Liä Dsi: Ha, ha, ha. Ich habe eben nur Spaß gemacht.


H
Ein Mann aus Yän war in Yän zur Welt gekommen, aber in Tschu aufgewachsen. Als er alt geworden, kehrte er in sein Heimatland zurück. Er kam durch das Land Dsin. Da log ihn ein Mitreisender an, deutete auf die Stadt und sprach: „Das ist die Hauptstadt des Landes Yän.“ Da errötete jener Mann und verzog die Mienen. Der Mitreisende deutete auf die Altäre und sprach: „Das sind die Altäre deiner Heimat.“ Da seufzte er tief. Der Mitreisende deutete auf eine Hütte und sprach: “ Das ist die Behausung deiner Ahnen.“ Da schluchzte er und schneuzte sich. Der Mitreisende deutete auf die Gräber und sprach: „Hier ist die Ruhestätte deiner Ahnen.“ Da weinte jener Mann fassungslos. Der Mitreisende lachte laut und sprach: Ha, ha, ha. Ich habe eben nur Spaß gemacht. Das ist das Land Dsin.“ Jener Mann ward sehr beschämt.

Und als er dann ins Land Yän kam und wirklich die Hauptstadt und die Altäre seiner Heimat sah und wirklich die Behausung und Ruhestätte seiner Ahnen sah, da waren seine gerührten Gefühle sehr zusammengeschmolzen.

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

TIn der Geschichte, die uns da Liä Dsi erzählt, wird der Mitreisende einfach nur der Mitreisende genannt, aber irgendwie scheint mir da eine Art Till Eulenspiegel dahinterzustecken, der dem Reisenden, der wehmütig das Land seiner Kindheit wiedersehen wollte, gnadenlos einen Spiegel vorhielt. Vielleicht ist ihm dieser Bursche auf den Keks gegangen mit seinen sentimentalen Kindergeschichten. Die Fahrt ist lang und irgendwie muss man sich ja unterhalten, also erlaubt er sich den Spaß, unseren rührseligen Reisenden gehörig an der Nase herumzuführen.

Nun ja, eine Eulenspiegelei, bei der man sich schadenfroh mit dem Eulenspiegel oder mitleidend mit dem armen Reisenden identifizieren kann. Aber Liä Dsi wäre nicht Liä Dsi, wenn er nicht dem Hörer oder Leser seiner Geschichte ebenfalls einen Spiegel vorhalten wollte. Ich habe vor Jahren einmal das Haus besucht, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht hatte und empfand – nichts. Es war die Beisetzung meines Bruders, die mich wieder in die Gegend geführt hatte, und ich nützte die Gelegenheit, noch einmal dieses Haus zu besichtigen. Ein wenig neugierig war ich ja schon, ob da irgendetwas in mir ausgelöst werden würde, aber da war, wie gesagt, nichts.

„Ein Mann aus Yän war in Yän zur Welt gekommen, aber in Tschu aufgewachsen.“ Ich bin in Bonn zur Welt gekommen, aber in Augsburg aufgewachsen. Ich musste auch mal beruflich nach Bonn fahren, aber es drängte mich nicht einmal, das Haus, in dem wir damals wohnten, zu besuchen. Ich habe so gut wie keine Erinnerung daran. An Augsburg erinnere ich mich gut, aber irgendwelche emotionalen Bindungen scheinen da nicht mehr zu existieren. Es fühlt sich fast an, als hätte ich das alles nur geträumt oder so, als habe man mir das alles nur erzählt. Während also der Mann aus Yän allem Anschein nach seine Erinnerungen wie einen Schatz mit sich herumtrug und dabei seine Vergangenheit ausgiebig verklärt hatte, hatte ich schon fast das Gefühl, ich sei gefühlskalt, weil da so gar nichts an Gefühlen auftauchen wollte.

Mir fällt ein, dass bei vielen Menschen so etwas wie eine emotionale Kolonialisierung vergangener und sogar zukünftig zu erwartender Geschehnisse stattfindet. Jemand lernt einen anderen Menschen kennen, der ihm sympathisch ist, und sofort bastelt er sich in freudiger Erregung eine rosige Zukunft mit ihm aus. Es fühlt sich an, als ob die Zukunft bereits stattgefunden hätte.KViele Coachs empfehlen dies sogar als Manifestationstechnik „Denke dich reich!“ oder gesund oder was auch immer. Glaube, du wärst es schon und du wirst es werden. Glaube, du hättest die Braut und du hast sie schon. Bei notorisch Ungläubigen scheint das nicht zu funktionieren. Der „Mitreisende“ in der Geschichte von Liä Dsi bringt den Mann aus Yän dahin, zu erkennen, dass das alles nur Geschichten in seinem Kopf sind, Einbildungen, die er für die Realität hält. Indem er ihn gnadenlos täuscht, frustriert er alle seine Vorstellungen mit der Folge, dass der Mann aus Yän seine Geburtsstadt ziemlich emotionslos, ziemlich nüchtern sieht. Er wurde ziemlich unsanft aus seinen hehren Träumen aufgeweckt. Ob er es dem „Mitreisenden“ gedankt hat? Ich hab da meine Zweifel. Ich vermute eher, dass der Mann aus Yän viel lieber weiterhin in seinen anrührenden Erinnerungen geschwelgt hätte. Aufwachen bedeutet, nüchtern zu werden. Und dann folgt möglicherweise erst mal ein großer Kater. Aber dann: Welche Erleichterung!

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2 Antworten zu Liä Dsi: Ha, ha, ha. Ich habe eben nur Spaß gemacht.

  1. Angela schreibt:

    @ Nitya
    Zitat: „…Ich habe vor Jahren einmal das Haus besucht, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht hatte und empfand – nichts.“….

    Das kann ich gut verstehen. Wir sind im Laufe unseres Lebens ( Jetzt im Ruhestand ) schon oft umgezogen, nicht, weil wir uns nicht wohlfühlten im alten Zuhause, sondern , weil wir einfach das Gefühl hatten, es wäre gut, weiterzuziehen. Es wurde jedesmal NOCH schöner und das Alte verblasste mehr und mehr. Keine sentimentalen Erinnerungen, kein Bedauern, kein Anhaften…
    „Baustellen“ oder „Stolpersteine“ gibt es bei mir noch genug, aber mit meiner Freude und dem Akzeptieren von Veränderungen kann ich ganz zufrieden sein.

    LG von Angela

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  2. Dieter schreibt:

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