf die andere Wange schlagen,
nachdem eine Kralle mir bereits mein Glück genommen hat.

Gott bitte ich einzig darum,
dass der Krieg mich nicht gleichgültig lasse,
der Krieg, er ist ein Monster, das mit festem Tritt,
all die arme Unschuld der Leute zunichtemacht.

Gott bitte ich nur,
dass der Betrug mich nicht gleichgültig lasse,
falls ein Verräter mehr erreicht als die Vielen,
und dass diese Vielen dies nicht leicht vergessen.

Gott bitte ich nur,
dass die Zukunft mich nicht gleichgültig lässt,
denn todgeweiht sind die, welche gezwungen sind, ihr Land zu verlassen,
um in einer fremden Kultur zu leben.

Gott bitte ich nur,
dass der Krieg mich nicht gleichgültig lässt,
der Krieg, er ist ein Monster, das mit festem Tritt,
all die arme Unschuld der Leute zunichtemacht.

Und wir wohlanständigen, satten Bürger der Bundesrepublik Deutschland leisten uns den Luxus, uns die Augen zuzuhalten und den Tod aus unserem Leben zu verdrängen? Freund Hein scheint langsam ungeduldig mit uns zu werden und scharrt schon mit den Hufen, um sich wieder in Erinnerung zu bringen. Und wir sind im typisch deutschen vorauseilenden und selbstmörderischen Gehorsam dabei, ihm seine Arbeit zu erleichtern.

S

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Mordechaj Gebirtig: Kinderjohren

  1. Nitya schreibt:

    Stilette

    Seit ein paarTagen hat hier ein gewisser Stilette meine Beiträge mit seinem „Gefällt mir“ geadelt. Ich hab mir seinen Blog angeguckt und ein paarmal meinen Senf abgegeben. Immerhin hatte er ja die Schneid, meine Beiträge auf seinem Blog zu kommentieren. Mein letzter Senf war dem Blogbetreiber wohl ein Ärgernis, sodass er meinen Text geradezu in sein Gegenteil verdrehte. Für jemanden, der für sich die „Emotion Liebe“ deklarierte, ein erstaunlicher Ausdruck dieser Emotion. Von einem Menschen mit einem derartigen Charakterdefekt geadelt zu werden, ist ein ziemlich zweifelhaftes Vergnügen. Ich schreibe das hier auf meinem Blog, da ich sicher sein kann, dass dieser Text auf seinem Blog auch wieder umgeschrieben wird.

    Wie ich gerade sehe, hat Mr. Stilette seinen Blog jetzt auf „privat“ umgestellt, sodass er öffentlich nicht mehr einsehbar ist. Stilettes Großvater war angeblich im KZ. Wenn das so ist, dann ist es schon sehr erstaunlich, wie sehr sich sein Enkel für jedes faschistische System als willigen Büttel empfiehlt.

    Neueste Meldung: Bei Mr. Stilette ist wieder geöffnet. Erwartungsgemäß hat er auch meinen letzten Kommentar umgeschrieben.

    Gefällt mir

    • Elwood schreibt:

      Wie war denn Dein vorletzter und letzter Kommentar, kriegste die wieder zusammen?
      Schon beim ersten Satz
      „Ich hatte es beruflich fast nur mit Emotionen zu tun, habe daher kein Interesse mehr mich noch weiter über Emotionen aus zu tauschen.“ hatte ich ein HÄHHH???? im Oberstübchen.
      LG Elwood

      Gefällt mir

      • Nitya schreibt:

        Lieber Elwood,

        nee, um Gottes willen, ich merk mir doch nicht jedes Wort, das ich geschrieben habe. Es war jedenfalls zuletzt nichts mehr, was ihm hätte gefallen können. Na ja, dann hat er’s halt so verdreht, dass es aussah, als würde ich ihm in den Arsch kriechen und die Füße küssen.

        LG Nitya

        Gefällt mir

    • zaungast schreibt:

      Stilette=Klaus U. aus H. ist immer noch an Nitya verbissen🙂

      Gefällt mir

      • Nitya schreibt:

        Du scheinst ja schon seine Bekanntschaft gemacht zu haben.
        Na denn Prost!

        Gefällt mir

      • Nitya schreibt:

        Hab gerade einen Anruf von „Klaus U.“ bekommen, der darauf hinwies, dass er nicht Stilette ist. Würde mich auch ärgern, wenn ich’s nicht wäre. Also, wäre nett, wenn solche für Dritte nicht nachvollziehbaren Anschuldligungen unterbleiben würden.

        Gefällt mir

  2. Paulette schreibt:

    lieber Nitya,
    hab leider keine Mailadresse mehr von dir, daher habe ich eine Mail an Stephan gesendet mit der Bitte um Weiterleitung an dich, da ich hoffte, dass er mit dir in Verbindung ist.

    Ich kann leider kein gutes Englisch aber wäre es nicht an der Zeit an wordpress eine Missbrauchsmeldung zu senden mit der Begründung, dass man diese Funktion, mit der es einem Blogbetreiber möglich ist den abgegebenen Kommentar inhaltlich zu verändern, unbedingt umprogrammieren muss?
    Das ist doch schon Urkundenfälschung, wenn dein Kommentar verändert wird und dann unter deinem Namen und Bild erscheint. Eine solche Funktion kann doch auch strafrechtliche Konsequnezen haben, wenn ich z.B. auf einem rechtsradikalen Blog meinen Widerstand ausdrücken möchte und der Inhaber kann meinen Text verändern wie er will?

    Ich hab echt die Schnauze voll von Facebook und solchem Internetunfug, hab die letzte Zeit eine Menge Ärger gehabt mit einem Spinner, der mir Bilder von zerhackten Leichen sendete.
    Mir ist derzeit die Lust wirklich vergangen mich öffentlich zu präsentieren.

    Schade, dabei hat mir das Schreiben soviel Freude bereitet.

    Dir ersteinmal alles Liebe von Herzen

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Liebe Paulette,

      soll er doch die Dinge verdrehen wie er will, früher oder später fällt ihm doch die Maske von der Visage und er zeigt, wes Klein-Geistes Kind er ist. Ich hab’s nicht so mit immer mehr Sicherheitsmaßnahmen. Da kriegt man am Schluss kaum noch selbst Luft. Ja, das ist so was wie Urkundenfälschung, was er da macht. Das sind Methoden, wie sie von den Mächtigen der Welt und ihren Lakaien ständig angewandt werden. Ich denke nicht, dass Rückzug die richtige Antwort ist. Ihnen das Feld überlassen? Niemals! Ich kann das gut verstehen, wenn dir in diesem miesen Klima die Lust zu schreiben abhanden kommt. Aber das wäre wirklich jammerschade. wenn du mit dem Schreiben aufhören würdest. Du kennst das ja alles schon aus deiner DDR-Zeit. Es liegt weitgehend an uns, ob wir wieder in so eine faschistische Scheiße rutschen. Freiheit wird einem halt einfach nicht geschenkt.

      Herzlichst
      Nitya

      Gefällt mir

  3. Nitya schreibt:

    Lieber Eno, danke!

    Gefällt mir

  4. Eno Silla schreibt:

    Feldeinsamkeit

    Ich ruhe still im hohen grünen Gras
    Und sende lange meinen Blick nach oben,
    Von Grillen rings umschwirrt ohn Unterlaß,
    Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

    Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
    Durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; –
    Mir ist, als ob ich längst gestorben bin
    Und ziehe selig mit durch ewge Räume.

    Hermann Allmers

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s