Kurt Tucholsky: Deutschland erwache?

TDer Astrologe Wolfgang Döbereiner behauptet, dass es für Menschen, die sich den Geburtstag teilen, eine große Übereinstimmung gäbe. Vielleicht stimmt das sogar, jedenfalls im Falle von Kurt Tucholsky, der mir immer ganz nah war. Ich habe immer wieder mit großer Freude, die Geschichten und Gedichte und Vertonungen, die ich von ihm kannte, gelesen, gesungen und mit meinen kümmerlichen drei Griffen auf der Gitarre begleitet. Gestern fiel mir zufällig wieder sein Video ins Gesicht und in die Ohren. „Deutschland erwache“. Er war ja nicht der Einzige, der sich wünschte, dass Deutschland endlich erwachen solle. Der Deutsche Michel neigt ja nun mal zu einer ausgeprägten Schläfrigkeit. Besonders, wenn er andere aufwecken will. Man muss ihn wohl immer wieder neu aufwecken:


Tucholsky wollte das auch, die Deutschen aufwecken, wenn dies auch viel leiser geschah und mit einer stillen Verzweiflung. Ahnend oder wissend, dass er dabei auf verlorenem Posten stand.


Viele hatten ja die Hoffnung, dass die Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg nun wirklich endlich aufwachen würden. Vielleicht brauchten die Deutschen erst einmal so eine absolute Katastrophe, um zu kapieren, wie tief sie doch ihr Leben lang geschlafen hatten. Pustekuchen. Ich bin mir sicher, Kurt Tucholsky hätte auch heute eine ganze Menge zur heutigen Zeit zu sagen gehabt – falls er in seiner ach so nachvollziehbaren Verzweiflung überhaupt noch was gesagt hätte. Denn was soll man noch sagen, wenn nicht einmal ein Weltkrieg genügt hat, die Leute aufzuwecken? Inzwischen sind ja auch die mosaischen Religioten wieder unterwegs, um ihren Weckdienst zu versehen. Wieso will eigentlich ständig jeder alle anderen aufwecken – nur nicht sich selbst?

MIch ertappe mich ja auch immer wieder mal bei diesem Aufweckwahn. Ich hatte ihn wohl schon als kleines Kind. Ich war der Jüngste von fünf Kindern. Der Schwächste, der mit der geringsten Erfahrung, von lauter Großen umgeben, die alle über alles Bescheid zu wissen schienen. „Das verstehst du noch nicht!“, war wie ein Dauerregen, der auf mich herniederprasselte. Aber da ich glaubte, nicht unbedingt der Blödeste zu sein, dachte ich, dass es für mich nur eine Möglichkeit gab, mich irgendwie durchzusetzen: ich musste die anderen hinterfragen. Ein hartes Brot, ein aussichtsloses Unterfangen, wie mir sehr bald klar wurde, aber es war die einzige mit zur Verfügung stehende Möglichkeit.SVorgestern meldete sich eine Stimme aus der Vergangenheit mit dieser Beschreibung bei mir: „Ich erinnere mich gut an die vielen ‚gstandenen‘ Männer damals, denen Du nur mit Worten gezeigt hast, wo der Bartl den Most holt (Politiker, Lehrer, Autoren, Künstler, Deine Diskussionsopfer halt)!“ – „Oh mein Gott“, dachte ich. „Wer will denn Opfer um sich versammeln?“ Und ich dachte an diesen wundervollen Psychologen Müller, der mit dem Apfelbaum – ich erzählte schon mal von ihm, von ihm und seinem kleinen Gesprächskreis, bei dem es ganz bestimmt keine Opfer gab, sondern nur Menschen, die sich um Verständnis für Gott und die Welt bemühten. Keiner wollte gewinnen, keiner einen anderen klein oder zum Opfer machen, keiner diese ganzen langweiligen Herrschaftsspielchen spielen. Einfach Freunde, die sich Fragen stellten, von denen sie wussten, dass sie letztlich allesamt nicht zu beantworten waren. Wie erholsam war das alles! Männer, Frauen und einfach ein friedliches, nichts desto weniger ungemein interessantes Zusammensein. Ach ja, ach das könnte schön sein! Was für ein Licht in der Dunkelheit! Nein, da wollte niemand andere erwecken, aufwecken, missionieren oder erleuchten. Kurt Tucholsky hätte wunderbar dazu gepasst und sich wohl gefühlt. Da bin ich mir ganz sicher.

Vorgestern gab es bei „Aspekte!“ den Förster Peter Wohlleben, der uns was darüber zu erzählen hatte, was die Bäume uns erzählen könnten, wenn wir ihnen nur zuhören wollten. (Den Hartz IV-Vergleich dürft ihr ihm nicht übelnehmen. Davon hat er offenkundig nicht die leiseste Ahnung.) So wie er die Bäume beschreibt, hatte ich mir das als Kind immer unter den Menschen gewünscht. Na ja, wünsche ich mir eigentlich immer noch. Und mein Geburtstagskollege Kurt Tucholsky hat sich das sicher auch immer gewünscht.

 

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15 Antworten zu Kurt Tucholsky: Deutschland erwache?

  1. Elwood schreibt:

    Diese Filmchen heute und vor allem dieser Förster zeigen mir mal wieder, dass ich aber sowas von nix ne Ahnung habe?!!

    Mal angenommen: Ich nehme meinen Götzen(Ich-Identifizierung) mal nicht mehr so ernst und ich schaue mal mit mehr Fragezeichen und mit weniger Antworten(Meinungen) im Kopp, also zweifelnder, ungläubiger und staunender in diese meine Welt? Könnte es nicht passieren, dass auch die anderen Götzen(Religionen; Symbole; Meister; Vorbilder Konditionierungen; Wörter; Führer; Ehegatten usw.), die da noch so dominant im Kopp rumspuken, an Glaubwürdigkeit verlieren, sich vielleicht sogar komplett in Luft auflösen und sich der(mein) Verstand als nützliches Hilfsmittel erweist um nicht mehr auf sie reinzufallen?
    Ich frag mal so:
    Wer bestimmt denn, was Wachheit ist?
    Keine Ahnung….

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  2. Angela schreibt:

    @ Elwood

    Zitat: „… an Glaubwürdigkeit verlieren, sich vielleicht sogar komplett in Luft auflösen und sich der(mein) Verstand als nützliches Hilfsmittel erweist um nicht mehr auf sie reinzufallen? ..“

    Wenn sie sich auflösen, wozu brauchst Du dann noch den Verstand?
    Wachheit liegt m.E. jenseits des Verstandes, jenseits aller Träume und Konditionierungen. Wachheit ist Präsenz.

    LG von Angela

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    • Elwood schreibt:

      Tschuldigung, hab schlecht vormuliert, meine Ehegattin löst sich nicht so schnell auf und für den nächsten Ehekrach möchte ich mein Verstand doch lieber behalten…..

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Angela,

      um diese Zeilen, die du da geschrieben hast, zu formulieren, benötigst du Sprache und ein Verständnis für Zusammenhänge. Oder anders gesagt, du benötigst einen Verstand. Du kennst vielleicht diesen doofen Spruch: „Warum leckt der Hund seine Eier?“ Antwort: „Weil er sie hat.“ Warum kann ein Grashüpfer so weite Sprünge machen? Weil er lange, kräftige Sprungbeine hat. Warum kann sich eine Spinne ein Netz bauen? Weil Spinnen Spinndrüsen haben und ein Programm, wie diese zu benützen sind, um damit Beute machen zu können. Warum hat ein Mensch seinen Neokortex? Z.B. um damit Fahrpläne der Bundesbahn lesen zu können.

      Was hast du bloß gegen den Verstand? Wachheit bzw. Präsenz bedient sich auch des Verstandes, wenn dies angeraten erscheint. Der Verstand ist nur dann ein Hindernis, wenn er der Herr ist und nicht der Diener. Wachheit bedient sich jedes Werkzeuges, das in irgendeiner Situation Sinn macht. Ohne Verstand wäre das „Mängelwesen“ Mensch schon längst ausgestorben.

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  3. Angela schreibt:

    @ Nitya

    Ich habe gar nichts gegen den Verstand ! Er ist ein sehr nützliches Werkzeug und sehr effizient bei vielen Aufgaben.
    Aber er ist fast immer der „Herr“ und nicht der „Diener“ . Oder kannst Du ihn benutzen und dann wieder abschalten, wenn etwas anderes gefragt ist, Intuition, tiefe Gefühle (NICHT Emotionen) wie Liebe, Freude, Frieden z.B. ? Kannst Du längere Zeit ( außerhalb der Meditation) aufhören zu denken ? Nein ?
    Also beherrscht er Dich!
    Unter Präsenz, Gegenwärtigkeit, Wachheit verstehe ich ein Lauschen auf eine größere Intelligenz als die des eigenen Verstandes.

    LG von Angela

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Angela,

      du musst nicht aufhören zu denken, du musst nicht den Verstand abschalten, du musst überhaupt nichts. Dieses ganze Tun, das du da zur Vorbedingung machst, stabilisiert nur deine Vorstellung, eine getrennte Entität zu sein, und damit bist du wahrhaft die Dienerin des Verstandes. Misch dich doch da einfach nicht ein, lass deine Lunge machen, was sie macht, dein Herz, was seine Aufgabe ist usw. und lass doch den Verstand machen, wozu er da ist. Es geht doch um Gottes willen nicht darum, dein System abzuschalten. Sei einfach Zeuge dessen, was geschieht. Das ist wahre Präsenz und nicht, zu mediteren um nicht zu denken. Das ist echt Kinderkram.

      „Kannst Du längere Zeit ( außerhalb der Meditation) aufhören zu denken ? Nein ?Also beherrscht er Dich!“
      Diese Beweisführung ist Verstand in Reinkultur und du merkst es nicht einmal.

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      • Angela schreibt:

        Lieber Nitya
        Zitat : “ …Sei einfach Zeuge dessen, was geschieht.
        Ja, ich gebe zu, eine sehr verstandesmäßige Aussage von mir. ( „also beherrscht er dich “ ) Aber ich meditiere NICHT, um NICHT zu denken. Das war nur ein Beispiel. Aber Tatsache ist, dass ich meine Gedanken schwer
        abschalten kann und unter dem ständigen „Gedankenkarussell“, besonders bei „schwierigen Situationen“ oftmals leide. Ja, Zeuge sein -sehr gut, – ich beobachte schon, ( Osho lässt grüßen, haha ) aber bisher ohne allzu viel Erfolg. Sicher eine Übungssache.

        LG von Angela

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      • Nitya schreibt:

        Liebe Angela,

        „Zeuge sein“ oder schlicht „bemerken“, wie es Fredo ausgedrückt hat, hat nichts mit Übung zu tun und nichts mit Erreichen. Nimm an, du bekommst einen Schluckauf. Musst du irgendetwas tun, um ihn zu bemerken? Du bist Zeuge deines Schluckaufs. Das ist absolut nichts Besonderes, Vielleicht findet ganz von selbst und fast unmerklich eine Akzentverschiebung statt: Das Bemühen verschwindet zugunsten des Bemerkens. Je weniger du dich bemühst und übst, desto mehr bemerkst du dein Bemerken.

        Wie sagte Osho: Easy is right.

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  4. Angela schreibt:

    @ nitya
    Im Moment ist mein Verstand ziemlich von der enormen Schwüle zermatscht… Sorry ….
    Melde mich morgen wieder…

    Gute Nacht u. LG von Angela

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  5. fredo0 schreibt:

    ich fand die vokabel „bemerken“ oft sehr hilfreich …

    weder muss da ein verstand verdammt noch hofiert werden … oder irgendetwas anderes …
    beide wertungen ändern nicht das geringste … sondern düngen noch den vorstellungsacker …
    solange man zum beispiel meditiert , um etwas willen oder auch , um etwas belastendem zu entfliehen , wie intensiver verstandesaktivität zum beispiel , ist man auf dem „holzweg“ , wenn man darin eine wirkung zum „besseren“ vermutet .
    es sind immer dekorationen die da stattfinden … dekorationen ohne beständige eigenheit und ohne eine echte wirksamkeit … das „wirklich wirkende“ benutzt sie lediglich zur dekoration von „bewirktem“ .

    beim alltäglichen , aber auch beim anscheinend besonderen ereigniss wird ja ganz automatisch , durch den einfachen biologischen erinnerungsakt , das „besondere“ dessen mitabgespeichert … dies ist einfach nur ein trick des biosystems homosapiens , um erinnerung zu intensivieren … diesem biosystem ist die fataler nebenwirkung dieser funktion schlicht völlig egal , ihm geht es nur um die vorteile des überlebens … dass da der körper-verstand-organismus mit fixierender „besonderung“ nahezu zugeschüttet wird , ist einfach besagte fatale nebenwirkung …
    dem kann man als homosapiens auch nicht entgehen oder entfliehen , da jede aktion ja wiederum neue „besonderung“ schafft .
    man kann es höchstens mit raffinierten glaubenssätzen kaschieren , in dem man sich mit zu erlangendem gewahrsein und ähnlichen modischen spiri-„besonderungen“ einfach gründlichst sediert …
    ein echtes dilemma und ursache dessen , was herr buddha „leid“ nannte …

    mir wurde , in diesem dilemma einst zutiefst versunken , die vokabel „bemerken“ sehr hilfreich … hat sie doch das „eingreifen müssen“ alsbald auf ein rein beobachtendes reduziert . (womöglich auch tatkräftig durch eine große faulheit meines wesens unterstützt😉 )
    diese vokabel „bemerken“ , anfangs lediglich im inneren dialog eingesetzt , sich dann aber zu einer recht ausdauernden inneren „haltung“ entwickelnd , motiviert bereits , einfach so , aus schlichter wertfreier neugier gespeist , zu einer – nur – betrachtung .
    ( so weit dies halt möglich ist , doch notfalls kann ja auch neugier mit wertung , dann einfach „bemerkt“ werden😀 ) ..
    nix muss da besser sein oder anders , genau so wie es dem gerade leben beliebt , ist es ohnehin stets „passend“ . stets passend für dieses aus neugier ( curiosity ) gespeiste „bemerken“ . und auch und gerade „passend“ , wenn es dem organismus gerade so richtig „unpassend“ vorkommt …😉

    es wird dann halt wie ein wellenreiten auf den wellen der lebensereignisse auf dem ozean „Sein“ .
    egal wie da eine welle aufläuft , ob mit verstand-deko-form oder ohne , ob mit viel oder wenig drama , mit „bemerken“ kann sie gar vortrefflich „bemerkt“ werden …😀
    ( muss es aber auch nicht , man kann es sich auch ruhig ab und zu hart geben , in dem man dann zusätzlich noch ursachen und voraussetzungen im wellenspiel sucht … manche mögen es halt manchmal „hart“😀 )

    gerade dieser fast manische wunsch des „ändern müssens“ oder „erkennen müssens“ ist ja der heimtückische kleber , der das , was da „ich“ denkt und „ICH“ meint , an der oberfläche der eigenwahrnehmung haften lässt …

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