Linji: Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister.


B
Ihr geht an verschiedene Orte, zeigt auf eure Brust, schlagt euch auf die Rippen und sagt: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg.“ Doch selbst, wenn zwei oder drei von euch hierherkommen, seid ihr zu nichts fähig. Pah! Mit diesem Körper und diesem Geist geht ihr überall hin, um mit euren schlabbernden Lippen gewöhnliche ‚Menschen zu täuschen. Ihr seid keine Hauslosen. Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister.

Was den höchsten Weg angeht, so wird er nicht durch Argumente und Debatten die Begeisterung erhöhen; er versucht auch nicht, leidenschaftliche Ketzer in ihre Schranken zu verweisen. Die Abfolge von Buddhas und Patriarchen verfolgt keine besondere Absicht. Auch wenn es verbale Lehren gibt, sind diese alle in den Kategorien von Ritualen, Rechten, dem Kausalgesetz der Drei Fahrzeuge, den Fünf Naturen, Menschen und Himmelswesen angesiedelt. Im Fall der Lehre vom vollständigen Erwachen, ist dies jedoch anders.

Tugendhafte Mönche, missbraucht nicht euren Geist. Der große Ozean bewahrt keine Leichen auf, aber ihr wollt sie auf euren Schultern durch die ganze Welt tragen. Ihr erzeugt Hindernisse, weil ihr an euren eigenen Ideen hängt, und das wird euren Geist beschränken.

aus: Linji Yixuan, „Linj Yulu“

„Ich verstehe Ch’an.“ Also ich nicht. Ch’an – keine Ahnung, was das sein soll. Aber ich lieb es. Frag mich bloß keiner, warum. „Ihr seid keine Hauslosen. Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister.“ Linji scheint leicht genervt zu sein. Was sind Hauslose? Irgendwo las ich, damit seien Bettelmönche gemeint im Gegensatz zu Verheirateten, die ihren festen Wohnsitz haben. Ich halte das für Quatsch. Jesus sagte: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel haben ihr Nest. Der Sohn des Menschen aber hat keinen Ort, seinen Kopf niederzulegen und sich auszuruhen.“ Auch das könnte man so verstehen, dass Menschen ihr Leben lang auf Wanderschaft sein sollten. Aber das sind nur Gleichnisse, die für geistige Haltungen stehen. Besitzlos, hauslos, … das bedeutet, an nichts zu haften, ganz besonders nicht an irgendwelchen Wahrheiten.TLinji sagt: „Der große Ozean bewahrt keine Leichen auf, aber ihr wollt sie auf euren Schultern durch die ganze Welt tragen. Ihr erzeugt Hindernisse, weil ihr an euren eigenen Ideen hängt, und das wird euren Geist beschränken.“ Die Leichen, das sind die Meinungen und Glaubensinhalte der Menschen, an die sie sich klammern, als ginge es um Leben und Sterben. Ich denke gerade an meine Internatszeit, sonntags in der Kirche, vor mir die alten Bauern, ich erinnere, wie ihnen Haarbüschel aus den Ohren wuchsen und wie sie seit undenklichen Zeiten murmelten: „Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden, …“ Wer glaubt, etwas zu haben, der hat etwas zu verteidigen, etwas, wofür er kämpfen muss – und schon geht es in Richtung der „streitenden Geister“. Evangelen gegen Katholen, Schiiten gegen Sunniten, Aasfresser gegen Veganer, … „Mit diesem Körper und diesem Geist geht ihr überall hin, um mit euren schlabbernden Lippen gewöhnliche ‚Menschen zu täuschen.“ Denn mal ganz ehrlich unter uns Schweinehunden: Wir haben alle keine Ahnung.

Und so landen wir immer wieder bei dem, was der dritte Ch’an-Patriarch Seng-ts’an schon seinen Nachfolgern Huang-po und Linji ans Herz gelegt hat: „Suche nicht nach dem Wahren, enthalte dich nur deiner Meinungen.“ Sich seiner Meinungen enthalten, bedeutet: Keine Ahnung. Kein Futter mehr für streitende, rechthaben wollende Geister.

H

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3 Antworten zu Linji: Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister.

  1. fredo0 schreibt:

    Der Weg hinaus …
    aus den (be)streitenden Geistern …
    ist nicht die Entscheidung …
    sondern das Scheißegal …
    etwas gesitteter ausgedrückt – die umfassende Irrelevanz …

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    • Nitya schreibt:

      Man könnte ja theoretisch oder auch praktisch zu allem und jedem „scheißegal“ sagen, z.B. zu deinen Zeilen oder denen von wem auch immer. Klar ist es scheißegal, aber scheißegal ist irgendwie langweilig. Du gehst in eine Lokal und der Ober fragt, was er dir bringen könne. „Scheißegal!“ sagst du oder „umfassend irrelevant!“ Eno meinte ja gestern, dass alle recht hätten. Da ist ja durchaus auch was dran. Aber ist das wirklich und wahrhaftig wahr oder eine Altersmilde, die den Praxistest nicht überleben würde? Wenn ich aus dem Haus gehe und als Estes in Hundescheiße trete, würde mir wahrscheinlich ein „Scheißköter!“ rausrutschen. Dann vielleicht noch eine Schimpfkanonade in Richtung Hundebesitzer, der den Scheiß von seinem Hund nicht fein säuberlich wegräumt. Ich könnte natürlich auch sagen: Das arme Hundilein! Was soll es denn machen, wenn es ihn plötzlich überkommt? Keine Frage, der Hund ist voll in seinem Recht, wenn er mir vor die Haustür scheißt. Und der Hundebesitzer möglicherweise auch. Und das Ganze ist natürlich im Grunde scheißegal und völlig irrelevant. Aber wie das nun mal so ist: Mir ist es nicht egal, wenn ich mit diesen vollgeschissenen Schuhen ins Auto steige und alles vollschmiere und vollstinke. Ich finde das absolut nicht irrelevant und scheißegal. Ich habe volles Verständnis für den Hund, vielleicht sogar für den Hundebsitzer, aber ich habe verdammt noch mal auch und in erster Linie Verständnis für mich. Wer sorgt denn für mich, wenn nicht ich? Also find ich so gerade.

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  2. fredo0 schreibt:

    auch wieder richtig …😀
    so etwas wie umfassende irrelevanz ist ja nur in einer antwort auf vergebene relevanz „relevant“ …
    es ist ja diese vom ich stets automatisch vergebene „besonderung“ , die da mit „irrelvant“ zumindest erstmal in frage gestellt werden kann .
    dann , wenn alles als einzeln existierend betrachtete mit dieser „besonderung“ irrelevant wurde , bedarf es der kategorie „irrelevant“ nicht mehr , da es ja kein gegenteil mehr gibt , und sich alles (nur) erscheinende dann wieder in einer erscheinungsrelevanz findet …

    huops … vokabelschluckauf …

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