Alan Watts: die drei Zeichen des Seins

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Die Lehren Buddhas sind einmalig in ihrem entschlossenen Mangel an Theologie; sie konzentrieren sich ganz auf die Notwendigkeit, persönliche, unmittelbare Erfahrung zu erlangen, und verzichten auf ein doktrinäres Symbol dieser Erfahrung. In dieser Hinsicht sind sie die einzig wahre psychologische Religion. Es wäre falsch zu sagen, dass Buddha die Existenz irgendeiner Art von Gott oder Seele verneinte; er vermied nur die Berührung dieser Inhalte, weil ihm bloßes Reden und bloßer Glaube nicht förderlich für eine Erleuchtung schienen. „Eines lehre ich“, sagte er, „dukkha und die Befreiung von dukkha„. Das wird normalerweise übersetzt mit „Leid und Befreiung vom Leid“, aber für uns ist das Wort „Leid“ zu emotionalbeladen. Ich ziehe die Übersetzung „Missklang“ oder gar „Unglück“ vor. Nach seiner Lehre war die Ursache von Missklang oder Unglück tanha oder selbstsüchtiges Verlangen, was vielleicht am besten verstanden wird als Weigerung, die „drei Zeichen des Seins“ anzunehmen. Diese sind:

  1. Anicca – Wechsel oder Unbeständigkeit
  2. Anatta – Wörtlich „Nicht-Selbst“. Die Nicht-Wirklichkeit des Ego als beständige, selbst-beherrschte und selbst-gelenkte Einheit.
  3. Dukkha – In diesem Kontext Leiden in seinem weitesten Sinne.

Viele Leute glauben, dass Buddha die Existenz irgendeines ewigen Prinzips im Menschen schlechthin absolut verleugnete, als er anatta zu einem der drei Zeichen des Seins machte. Tatsächlich verleugnete er nichts mehr als die Selbst-Existenz des Ego und obwohl er ganz allgemein die Existenz eines „Höheren Selbst“ (das identisch mit Brahman gewesen wäre) zu diskutieren ablehnte, hatte er dieses zweifellos im Sinne, denn er bezieht sich an verschiedenen Stellen direkt darauf.

aus: Alan Watts: „Die sanfte Befreiung“

Wir entsetzen uns heute über die Gräueltaten des IS. Wenn wir in unsere eigene Geschichte schauen, in die Geschichte des sog. christlichen Abendlandes, können wir unschwer erkennen, dass unsere allerheiligste katholische Kirche nicht weniger in unseren Landen gewütet hat, wie es heute der IS tut. Die sog. Christen wüteten mit Folter, Feuer und Schwert, Plünderungen und der Zerstörung der alten einheimischen Kulturen. Dies geschah nicht nur bei den Germanen und Kelten und anderen europäischen Kulturen so, sondern rund um den Globus herum, wo immer ein christlicher Missionar fremden Boden betrat. Wir sind wahrlich die letzten, die sich über den IS moralisch erheben dürften.

HWas ist das für eine Motivation, die diese Irren antreibt? Man könnte es reduzieren auf eine der christlichen Todsünden, die Habgier. In Buddhas vier Wahrheiten findet sich als zweite Wahrheit, dass das Leiden durch Begehren bedingt ist. Das dürfte exakt der Habgier entsprechen, die ebenfalls das besitzen will, was ihr nicht gehört. Der Tanz um das Goldene Kalb, wie er im Alten Testament geschildert wird, ist bis heute Sinnbild für diese Haltung. Es ist alles seit Jahrtausenden bekannt und wurde immer wieder hinlänglich angeprangert. Genützt hat es natürlich nichts, moralische Vorhaltungen haben noch nie etwas gebracht. Aber das kennt ja jeder von sich selbst. Gibt es denn wirklich keine andere Möglichkeit, die Menschen von ihrem selbstzerstörerischen Wahnsinn befreien zu können? (Ich möchte nicht wissen, wie oft sich jemand diese Frage schon gestellt hat.)

Habgier ist wohl so etwas wie der Gegenpol zu verschwenderischer Fülle, Dankbarkeit, Freude am Schenken, Einladungen, Bewirtungen, … Aber mit Sprüchen wie „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!“ hindert man wohl niemanden daran, einen alten Hosenknopf in den Klingelbeutel zu schmeißen. Von Erich Fromm stammt der Satz: „Habgier und Frieden schließen einander aus.“ Es wäre also durchaus löblich, wenn jemand ein Patentrezept wüsste, wie man diese ganze Habgier zum Verschwinden bringen könnte.

Buddha stellte dem Aberglauben an die Existenz des Ich die Erkenntnis gegenüber, dass dieses Ich eine reine Fata Morgana ist. Wo kein Ich, da muss es auch nicht aufgeblasen werden mit Reichtum, Macht, Gewalt, Potenz, … Aber wer will denn schon hinschauen, ob da so etwas wie ein Ich tatsächlich existiert oder nicht? „Am Ende muss ich tatsächlich ohne Ich rumlaufen und komm in die Klapse. Und überhaupt werde ich mich nicht mehr im Leben durchsetzen können und hoffnungslos untergehen.“ Kein Ego – das macht tierische Angst. Also ich weiß kein Patentrezept. Ich betrachte die menschliche Entwicklung als einen Reifeprozess mit ungewissem Ausgang. Im Moment sieht es so aus, als würde die Menschheit im Reifestadium der Pubertät von der Bildfläche verschwinden. Wenn das so sein sollte, dann isses halt so. Was soll man sonst dazu sagen?

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10 Antworten zu Alan Watts: die drei Zeichen des Seins

  1. Wolf Schneider schreibt:

    Na, ein bisschen mehr kann man schon dazu sagen, meine ich. Mein Eindruck ist, dass es unter den fortgeschrittenen „Spiris“, denen das Illusionäre des Ich schon einigermaßen bekannt ist, zwei Hauptfallen gibt. Die eine ist, dass sie nun auf dem Ego herumtrampeln, als sei das ihr Feind und DAS Hindernis aller spirituellen und menschlichen Entwicklung. Ist es aber nicht. Es genügt, den fiktiven Charakter der Ich-Konstruktion zu durchschauen, dann kann man damit recht gut leben, „Dukkha“ ist dann enorm reduziert, bei maximaler Achtsamkeit sogar verschwunden, wage ich zu behaupten, und man kann dieses Ich ko-kreativ mitgestalten, es ist für den Alltag nämlich sehr nützlich.
    Und die andere Falle ist: Wir haben nun den Raum jenseits von Gut und Böse kennengelernt (Rumi: „dort treffen wir uns“), wir sind nun jenseits von Ethik. Solange wir aber eine gutes Essen einem schlechten Essen vorziehen, Freundschaft der Feinschaft, Freden dem Krieg und Lust dem Schmerz, sind wir nicht jenseits von Ethik und sollten auch nicht so tun als ob. Wir wollen ja das Gute! Du mit deinem Blog und deinen Vorlieben und Abneigungen bist ein gutes Beispiel dafür. Besser, wir weisen der Ethik (auch der Buddha hat uns eine ausgefuchste Ethik hinterlassen!) nun den richtigen Platz zu. Wir können nun auf intelligente Art eigennützig sein – unsere Interdependenz dabei berücksichtigend und die Fiktivität, die Gestaltbarkeit unserer Ichkonstruktionen.

    Übrigens finde ich deinen Blog, Nitya, grandios gut! Ein hell strahlendes Licht im Dschungel (oh, falsches Bild, ich liebe doch die Urwälder) des Unsinns, denn man sonst so im Internet und allüberall findet. Ich lese ihn oder streife ihn wenigstens so gut wie täglich, was bei meinem Lese- und Arbeitsvolumen enorm ist. Da gibt es nur diesen kleinen, mini-kleinen Punkt in der Art, wie du über „das Ego“ schreibst. Positiv gesehen, ist das immerhin endlich mal ein Zündpunkt für mich! Da bin ich nicht ganz einverstanden mit dir. Was das Ego anbelangt, meine Ich, das Transparenz genügt. Durchschauen genügt. Dann können wir mit dieser Fiktion gut leben. Sie bekämpfen wäre das Blödste, was wir da tun können.
    Und was Anatta anbelangt: klar, volle Zustimmung. Da hatte der Alte völlig recht, ein Volltreffer. Und auch was die Ethik anbelangt, nur brauchen wir da heute ein bisschen andere Regeln als die 227 Anweisungen, die er damals seinen Mönchen hinterlassen hat (die habe ich ja auch mal befolgt, 39 Jahre ist das nun her).

    Grüße
    Wolf / Sugata
    (bald selbst wieder bloggend auf connection.de)

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Sugata,

      das wäre ja schlimm, wenn man nichts mehr zu was auch immer sagen könnte – also für uns alte Sabbler jedenfalls. Und wenn wir uns mal wieder ausgesabbelt haben, dann ist die sabbellose Zeit um so schöner.

      Du schreibst: „Da gibt es nur diesen kleinen, mini-kleinen Punkt in der Art, wie du über “das Ego” schreibst. Positiv gesehen, ist das immerhin endlich mal ein Zündpunkt für mich! Da bin ich nicht ganz einverstanden mit dir.“ Das tut mir ja nu wirklich leid, dass ich dich dieses mini-kleinen Zündpunktes berauben muss. Du hast manche Beiträge von mir anscheinend glatt überlesen. Ich bin einer der eifrigsten Befürworter des Egos aller Zeiten. Ich liebe mein Ego herzinniglich, umarme und küsse es von früh bis spät.

      Lass es mich wissen, wenn du dich wieder unter die Blogger mischt. Mein Ego lechzt auch immer nach kleineren oder größeren Zündpunkten.😀

      Herzlichst
      Nitya

      Ach ja, von wegen hell strahlendes Licht: Ich verzapfe hier auch nur Unsinn.

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      • Wolf Schneider schreibt:

        Na, klasse, das mit dem Ego :-))),
        oder: oooch schade, wieder kein Zündfunken :-//
        Sugata

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      • Nitya schreibt:

        Dafür hab ich mich heute auf einen Zündfunken gestürzt, den ich bei dir entdeckt zu haben glaube. Man jönnt sich ja sonst nischt.😀

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      • Marianne schreibt:

        Kannst du mal einen Link zu dieser „Zündfunken-Diskussion“ hier setzen, vielleicht mag ich mich auch einmischen.

        Und nein, als „Ego-Bekömpfer“ erlebe ich Nitya auch nicht. Dafür schätzt er dessen Bequemlichkeiten viel zu sehr.😉

        Das Rumi-Zitat wird übrigens normalerweise so übersetzt: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, dort treffen wir uns“, lieber Wolf. Das hat vielleicht auch etwas mit „Ethik“ zu tun, aber vielleicht noch mehr mit der Relativität jeglicher festgefahrener Perspektiven.

        Ich freue mich auf lebhafte Diskussionen um scheinbare Zündfunken.

        Herzlich
        Marianne

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      • Wolf Schneider schreibt:

        Liebe Marianne,
        danke für deine Einmischung! Und GROSSEN Dank an dich, dass du mich überhaupt auf Nityas Blog hingewiesen hast, damals, vor einigen Monaten! Du warst das, mit deinem guten Gespür fürs Wesentliche, sonst wüsste ich vielleicht bis heute noch nicht von diesem Blog.
        Wenn mein Verlag demnächst endet (es sieht ja ganz danach aus), dann werde ich meinen Lesern sagen: Schaut hierher, in diesen Blog! Dort steht die Essenz. Ich werde wahrscheinlich dann auch selbst bloggen, aber so fleißig wie Nitya werde ich bestimmt nicht sein können, ich muss dann ja meinen Lebensunterhalt verdienen.
        Mit herzlichem Gruß
        Sugata / Wolf

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      • Marianne schreibt:

        Ach so, kapiert, der heutige Blogbeitrag greift das Ethik-Thema auf, auf das Sugata besonders gerne einsteigt …😉

        Und sonst: Ein „Verlag“ ist in der Welt der Leere und Formen auch eine „Welle im Ozean“ – wenn er sich 30 Jahre lang behaupten konnte, dann wohl schon eine ziemlich eindrucksvolle! Meinen höchsten Respekt hast du dafür allemal!!

        Das Leben fließt weiter, wie der Bergbach … Wer weiß, was da noch alles daher geschwommen kommt.

        ♥lich
        Marianne

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  2. fredo0 schreibt:

    das mit dem ego ist allein deshalb wohl kein problem , oder gar ein entweder oder , weil das was da „ich“ sagt im inneren dialog , eine völlig automatische (neben)wirkung der erfahrungserinnerung ist . ohnehin unabstellbar dieser automatismus … und eine (potentielle) abstellung würde damit ja auch die möglichkeit der erinnerung beenden … und wer möchte schon das wunderbare einer geburt oder die intensität von energie im erschrecken eines beinahe-unfalls mit dem lkw auf der autobahn vergessen . das ist ja gerade leben in der intensität von lebendigkeit …
    darum kann es also gar nicht gehen … in diesem spirizirkus …
    um was dann ?
    ich denke mal , nach mitlerweile auch fast 50 jahren manegemitgliedschaft , es geht genaugenommen um gar nix … und …. das ist gut so !
    wenn überhaupt …. geht es (für mich) um dieses „das ist gut so“ …
    dies ist erkennbare wohltat … eine versöhnung mit dem , was sich da beliebt als „mein leben“ zu zeigen…. „just a little bit more peace of mind“ sagte mal ein „mitbetroffener“ .
    und … hat es sich dafür gelohnt ? … tausende von büchern … millionen von forschenden gedanken … drogenextreme … meditationen durchs ganze spektrum … und alles was da so an weiteren skurilitäten im spiri-zirkus gibt … mehrfach den globus umrundet um irgendjemand oder irgendetwas zu finden , der irgendwie weiterhelfen könnte … jahrzente gefüllt mit viel privatem drama … jahrzente mit suche nach was auch immer … und dann plötzlich im moment des größten überdrusses … der größte witz … nix gefunden .. doch das diesmal ohne jeden zweifel .
    hat es sich gelohnt ? ich weiß es nicht … noch immer nicht … doch … hatte ich je eine wahl ?

    durch des lebens raffinessen habe ich nun mit meiner patchworkfamilie 8 kinder grossgezogen . kinder , die mitlerweile schon diverse kindeskinder haben .
    es hat mich anfangs schon erstaunt , dass keines dieser kinder (bisher) irgendwelche „spirituelle interessen“ zeigte . Schien es mir früher wie ein mangel in ihrem leben , scheint es mir jetzt eher ein anzeichen für ein „rundes“ erleben von leben .

    der verdacht hat sich für mich erhärtet , diese „suche“ und auch ihr mögliches „nix“-finden eher als einen reparaturversuch für einen „göttlichen unfall“ zu sehen , statt sie für eine art „qualifizierung“ zu halten.

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    • Nitya schreibt:

      „hat es sich gelohnt ? ich weiß es nicht … noch immer nicht … doch … hatte ich je eine wahl ?“

      Lieber Fredo,

      ja, finde ich, es hat sich total gelohnt: Nach all diesem Scheiß, den man vorgefunden und abgesondert hat, zu sehen, dass es um gar nix geht, dass ist in jedem Augenblick so eine Freude, dass ich immer wieder völlig überwältigt davon bin.

      Hab einen vergnügten Sonntag!

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      • fredo0 schreibt:

        den wünsche ich Dir auch😀

        ich werde mich noch mal extatisch meinem hängesessel im birnbaum widmen …
        denn irgendwie riecht es manchmal fast schon ein wenig in richtung herbst …
        deine baummitbewohner sind bestimmt auch schon fließig am sammeln …

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