Huang-po: Lass einfach deinen Geist leer werden


H
Oft hindern die Erscheinungen der Umwelt die Menschen, den Geist wahrzunehmen, hindern persönliche Ereignisse, die zugrundeliegenden Prinzipien zu erkennen. Darum versuchen sie, den Erscheinungen, die sie umgeben, zu entrinnen, um ihren Geist zu befrieden, oder Ereignisse zu verdunkeln, um die Prinzipien zu erfassen. Sie begreifen nicht, dass dies eine Verdunkelung der Erscheinungen durch den Geist, der Ereignisse durch die Prinzipien ist. Lass einfach deinen Geist leer werden, dann entleeren sich die Erscheinungen der Umwelt von selbst. Lass die Prinzipien ruhen, und die Ereignisse werden sich von alleine beruhigen. Verwende nicht den Geist in diesem verkehrten Sinn.

Viele haben Angst, ihren Geist leer zu machen. Sie fürchten, in die Leere zu fallen, und wissen nicht, dass ihr eigener Geist die Leere ist. Der Unwissende enthält sich der Erscheinungen, aber nicht der Gedanken; der Weise enthält sich der Gedanken, nicht aber der Erscheinungen.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

Ich erinnere die Geschichte, in der Buddha den Ananda bat, ihm Wasser aus dem nahegelegenen Fluss zu bringen. Ananda machte sich auf den Weg, kam aber bald unverrichteter Dinge und ziemlich aufgeregt wieder zurück und vermeldete, dass gerade eine Viehherde durch den Fluss getrieben worden war und dass das Wasser jetzt durch den aufgewühlten Schlamm derart verunreinigt war, dass man es nicht trinken konnte. Buddha riet Ananda einfach eine Weile zu warten und es dann erneut zu versuchen. Als Ananda nach einer Weile wieder sein Glück versuchte, war das Wasser immer noch trübe. Er versuchte es noch ein- zweimal, bis das Wasser klar genug war und er Buddha sein erbetenes Wasser bringen konnte. Der Schlamm war durch die Viehherde aufgewühlt, Ananda durch die „Herde“ seiner Gedanken und Vorstellungen. Buddhas ganzer Rat bestand darin, dass er sagte: „Warte doch einfach ein Weilchen, dann wird alles wieder klar.“

Huang-po gibt denselben Rat: „Lass einfach deinen Geist leer werden, dann entleeren sich die Erscheinungen der Umwelt von selbst.“ Was könnte er hier mit „leer werden“ gemeint haben? Ich denke nicht, dass er damit irgendeine Bemühung gemeint hat, sondern dasselbe wie Buddha: Warte einfach ein bisschen und alles Aufgewühlte wird sich ganz von selbst wieder beruhigen. Warte ohne zu „warten“.

TEin Stein wird in einen Teich geworfen. Die spiegelglatte Oberfläche des Teichs bewegt sich ringförmig um die Einwurfstelle herum nach außen, nach innen, nach außen, … wobei die Wellen immer schwächer werden, bis sich alles wieder beruhigt hat und die Oberfläche des Teichs wieder spiegelglatt geworden ist. Jede Aktivität, jede Absicht würde die Beruhigung dieses Prozesses beeinträchtigen.

Huang-po schließt dieses Kapitel mit dem Satz: „Der Unwissende enthält sich der Erscheinungen, aber nicht der Gedanken; der Weise enthält sich der Gedanken, nicht aber der Erscheinungen.“ Nun, auch Gedanken sind Erscheinungen. Da würde sich die Katze in den Schwanz beißen. Ich ersetze für mich mal den Begriff „Gedanken“ durch „die Absicht, eine Lösung zu finden“, damit das für mich einen Sinn ergibt. Vielleicht erscheint das euch auch sinnvoll, wenn nicht, lasst mich an euren Überlegungen teilhaben.H

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5 Antworten zu Huang-po: Lass einfach deinen Geist leer werden

  1. D’accord, lieber Nitya.
    Für mich ohnehin wieder mal ein Defintionsspiel, wie alles im Spiri-Bereich und anderswo. Ich finde, alleine die Wörter „Unwissender“ und „Weiser“ deuten schon darauf hin: Es geht ums Wissen, und das kann es nur geben, wenn Definitionen im Spiel sind.

    Und jetzt weise ich wieder pflichtbewußt auf die rasende Neuigkeit hin, daß Gedanken nicht die Wirklichkeit sind, und daß wir uns vor allem im spirituellen Bereich geradezu in ein Netz von Defintionen verwickeln, ulkigerweise auch im Nonduality-Bereich, wo es geradezu schwirrt vor Bewußtseinen, Awarenessen, Nichtzweiheiten, Präsenzen, Formlosigkeiten, Subjekten, Objekten und objektivierten Subjekten🙂

    Schließen möchte ich mit meinem ganz persönlichen Weisheitslehrer Winnie Puuh:

    „Wie machst du das bloß, Puuh?“
    „Was?“, fragte Puuh.
    „So mühelos zu werden.“
    „Ich mache eigentlich überhaupt nichts“, sagte er.
    „Aber alle deine Angelegenheiten werden fertig.“
    „Das passiert einfach so“, sagte er.

    Liebe Grüße aus Bayern
    Norbert

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Nobert,

      wenn du mir mit Winnie Puuh kommst, kann ich nur sagen: puuhhhh, es ist alles gesagt. In diesem Sinn halte ich auch alles Diskutieren für überflüssig wie einen bayerischen Kropf. Ich kann eh nur sagen: Ich sehe das so, wie ich’s halt sehe. Und alle Diskutiererei und all die vielen Worte lassen mich immer noch sehen, wie ich sehe. Was ja nicht heißt, dass sich mein Sehen nicht ändern kann. Aber wenn, dann ganz von selbst und nicht weil mir jemand glaubt verklickern zu müssen, dass ich irgendwas auf seine erleuchtete Art zu sehen habe.

      “Das passiert einfach so”, sagte Winnie Puuh..
      Genau.

      Einen lieben Gruß nach Landshut
      Nitya

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  2. fredo0 schreibt:

    wie könnte das denn vorsichgehen ?
    dieses „lasse deinen geist leerwerden“ ?
    wie kann da jemand etwas leerwerden lassen ?
    ( dessen konsistenz ja nix anderes wie leere ist )
    ist da das leerwerden im fokus oder das lassen ?

    ich neige ja zu folgender vokabelwahl
    um es eher hinweisend als anweisend zu formulieren :

    „es kann bemerkt werden , daß der geist dazu neigt , sich von ganz allein zu leeren ,
    wenn ihm kein unnötiger widerstand entgegen gesetzt wird , indem versucht wird ,
    dieses durch ein „leer werden lassen“ zu forzieren „.
    🙂

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  3. Eno Silla schreibt:

    …einfach, lauschend, fühlend – SEIN:


    Ohne die Liebe
    ist jedes Opfer Last,
    jede Musik nur Geräusch,
    und jeder Tanz macht Mühe.

    Rumi, Das Lied der Liebe

    (inspiriert von Elif Shafak „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“)

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  4. Baboji schreibt:

    Sehr schöner Post!

    Zu deiner Frage:
    “Der Unwissende enthält sich der Erscheinungen, aber nicht der Gedanken; der Weise enthält sich der Gedanken, nicht aber der Erscheinungen.”

    Dazu gibt es auch ein passendes Koan. Den Sinn/Unsinn kann sich ja jeder selbst erschließen🙂
    ———-

    Zwei Mönche waren unterwegs auf der Wanderschaft. Eines Tages gelangen sie ans Ufer eines Flusses, dessen Ufer durch eine Regenperiode aufgeweicht waren.
    Dort stand eine junge Frau in schönen, teuren Kleidern. Offenbar war sie im Begriff, den Fluss zu überqueren. Da das Wasser sehr tief war, hätte sie ihn nicht durchwaten können, ohne dabei ihre Kleider zu schädigen.
    Ohne zu zögern ging der ältere Mönch auf die Frau zu, hob sie auf seine Schultern und watete mit ihr durch das Wasser. Auf dem gegenüber liegenden Flussufer setzte er sie trockenen Fusses ab.Nachdem der jüngere Mönch ebenfalls den Fluss überquert hatte, setzten die beiden ihre Wanderung fort.

    Eine Stunde später fing Jüngere an, den seinen älteren Kameraden zu kritisieren: Bist du dir im Klaren, dass du nicht korrekt gehandelt hast, denn wie du weißt, ist es untersagt, näheren Kontakt mit Frauen zu haben oder mit ihnen zu sprechen. Und du hast sie sogar berührt. Wieso hast du gegen diese Regel verstoßen?

    Der Mönch, der die Frau über den Fluss getragen hatte, hörte sich die Vorwürfe des anderen mit Bedacht an. Dann antwortete er ruhig: Ich habe die Frau vor einer Stunde am Fluss abgesetzt. Wie erklärst du dir, dass du sie noch immer mit dir herumträgst?

    ————-

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