Bert Brecht: DER KÄLBERMARSCH


Bertolt Brecht

Hinter der Trommel her
Trotten die Kälber
Das Fell für die Trommel
Liefern sie selber.
Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossen
Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt.
Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen
Marschiern im Geist in seinen Reihen mit.         

Sie heben die Hände hoch
Sie zeigen sie her.
Die Hände sind blutbefleckt
Doch immer noch leer.
Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossen
Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt.
Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen.
Marschiern im Geist in seinen Reihen mit.

Sie tragen ein Kreuz voran
Auf blutroten Flaggen
Das hat für den armen Mann
Einen großen Haken.
Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossen
Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt.
Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen
Marschiern im Geist in seinen Reihen mit.

aus: Bert Brecht, Gedichte

In der gleichen Stadt aufgewachsen wie Bert Brecht konnte ich ziemlich aus der Nähe miterleben, wie man mit einem Menschen umging, der verdächtigt, Anhänger des kommunistischen Systems zu sein, als Kommunist und damit als Feind behandelt wurde. Erst später hörte ich, dass dies nicht nur der provinziellen Haltung der Stadtväter zu danken sei, sondern der massiven Einflussnahme unserer sog. amerikanischen Freunde.

KDer Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossen
Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt.
Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen.
Marschiern im Geist in seinen Reihen mit.

Bert Brecht hatte mit dem Kommunismus nicht viel am Hut, aber was spielt das schon für eine Rolle. Einen Feind zu haben, ist viel zu schön, als dass man ihn freiwillig wieder aus seiner Rolle entlassen wollte. Der Schlächter in Brechts Gedicht „Kälbermarsch“ von 1933 war natürlich Adolf Hitler, aber gab es je eine Zeit ohne Schlächter und Kälber?

Vielleicht bin ich ja völlig versaut, vielleicht sehe ich ja nur noch Gespenster, wenn ich überall Schlächter und Kälber zu sehen glaube. Selbst unsere wundervolle, gut durchorganisierte deutsche Willkommenskultur ist mir verdächtig.

Und wenn Paulette kürzlich von der Erzählung berichtete, in der jemand nach dem 2. Weltkrieg, der nicht einmal ganze Kartoffeln besaß, sogar noch seine Kartoffelschalen mit den Flüchtlingen teilte, dann denke ich an die Flüchtlingsfrau in Mittenwald, bei der ich 1954 mal als Windsbacher Sängerknabe für eine Nacht einquartiert war, die mir erzählte, wie man ihr damals den Holzbalkon angesägt hatte, damit sie sich auf ihm hoffentlich bald zu Tode stürzen würde. Organisiertes Mitgefühl ist mir so suspekt wie jedes andere organisierte Gefühl von „Wir sind Papst“ bis zu „Wir sind Weltmeister“ oder sonst irgendeinem Schwachsinn. Der Schlächter ruft – Führer wir folgen dir. Wie ist es zu erklären, dass diese unsägliche Regierung immer noch fest im Sattel zu sitzen scheint außer dadurch, dass

Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt.
Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen.
Marschiern im Geist in seinen Reihen mit.

Übrigens, wer sich die Hommage von Marcel Reich-Ranicki an Bert Brecht anhören mag, dem sei das Video-Interview mit Peter Voß mit dem dämlichen Titel „UNFASSBAR Marcel Reich Ranicki entzaubert Bertolt Brecht – Lauter schwierige Patienten“ empfohlen:

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7 Antworten zu Bert Brecht: DER KÄLBERMARSCH

  1. LOB schreibt:

    „Organisiertes Mitgefühl ist mir so suspekt wie jedes andere organisierte Gefühl von “Wir sind … “ treffend – der Text lässt aufatmen – gegen diesen verordneten nationalen Kraftakt.

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  4. Andreas schreibt:

    B. Brecht war ein politisch interessierter Theater-Mensch und 9/11 war ein politisches Theater. 😉
    Okay, okay -> mein Kommentar ist off-topic …

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  5. brunomayer40 schreibt:

    Hat dies auf brunomayer40 rebloggt.

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