William Godwin: Die Dinge wie sie sind


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All das wird deutlicher werden, wenn wir über die Autorität, das passende Korrelat des Gehorsams, nachdenken … Die erste Art der Autorität ist die Vernunft … Die zweite ist jene, deren Gültigkeit von dem Vertrauen dessen abhängt, der sie anerkennt, und sie besteht, wo ich, da ich nicht selbst die Information habe erwerben können, die mich befähigt hätte, mir ein verständiges Urteil zu bilden, der mir bekannten Entscheidung eines anderen mehr oder weniger Ehrerbietung zolle … Autorität im letzten der drei erwähnten Sinne besteht, wo ein Mann, indem er seine Vorschrift erlässt, nicht auf das hinweist, was ungestraft missachtet werden kann; seine Vorschrift aber ist von einer Sanktion begleitet und ihre Verletzung zieht Strafe nach sich. Diese Art der Autorität wird zu Recht mit der Vorstellung von Herrschaft verbunden. Man tut der politischen Gerechtigkeit ganz einfach Gewalt an, verwechselt man eine sich auf Macht gründende Autorität mit jener anderen Autorität, die ihren Ursprung in Ehrerbietung und Achtung hat … Die Konsequenz ihrer Verwechslung ist eine größere Erniedrigung des Menschen gewesen, als jene, die aus unmittelbarer und uneingeschränkter Sklaverei hätte folgen können … Wo ich freiwillig auf meine Verstandestätigkeit verzichte und mein Gewissen in die Obhut eines anderen stelle, liegt das Ergebnis auf der Hand. Ich werde dann zum bösesten und verderbtesten aller Tiere. Ich zerstöre meine Individualität als Mensch … Ich kann kein Bewusstsein meiner Integrität mehr besitzen, denn ich verstehe meine eigenen Prinzipien nicht und habe sie nie dem Test einer Überprüfung unterworfen. Ich bin das willige Werkzeug von Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Verschwendung; und wenn ich einmal nicht im Sinne dieser Laster beschäftigt werde, so geschieht es per Zufall und nicht dank meiner eigenen Vorsichtsmaßnahme und Ehrenhaftigkeit.

aus: William Godwin, „Über die politische Gerechtigkeit“

CDas Wochenende steht vor der Tür und ihr habt hoffentlich Zeit wie Heu, um euch den Vierteiler anzuschauen, der auf dem Buch des anarchistischen Schriftstellers und Sozialkritikers William Godwin (1756 -1836) basiert: „Caleb Williams oder Die Dinge wie sie sind

William Godwin verpackt seine Sichtweise über die politische Gerechtigkeit in eine spannende Kriminalgeschichte. Dass diese Geschichte 1794 veröffentlicht wurde, bedeutet nicht, dass sich die Dinge heutzutage im Grundsatz verändert hätten. Mit der Sicht der damaligen Zeit werden viele Aspekte der Gegenwart grell ausgeleuchtet. Trotzdem ein packender Kriminalfilm. Ganz nebenbei klingen immer wieder anarchistische Einsichten an und die Schwierigkeit, sie in der bestehenden Gesellschaft umzusetzen.




 
William Godwin sagt und beschwört damit vermutlich den Widerstand der Spiris (und natürlich nicht nur deren Widerstand): „Wo ich freiwillig auf meine Verstandestätigkeit verzichte und mein Gewissen in die Obhut eines anderen stelle, liegt das Ergebnis auf der Hand. Ich werde dann zum bösesten und verderbtesten aller Tiere.“ – „Die Spiris“, die es natürlich gar nicht gibt, die sich aber ähnlich wie die larmoyanten Seelchen trotzdem auf dem Kriegspfad mit dem Verstand befinden und damit am liebsten mit einem Federstrich die ganze Zeit der Aufklärung tilgen würden, haben sich eine wunderschöne, heile, glatte, logische Welt aufgebaut, in der sie nun mit geschwellter Brust und erhobenem Zeigefinger ihre Mitmenschen beglücken möchten. Ja, es gibt niemanden, der auf seine Verstandestätigigkeit verzichten oder nicht verzichten könnte. Und nun – tu also so, als ob es die dich gäbe und verzichte oder lass es bleiben. Ja, ich weiß, der Verstand ist eine Ausgeburt der Hölle. Benütze ihn trotzdem! Tust du ja sowieso, sonst könntest du nicht einmal erklären, warum der Verstand eine Ausgeburt der Hölle sein soll. Zeit, mal wieder an den Philosophen Hans Vaihinger zu erinnern: „Handle, als ob du der Handelnde wärest, mit dem Wissen, dass du nicht der Handelnde bist.“ Wer dieses scheinbare Paradoxon nicht ertragen kann, dem ist nicht mehr zu helfen. Nur gut, dass es ihn eh nicht gibt, sondern nur das AllEine. Tandaradei – gleich leg ich ein Ei.

bye
 

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5 Antworten zu William Godwin: Die Dinge wie sie sind

  1. Paulette schreibt:

    Hallo lieber Nitya,

    danke für den eingestellten Film. Am WE habe ich keine Zeit für solche Sachen, weil mein Enkel bei mir ist und ein Hausfest haben wir auch noch.
    Am Montag dann habe ich Zeit und werde mir das gern ansehen.

    Vorab möchte ich, wie der ein oder andere sich bestimmt schon gedacht hat, auf deinen Beitrag reagieren😀

    Ich erinnere mich, dass du erzähltest, wie dir die Decke leuchtete.
    Der Verstand hätte dir das nicht erlaubt. Er weiß eine Decke ist eine Decke, sie ist zum Zudecken oder Abdecken etc. da und sie kann keinesfalls leuchten. Wenn sie leuchtet stimmt etwas nicht mir „mir“ (dem Verstand). Das sagt uns dann die Vernunft. Vielleicht überlegt sie noch, ob man das vierte Bier und den dritten Schnaps hätte weglassen sollen😉

    „Die Dinge sind wie sie sind“ – ich meine, die Dinge sind, wie wir sie wahrnehmen.
    Der von dir verehrte Kant hatte diese drei Unterscheidungen getroffen:
    Verstand, Vernunft und Wahrnehmung.

    Das Plädoyer meines spirituellen Meisters, sich mal vom Verstand zu distanzieren beruht auf der Erfahrung, dass der Verstand es nicht zulässt etwas anderes zu sehen als er meint, dass es ist.
    Auch die Vernunft ist da im Wege.

    Nur die Wahrnehmung kann uns da weiterhelfen.

    Sie geschieht „auf fortgeschrittenen Spiriwegen“ ( schmunzel) ganz rein und ohne Verstand und Vernunft.

    Und dann können eben Wolldecken leuchten oder Liebe kann fließen, dort wo sie vorher von den Bildern und Urteilen des Verstandes und der Vernunft überdeckt waren.

    einen sehr herzlichen Gruß ins Wochenende

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Paulette,

      es scheint mir, dass du und dein spiritueller Meister eine gewisse Neigung zum Entweder-Oder haben. Was juckt mich ein Hammer? Ich benütze ihn und lege ihn nach Gebrauch wieder in die Werkzeugkiste. Der Verstand ist nichts anderes als so ein Werkzeug. Leute, die einen heiligen Krieg gegen den Verstand führen, vergessen gern, dass sie, wenn sie gegen den Verstand wettern, sich dafür eben dieses gerade noch geschmähten Verstandes bedienen mussten. Sie haben nachgedacht, sie haben gewertet, sie haben ihre Wertung in Worte gefasst. Mit der Vernunft ist es dasselbe. Was juckt mich meine Vernunft? Ich sollte mich mehr bewegen und tu es nicht. Das ist sehr unvernünftig. Nicht mal den sog. 1-Minuten-Check krieg ich hin. Was ich sagen will: Ich bin weder der Sklave meines Verstandes noch meiner Vernunft. Aber ich will auf keinen Fall auf sie verzichten

      Und die von dir so hochgehalten Wahrnehmung: Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du wahrnimmst, was ist oder etwa doch? Und die „leuchtende Decke“, also die kannst du getrost in der Pfeife rauchen. Schmeckt wahrscheinlich nicht besonders. Jesus lief übers Wasser und Decken leuchten, Wunder über Wunder. Alles für den Müll. Sieh den, der sieht. Punkt. Und enthalte dich deiner Meinungen, besser deines Glaubens darüber, wie die Dinge sind (wenn du kannst). Und inzwischen benütze die Werkzeuge, die dir zur Verfügunge stehen mit der Intelligenz, die dir zur Verfügung steht. Und nach Gebrauch, leg sie aus der Hand.

      Ein fröhliches Wochenende!

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      • Angela schreibt:

        @ Nitya

        Zitat: „ Ich sollte mich mehr bewegen und tu es nicht. Das ist sehr unvernünftig. Nicht mal den sog. 1-Minuten-Check krieg ich hin….

        Indem Du “ ICH SOLLTE“ sagst, zeigst Du m.E. die Herrschaft des Verstandes über Dich an… ( Auch wenn Du dem nicht folgst)

        LG von A n g e l a

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      • Nitya schreibt:

        Ist es dir heut wieder zu heiß?

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  2. Andreas schreibt:

    Danke für die wunderbare Filmempfehlung.

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