Joshu: Der große Weg


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Folge einfach den weißen Baummarkierungen!

Joshu: Der große Weg liegt genau vor deinen Augen, aber er ist schwer zu erkennen.

Ein Mönch: Welche Form kann er annehmen, sodass wir ihn vor uns erkennen können?

Joshu: Den Fluss südlich oder nördlich am Hang, wie auch immer es dir gefällt.

Die Literatur des Zen ist voll von solchen Beispielen, aber der katholische Sinologe Wieger konnte in ihnen nicht mehr sehen als „eine Ansammlung von Folianten voller unzusammenhängender, verrückter Antworten … Es sind keine, wie man hätte annehmen können, Anspielungen auf esoterische Themen, die man kennen müsste zum besseren Verständnis. Es sind pure Ausrufe von Schwachsinnigen, die gerade aus ihrem Koma erwacht sind.“

aus: Alan Watts, „Die sanfte Befreiung“hmmTja, weder der Mönch noch der Herr Wieger konnten mit diesen „Schwachsinnigen“ irgendetwas anfangen. „Zum besseren Verständnis“ fehlten ihnen beiden wohl die weißen Baummarkierungen, damit sie hätten wissen können, wo das Ziel zu finden ist. So aber ist das alles nur nutzloses Gestammel, Verschwendung kostbarer Zeit.

Joshu sagt: „Der große Weg liegt genau vor deinen Augen, aber er ist schwer zu erkennen.“ Wieso ist er schwer zu erkennen, obwohl er doch angeblich genau vor deinen Augen liegt? Der Mönch fragt nach den Formen, die der große Weg annehmen kann: Wie will er erkennen, was genau vor seinen Augen liegt, wenn er nach den angeblichen Formen des großen Weges Ausschau hält? Joshu gibt endlich eine präzise Wegbeschreibung: „Den Fluss südlich oder nördlich am Hang, wie auch immer es dir gefällt.“ Es ist pottpiependeckelegal, wie der große Weg angeblich aussehen soll, er zeigt sich dir ununterbrochen in dem, was genau vor deinen Augen liegt, was du aber ablehnst, als den großen Weg zu erkennen, weil dein Kopf voller idiotischer Flausen ist.

Die Zen-Leute haben den Spruch: „Vor der Erleuchtung Wasser holen und Holz hacken, nach der Erleuchtung Wasser holen und Holz hacken.“ Nun, ich muss Gott sei Dank kein Holz hacken, um mir mit Wasser meinen Morgenkaffee zu machen, Wasser, das ich zivilisationsgeschädigter Mensch einfach aus dem Wasserhahn hole. Gildet das jetzt auch? Meine Güte ist das alles beknackt. Es darf auch Tee sein, von mir aus auch Wein, Bier, Schnaps, wer das unbedingt schon am frühen Morgen haben will. „Wie auch immer es dir gefällt“, sagt Joshu. Darum geht’s doch gar nicht. „Der große Weg liegt genau vor deinen Augen.“ Genau jetzt. Mehr ist nicht. Das Ende deiner Suche ist erreicht, wenn du nicht weiterhin wie ein Bekloppter weitersuchen willst, weil’s so schön ist. Auch daran ist nichts verkehrt. Auch daran nicht, dass du den armen Joshu weiterhin mit deinen dämlichen Fragen behelligst. Dann ist halt das das, was genau vor deinen Augen liegt. Ob du darin nun den großen Weg erkennen kannst oder nicht.

ZugspitzeWo isser denn der große Weg? – Such, Fiffi, such!

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8 Antworten zu Joshu: Der große Weg

  1. Paulette schreibt:

    guten Morgen lieber Nitya,

    wie immer , ein sehr tiefer Beitrag.
    Oft schmunzelt es in mir, wenn ich sowas lese wie:

    „Es sind pure Ausrufe von Schwachsinnigen, die gerade aus ihrem Koma erwacht sind.“

    Mal abgesehen davon, dass meine Mutter vor ein paar Jahren im Koma lag und die ganze Familie von den Ärzten auf ihren Tod vorbereitet wurde, sie dann aber doch zur Verblüffung aller Beteiligten in dem Moment, wo die Geräte abgeschaltet wurden plötzlich die Augen öffnete und sagte – Gott sei Dank ich atme alleine. Dieser Ausspruch kam uns also gar nicht schwachsinnig vor.

    Kommen mir aber auch die meisten dieser Zensprüche oder eben vieles aus dem asiatischen Raum vollkommen bekloppt vor. Ich habe keinen Zugang zu dem meisten, was da so gesagt oder vermeintlich angedeutet wird.
    Natürlich kann man sich dann mit Phantasie und Freude an der Interpretation alles mögliche darunter vorstellen.

    Weshalb aber diese vermeintliche Vorliebe für das uneindeutige und verworrene im asiatischen Raum zu finden ist hat meiner Idee nach ganz andere Gründe.
    Ich kenne diese Uneindeutigkeit ja aus der DDR. Die meisten Künstler (Musiker, Schriftsteller) haben sich über Gleichnisse und Andeutungen geäußert um ihre Wahrheit unters Volk zu bringen.
    Sollten sie sich nämlich gewagt haben eindeutig zu werden gab es Auftritts- bzw. Arbeitsverbot, wenn nicht sogar Inhaftierung.

    Und wie war das in China? Oder Japan?
    Da war dein Kopf schneller ab als du deinen eindeutigen Satz zu Ende gesprochen hattest.
    Und gleich hintendran haben sie dir noch dein Gehöft abgefackelt, deine Frauen „wiederverwertet“, deine Kinder vor ihren Karren gespannt und dein Dorf „zersäbelt“.
    Ich bin ja ein Literaturfan und habe bspw. alle Bücher von Amy Tan gelesen. Darin wird viel von dieser Gewohnheit, die Dinge nur anzudeuten beschrieben.
    Ein Freund in der Schweiz ist mit einer Chinesin verheiratet. Da er sie liebt und achtet, fing er also nicht an, sie unter die europäischen Sitten zu zwingen, sondern wollte sie verstehen. Er hat noch heute ordentlich zu tun mit dieser Aufgabe, wohl ein Leben lang.😀

    Und dann glaube ich außerdem, dass in diesen ganzen Aussprüchen auch sowas wie sogenannte Insider verborgen sind. Ein Außenstehender sollte bestimmte Dinge einfach gar nicht verstehen.

    Ich meine, du lieber Nitya, du weißt bestimmt was ich meine, wenn ich sage:

    „Na dann, bis nach dem Krieg um fünf!“

    Aber wer versteht das sonst noch?
    Klingt doch auch wie ein Auspruch eines Schwachsinnigen😀

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Paulette,

      bisweilen liebe ich es, wenn ich eine klare Ansage bekomme. Wenn ich einen Termin beim Zahnarzt habe, liebe ich es, wenn ich auf einer Uhr ablesen kann, wieviel Zeit ich noch habe, bis ich losfahren muss.

      Oft liebe ich genau diese „Schwachsinnigen“. Da geht es mir nicht anders als Rilke, wenn er sagt:

      Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
      Sie sprechen alles so deutlich aus:
      Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
      und hier ist Beginn und das Ende ist dort. …

      Guck mal, Buddha war auch so ein Schwachsinniger mit seinem Blümchen. Keine Stasi hätte ihm dafür etwas anhaben können. Und keiner verstand ihn bis eben auf diesen Mahakashyapa, Hätte er etwas über das Unsagbare geplappert, hätte er alles zerstört. Dann hätten seine glatzköpfigen Schüler eifrig mitgeschrieben und nix verstanden und hätten geglaubt, alles verstanden zu haben.

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      • Paulette schreibt:

        ja lieber Nitya, das verstehe ich.

        Mein Hinweis auf den Ausspruch:

        „Na dann, bis nach dem Krieg um fünf“ sollte darauf deuten.

        Das ganze Buch https://de.wikipedia.org/wiki/Der_brave_Soldat_Schwejk hat ja diesen Tenor, sich vor dem zu drücken, wovor man sich fürchtet, und sei es „nur“ ein Wort.

        Herzensgruß

        p.s. ich mag die „Schwachsinnigen“ wenngleich ich mich manchmal frage, weshalb man sie so benennt. An Sinnen sind sie ja gar nicht schwach.

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  2. Thomas Faulhaber schreibt:

    Hallihallo Nitya, deine Texte zu lesen zählt morgens zum festen Ritual.
    Vor allem dein pragmatischer Ansatz ist genial.
    Schöngeistiges Geschwätz gibt’s ja genug.
    Manche der Texte hebe ich auf, manche nicht.
    Der heutige wird aufgehoben.
    Danke für die Arbeit.

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  3. Elwood schreibt:

    Dat schöne is doch, wenn ick so bekloppt bin und von nix ne Ahnung habe, dann muss ick ja auch nirgens mehr wo hin. Hab ja nicks zu erledigen, dann kann ich auch ruhig Holz hacken….
    Oder auch zum Zahnarzt gehen….nah wenns doch weh tut?!…..

    unterwegs…..
    angekommen….

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  4. Ronny schreibt:

    „Du kannst es weder ergreifen, noch kannst du dich davon lösen. In
    deiner Unfähigkeit, es zu erreichen, erreichst du es.“ (Alan Watts)

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  5. fredo0 schreibt:

    der schlüssel ist der kollaps …
    der kollaps des ergreifen wollens …
    des ergreifenwollens irgendeines schlüssels …
    denn …
    wo ist da überhaupt tor und schloß ?

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  6. Eno Silla schreibt:

    vor lauter grübeleien über nichts
    habe ich beinahe den tanz
    der pappelblätter im wind übersehen

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