Alan Watts: Freiheit entbindet von Notwendigkeit


W
Nicht bis die Sonne dich ausschließt, schließe ich dich aus,
Nicht bis die Wasser sich weigern, für dich zu glitzern,
und die Blätter, für dich zu rascheln, werden meine Worte
sich weigern,
für dich zu glitzern und zu rascheln.

aus: Walt Whitman, „An eine gewöhnliche Prostituierte“

So verstehen wir in der Freiheit des Geistes, dass, ob wir das Leben lieben oder verabscheuen, ob wir von Mitleid oder Hass erfüllt sind, von Erstaunen oder Lust, Schönheit oder Schrecken, Weisheit oder Unwissenheit – jeder dieser Gegensätze so annehmbar ist wie Tag und Nacht, Ruhe und Sturm, Wachen und Schlafen. Wir fühlen uns nicht gezwungen, aufgrund irgendeines voherbestimmten Musters von gutem Charakter in der „richtigen“ Weise auf unsere Erfahrung zu reagieren; wir können auf diese Erfahrung jederzeit nach Belieben reagieren und bewusst so ungehemmt wie ein wildes Tier mit seinem Instinkt sein. Im Kummer fühlt sich der freie Mensch frei, zu weinen, im Schmerz, zu schreien, in Wut, zu töten, bei Langeweile, sich zu betrinken, und bei Trägheit, zu faulenzen. Genau dieses Gefühl der Freiheit entbindet ihn von der Notwendigkeit, dies alles zu tun.

aus: Alan Watts, „Die sanfte Befreiung“

PDas klingt ein bisschen wie eine Therapieempfehlung etwa in dem Sinn: „Wenn du dich so annehmen kannst, wie du in diesem Augenblick bist, dann kannst du auch bleiben lassen zu tun, was du glaubst, unbedingt tun zu müssen.“ Die Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass du dir erst mal klar sein musst über deine Programmierung. Alan Watts: „Wir fühlen uns nicht gezwungen, aufgrund irgendeines voherbestimmten Musters von gutem Charakter in der „richtigen“ Weise auf unsere Erfahrung zu reagieren.“ Solange die Muster unbewusst sind, regieren wir natürlich erst mal völlig im Sinne dieser Muster. Werden uns die Muster bewusst, wollen wir sie möglicherweise so schnell wie möglich loswerden, weil wir sehen, wie blöd sie zum Teil sind. Da gab es nach dem Krieg etwa die stete mütterliche Anweisung an die Kinder, nie nach der Schule die Mäntel aufs Bett zu schmeißen. Die Möglichkeit, dass man sich sonst Flöhe und Läuse ins Bett holt, war einfach zu groß. Später, als die meisten Leute floh- und lausfrei waren, machte so ein Programm natürlich wenig Sinn. Aber wie wird man die überholten oder dämlichen Muster der Vergangenheit wieder los?

Okay, also nochmal: „Wenn du dich so annehmen kannst, wie du in diesem Augenblick bist, dann kannst du auch bleiben lassen zu tun, was du glaubst, unbedingt tun zu müssen.“ Sich annehmen klingt vielleicht bestialisch schwer, dabei ist es doch offensichtlich, dass wir es die ganze Zeit tun. Wenn jemand feststellt, dass er einen Schnupfen hat, hat er die Existenz des Schnupfens bereits angenommen. Das ist ja nun wirklich keine besondere spirituelle Großtat. Dass er den Schnupfen nicht haben will, hat nichts damit zu tun, dass er seine Existenz angenommen hat. Jetzt kann er Maßnahmen ergreifen, den ungeliebten Schnupfen wieder loszuwerden. Der arme Elwood musste erst mal die Existenz seiner Kolik annehmen, damit er sich an einen Arzt wenden konnte. Im Falle von Elwood zwang ihn der Schmerz der Kolik dazu, die Existenz der Steine in seiner Leber anzuerkennen und anschließend etwas für sich zu tun und vielleicht sogar das zukünftig bleiben zu lassen, was die süßen Steinchen in seiner Leber erst erzeugt hat. Na ja, ich muss ja gerade reden.

L

Alan Watts: „Im Kummer fühlt sich der freie Mensch frei, zu weinen, im Schmerz, zu schreien, in Wut, zu töten, bei Langeweile, sich zu betrinken, und bei Trägheit, zu faulenzen.“ Der freie Mensch wohlgemerkt. Die Barackenkinder in meiner Kindheit brauchten keine Therapieempfehlung, sie fühlten sich frei, zu sein, wie sie gerade waren. Ich versautes Bürgersöhnchen beneidete sie glühend um diese Freiheit. Nicht beneidete ich sie allerdings darum, dass sie jeden Morgen von unserem Lehrer mit dem Rohrstock prophylaktisch oder nach begangener Untat verdroschen wurden. So hat halt alles seine zwei Seiten.

Walt Whitmans kleiner Ausschnitt aus seinem Gedicht, zeigt die Weite, die entstehen kann, wenn alles in seiner ganzen Fülle so angenommen werden kann, wie alles etwa von der Sonne angenommen wird. Die bürgerliche Bindung an die Notwendigkeit, eine gewöhnliche Prostituierte geringer zu schätzen als irgendein anderes Wesen, ist in der Freiheit des Geistes einfach verschwunden. Ich schrieb schon einmal, dass die aus der Nachkriegszeit stammende Verurteilung wasserstoffsuperoxidblondierter Damen in Begleitung farbiger GIs bei mir immer noch reflexartig beim Anblick eines Farbigen und einer Blondine auftaucht, jetzt allerdings sofort mit einem breiten Grinsen ad absurdum geführt wird.

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5 Antworten zu Alan Watts: Freiheit entbindet von Notwendigkeit

  1. Andreas schreibt:

    Lieber Nitya

    Ich bin grad beim Thema „Neurose & Psychose“, da kommt mir das Zitat von Alan Watts wie gerufen. Das „Ich“ kann souverän mit „Es“ und „Über-Ich“ umgehen …

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  2. Elwood schreibt:

    Ich hab meine Konditionierungen sehr lange im Licht „angeblich meiner“ Ideale gesehen. Das Ich sucht nach einer Identifizierung, nach Anerkennung. Wer bin ich und wie bedeutend. So verglich ich mich dauernd. Hatte eine Vorstellung wie ich sein sollte, selbst wenn ich gar nicht wusste, was dieses Sollte denn nun wirklich ist(anders halt). Meine Konditionierungen sind dabei entweder ein Ärgernis oder ein Standpunkt, den es zu verteidigen gilt. In beiden Fällen ein ständiger Konflikt mit „meinen“ Idealen oder den Idealen meiner Götzen. Je mehr sich in mir die Gewissheit des All-EIN-SEIN breitmacht, umso mehr verlieren sich die Ideale, die orientierenden Messpunkte in mir. ALLES kann SEIN, sodass das Gefühl ich bin falsch oder richtig und etwas Besseres keinen wirklichen Haltepunkt, außer „meiner/einer“ Meinung vorweisen kann. Alles ist darin enthalten, auch das Gefühl diese Kolik ist jetzt nicht grad der Hit. Als meine Frau mich ins Krankenhaus fuhr, hatte ich Gefühl, jetzt noch ein Tick heftiger der Schmerz und eine Panik-Attacke(bin von meiner Konditionierung anfällig für solche) dazu und du wirst Ohnmächtig. Es ist nicht so gekommen, im Gegenteil, es kam der Gedanke: wenn nachher im Krankenhaus die Schmerzen nachlassen kannste drüber lachen.

    Im Krankenhaus auf der Behandlungsliege war ich beruhigter, das Schmerzmittel wollte noch nicht so richtig ansprechen, aber ich bekam tatsächlich heftige Lachanfälle schon zwischen den Koliken und Wut während der Kolik.

    Dies ist auch weder richtig noch falsch, wenn ich wirklich Angst um mein Leben habe, werde ich vielleicht doch in Panik verfallen und mein Ego wird um sein Leben jammern, aber das ist dann halt so. So ist das Ego programmiert, es muss und soll um sein Erhalt kämpfen. Es gibt darin keinerlei Ideal sondern nur das Leben selbst(sach ich mal so).

    Gestern hat ein Pfleger mich zur Endoskopie gefahren(mit dem Bett). Er hatte große arabische Schriftzeichen auf seinem Unterarm tätowiert. Ich fragte ihn was das bedeutet. Er sagte: “Nur Gott allein richtet mich“. Ich sagte ihm ich würde es vielleicht anders formulieren: Wer wüsste denn, sodass er richten könnte. Der Pfleger stimmte mir zu und wir verabschiedeten uns mit Inschallah.

    Heute Nacht schallte wieder eine Gebärende Frau über das Gelände, laannge auslaufende Schreie.

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  3. Eno Silla schreibt:

    Alanis Morissette – Thank U

    Wie wäre es, diese Antibiotika nicht mehr einzunehmen?
    Wie wäre es, mit dem Essen aufzuhören, wenn ich satt bin?
    Wie wäre es mal mit diesen durchsichtigen hängenden Karotten?
    Und wie verhält es sich eigentlich mit diesem flüchtigen Ruhm?

    Danke dir, Indien.
    Danke dir, Terror.
    Danke dir, Desillusionierung.
    Danke dir, Schwachheit.
    Danke dir, Konsequenz.
    Danke dir, Stille.

    Wie wäre es, wenn ich dir nicht immer die Schuld an allem gäbe?
    Wie wäre es, wenn ich nur einmal den Moment genießen würde?
    Wie wäre es zu erfahren, wie schön es sich anfühlen würde, dir endlich zu verzeihen?
    Wie wäre es, sich nicht immer um alles gleichzeitig zu kümmern?

    Danke dir, Indien.
    Danke dir, Terror.
    Danke dir, Desillusionierung.
    Danke dir, Schwachheit.
    Danke dir, Konsequenz.
    Danke dir, Stille.

    Der Moment, in dem ich mich fallen ließ,
    war der selbe, in dem ich mehr bekam als ich verarbeiten konnte.
    Der Moment, in dem ich absprang,
    war derselbe Moment, in dem ich auf dem Boden landete.

    Wie wäre es, nicht mehr so masochistisch zu sein?
    Wie wäre es, mich wieder an deine Göttlichkeit zu erinnern?
    Wie wäre es, wenn man sich nicht immer demonstrativ die Augen aus dem Kopf weinen würde?
    Wie wäre es, den Tod nicht mit dem Ende gleichzusetzen?

    Danke dir Indien.
    Danke dir, Vorhersehung.
    Danke dir, Desillusionierung.
    Danke dir, Nichts.
    Danke dir, Klarheit.
    Danke dir, Stille.

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