Wahab Imri: Im Grunde Eures Herzens


I
Ein Mann ging zu Wahab Imri und sagte: „Lehrt mich Demut.“

Wahab antwortete: „Das kann ich nicht, denn Demut ist selbst ein Lehrer. Man lernt sie durch Übung. Wenn ihr sie nicht ausüben könnt, könnt Ihr sie auch nicht lernen. Wenn ihr sie nicht lernen könnt, wollt ihr sie im Grunde Eures Herzens nicht lernen.“

aus: Idries Shah, „Die Weisheit der Narren“

MBei dem Stichwort „Demut“ fällt mir sofort die Geschichte mit dem Gabriel an, der der Maria verkündete, dass sie einen Sohn gebären würde, der groß sein und ‚Sohn des Höchsten‘ genannt werde. Nach einigen Fragen soll Maria gesagt haben: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. (Lk. 1,38) Das war für mich als Kind immer das Bild, das für Demut stand.

„Mir geschehe, was mir geschehe“, könnte ich auch sagen, um „den Herrn“ aus dem Spiel zu lassen, der vielen ziemlich sauer aufstößt und die aus der Geschichte gerne ein Beispiel für Unterwürfigkeit basteln wollen. „Ja, das könnte den Herren da oben so in den Kram passen, dass wir zu allem Ja und Amen sagen!“ denken sie anscheinend. Aber darum geht es weder in der Geschichte von Wahab Imri noch in der von Maria.

„Ein Mann ging zu Wahab Imri“ … kennt jeder Therapeut. Auch da kommen Menschen und wollen mit Hilfe eines Therapeuten etwas erreichen. Der Mann in unserer Geschichte sagt: „Lehrt mich Demut.“ Tja, wie stellt er sich das vor? Sieht er nicht, wie wenig demütig schon sein Ansinnen ist? Er will, dass er ein Etwas bekommt, das man Demut nennt. Es ist, als wollte er Lesen und Schreiben lernen. Er selbst bleibt, wie er ist, aber er hat sich etwas hinzugefügt: Lesen- und Schreiben-Können. Er hat überhaupt nicht das Wesen der Demut verstanden. Wäre er ein demütiger Mensch, wäre er nicht mehr derselbe. Aber wer will schon ein Anderer werden?

Wahab Imri war ein guter Therapeut. Er frustrierte den Möchtegerndemütigen: „Das kann ich nicht, denn Demut ist selbst ein Lehrer. Man lernt sie durch Übung. Wenn ihr sie nicht ausüben könnt, könnt Ihr sie auch nicht lernen. Wenn ihr sie nicht lernen könnt, wollt ihr sie im Grunde Eures Herzens nicht lernen.“ Übung meint hier ganz sicher nicht das Einüben von Demutsgebärden. Es geht ums Ausüben, ausüben im Sinne davon, was ich zu tun pflege. Morgens pflege ich als Erstes einen Kaffee zu trinken – ich übe also das morgendliche Kaffeetrinken aus. Was Wahab Imri sagt, ist: Demut lernt man, indem man sich demütig verhält, indem man also bereits demütig ist. Oder anders gesagt: Demut kann man nicht lernen, demütig kann man nur sein. Das meint dasselbe wie dieser Satz von Buddha: „Es gibt keinen Weg zum Glück – glücklich Sein ist der Weg.“ Voraussetzung für Demut ist die rechte Geisteshaltung, die rechte Einsicht. Wer intuitiv und absolut sicher weiß, dass er keine Ich-Vorstellung ist, kann gar nicht anders als demütig sein. Und diese Demut hat absolut nichts mit kriecherischer Unterwürfigkeit zu tun.

„Wenn ihr sie nicht lernen könnt, wollt ihr sie im Grunde Eures Herzens nicht lernen.“ sagte Wahab Imri. Das ist der Punkt, an dem die angeblich Lernwilligen so gern an die Decke gehen. Sie wollen so bleiben, wie sie sind. „Ich will so bleiben, wie ich bin. – Du darfst!“ Ich will weiter fressen, aber abnehmen. Ich will mich waschen, aber nicht nass werden. Ich will demütig sein, aber nicht demütig sein. Die Aufgabe von Wahab Imri war also nicht, diesen Verrückten die Demut zu lehren, sondern ihm klar zu machen, dass er im Grunde seines Herzens alles andere sein will als demütig. Knifflige Frage: trifft das letztlich nicht auf jeden zu, „der Therapie machen will“?

G

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9 Antworten zu Wahab Imri: Im Grunde Eures Herzens

  1. Sandra schreibt:

    Na also, ich weiß nicht…“Lehre mich Demut“ hört sich für mich an, wie das vermissen eines Gefühls…er würde gerne wissen, wie sie sich anfühlt diese Demut, weil er sie so noch nicht erfahren hat bzw. nicht weiß, dass er sie schon erfahren hat!
    Geht es nicht vielen Menschen so? Das sie etwas in sich haben, dass sie aber nicht fühlen können…weil bestimmte Lebensumstände, Erziehung, Konditionierungen das überdeckt haben, so dass ein Schleier darauf liegt?
    Liebe…Mut…Demut…ist das nicht alles eins…und ist das nicht etwas, das zu unserer Natur gehört…etwas, das in uns ist?
    Manchmal brauchen wir halt jemanden, der uns hilft den Schleier zu lüften und all dieses Wunderwerk zu entdecken, dass da tief in uns verborgen liegt!
    Dann gehn wir zu einem Therapeuten oder zu einem Lehrer.
    Es geht nicht ums ändern wollen – sondern ums entdecken!
    Und wenn wir erst mal entdeckt haben…geschieht der Rest schon von alleine!

    Also, käme jemand zu mir und wollte Demut lernen – ich würd ihn alleine irgendwo in die Alpen stellen!
    Der wüsste ganz schnell, was Demut ist😉

    Danke Nitya, für deine wundervollen Inspirationen die mich manchmal den ganzen Tag über beschäftigen. Was für feine Schätzchen du da immer wieder ausgräbst!

    Sandra

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Sandra,

      hmm … warum will dann dieser Mann etwas haben, was er nicht fühlen kann? Als ich meinem Lehrer Heinz Butz begegnete wurde mir fast schlagartig klar, was da in mir schlummerte, von dem ich gar nicht wusste, dass es in mir schlummerte. Ja, er half mir allein durch seine Präsenz es zu entdecken. Aber ich wollte es vorher nicht haben. Und wenn mir vorher jemand davon erzählt hätte, hätte ich es wahrscheinlich als Märchen abgetan.

      Du schreibst: „Also, käme jemand zu mir und wollte Demut lernen – ich würd ihn alleine irgendwo in die Alpen stellen! Der wüsste ganz schnell, was Demut ist😉 “

      Vielleicht würde er aber auch nur gucken, wo er hier am besten eine Skipiste bauen könnte?😉

      Herzlichst
      Nitya

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  2. Giri schreibt:

    Das ist eine der Dinge, die ich bei Osho „gelernt“ habe: Ich kann nichts lernen, nichts tun, einfach geschehen lassen ist genug.
    Daher glaube ich auch das Wei Wu Wei Übersetzung von Wu Wei als nichtwillentliches Tun durchaus stimmig ist. Das selbe meint ja auch Ziran, ein hauptbegriff bei Zhuangzi und Wang Chong, der oft mit natürlichkeit, der natur folgend übersetzt wird. Wenn ich demütig sein will, bin ich nicht demütig.
    Freilich gehört Übung dazu. Wenn ich Tai Chi übe, muss ich es erstmal tun, aber das eigentliche Tai Chi geschieht nicht durch die Übung, sondern einfach so in der Übung. Es kann nicht gelernt, nicht gemacht werden. In der Meditation ist es das selbe. Auch in Nicht-meditativen Übungen wie dem Nembutsu (Dem Sagen von Namu Amida Bu(Tsu)) im Amida-Buddhismus heisst es: Solange du Nembutsu sagst, ist es schädlich. Wenn Nembutsu Nembutsu sagt, wenn es von selbst geschieht, dann ist es Nembutsu.
    Letztlich ist das Leben (ebenso wie der Tod) nichts, was ich (ein)üben kann, nichts, was ich lernen kann, sondern das, was einfach geschieht.
    (Daher ist mir die betonung des Chi im chinesischen (und ähnlich dazu des körperlichen bei Osho – obwohl er auch andere tendenzen hat) viel näher als der Glaube an Geist oder Seele in Advaita, eben weil Chi einfach das geschehen ist, da ist kein dahinter und kein beeinflussen. „Qi wartet leer auf die Dinge“ – oder besser auf den Fluss der Dinge.) Dann ist da auch Demut. Aber kein Wahrnehmen der Demut.

    Giri

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  3. Nitya schreibt:

    „(Daher ist mir die betonung des Chi im chinesischen (und ähnlich dazu des körperlichen bei Osho – obwohl er auch andere tendenzen hat) viel näher als der Glaube an Geist oder Seele in Advaita, eben weil Chi einfach das geschehen ist, da ist kein dahinter und kein beeinflussen. “Qi wartet leer auf die Dinge” – oder besser auf den Fluss der Dinge.)“

    Der chinesische Ch’an-Meister Huang-po: „Alle Buddhas und alle Lebewesen sind nichts als der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert. Dieser Geist, der ohne Anfang ist, ist ungeboren und unzerstörbar.“

    Lieber Giri,

    ich denke nicht, dass Huang-po von einem Glauben an Geist oder Seele spricht, Dann hätte er ja schon weder das Nicht-Objektiviernare objektivert. Wei Wu Wei sagt: „Alles, was ich sein oder wissen kann, ist – KEIN DING.“

    Chi ist zweifellos wahrnehmbar.

    Nisargadatta: „Gewahrsein ist der Anfang von allem, es ist der Urzustand, ohne Anfang, ohne Ende, unverursacht, unabhängig, nicht teilbar, unveränderlich. Bewusstsein bedingt Kontakt, Reflexion, es ist ein Zustand von Dualität. Es kann kein Bewusstsein ohne Gewahrsein geben, doch es kann Gewahr­sein ohne Bewusstsein geben, so wie im tiefen Schlaf. Gewahrsein ist absolut, Bewusstsein steht in Relation zu seinem Inhalt. Bewusstsein bedingt immer irgend etwas, Bewusstsein ist partiell und wechselhaft, Gewahrsein ist total, unveränderbar, entspannt und ruhig.“

    Chi ist zweifellos wahrnehmbar, also eine Erscheinung.

    Wenn du an Geist nur glauben kannst und Chi dir näher ist, dann ist das so. Ich hab damit kein Problem. Du bist keineswegs alleine mit deiner Haltung. Es gibt genug Leute, die diesen Geisterglauben strikt ablehnen.

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  4. Eno Silla schreibt:

    Im Grunde meines Herzens
    Ist im Grunde nichts
    Sagt es mal so
    An der Oberfläche kräuselt
    Sich so einiges herum
    Vorstellungen über dies und jenes
    Wie über diesen Grund meines Herzens
    Über Geist und Gott
    Über Leben und Tod
    Den Abwasch in der Küche
    Ein Kommen und Gehen
    Und worum gehts eigentlich
    Im Grunde meines Herzens
    Interessiert es mich nicht (mehr)
    Auch Demut ist da nicht zu finden
    Keine Diskussionen um Begriffe
    Denn im Grunde
    Kann nichts sein
    Weil alles was ist
    So erschienen ist
    Und wieder verschwindet
    Und der Grund des Grundes
    Das was ist
    Aber kein Was ist
    Sich nicht kennen kann
    Sondern nur von Neuem
    Hin- und herwogend
    Vor sich hinkräuselt

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    • Eno Silla schreibt:

      Der ehrwürdige WeiWuWei kräuselt so:

      „Wahrheit ist das, was in einer Dimension jenseits der Reichweite von Gedanken liegt.“

      Oder etwas ausführlicher:

      „Wenn wir feststellen wollen, ob etwas real oder nicht real ist, brauchen wir hierfür ein Subjekt, das ein Objekt beobachtet, und solange diese Trennung besteht, sind wir in der phänomenalen Welt gefangen.
      In der reinen Negation gibt es kein Objekt, und ohne Objekt kann es kein Subjekt geben – man existiert nicht mehr. Genau das müssen wir verstehen, dass wir nicht existieren.
      Haben wir das erkannt, ist es vielleicht möglich, die Berge wieder als Berge zu sehen und die Flüsse als Flüsse, doch in einer Weise, wie das zuvor nicht möglich war. Wie kommt das? An den Grenzen unseres momentanen Verständnisses scheint das reine Bewusstsein zu beginnen, im Buddhismus der „Eine Geist“ oder der „Nicht-Geist“ genannt, bzw. das Selbst oder Atman im Vedanta. Wie wir gesagt haben, ist es leer – „die Leere“, wenn du ein Etwas daraus machen musst. Doch dieses „leere“ Bewusstsein manifestiert sich, und diese Manifestation ist die Objektivierung der Subjektivität. Und das ist zwangsläufig Bewusstsein.
      Wir, die wir Objekte sind und uns für Subjekte halten, nehmen diese Manifestation als unser Universum wahr, als das, was wir sind. Denn jedes der Elemente, die wir Skandhas nennen und die identisch mit Subjektivität-Leere sind, „benutzen“ den Psyche-Soma-Apparat, den wir als den unsrigen betrachten oder gar als uns selbst, als Objekt, um damit das manifeste Universum zu projizieren. Unsere Wahrnehmung auf dem Weg zu Erleuchtung ist: (1) die Welt – bezogen auf Berge und Flüsse – ist real; (2) später erscheinen sie uns als Illusionen des Bewusstseins, und demnach als nicht real; und (3) sind wir erwacht, erkennen wir sie als das Bewusstsein selbst, das sich als „Berge und Flüsse“ manifestiert – sie sind es nach wie vor, doch aus dieser anderen Perspektive.
      Diese dritte Art der Wahrnehmung ist jedoch keine Wahrnehmung der Realität, sie ist noch phänomenal und besteht aus Vorstellungen. Doch wenn wir uns selbst als dieses, zwar noch im Vorstellungsbereich befindliche, aber reine Bewusstsein erkennen, heißt das bereits, dass wir uns als leer begreifen – weil es leer ist, und es bedeutet gleichwohl, dass wir uns selbst als in keiner Weise „positiv“, „real“ oder „persönlich“verstehen können. In reinem Bewusstsein, das leer ist, kann es kein auf Wesen bezogenes „wir“ geben. Reines Bewusstsein ist nichts anderes als ein [begrifflicher] Hinweis auf das, in dem sich alle Vorstellungen eines getrennten Selbstseins notwendigerweise auflösen müssen. Es ist das Lösungsmittel, der Katalysator für unser vorgestelltes Sein – denn wenn „wir“ erst einmal wissen, dass wir das sind, gibt es „uns“ nicht mehr.“

      Wei Wu Wei „Die Essenz der Lehre“

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  5. fredo0 schreibt:

    das was geschieht ist stets … auch … der unterweiser …
    es zeigt sich als geschehen …
    meinetwegen auch dekoriert mit demut …
    oder was auch immer …
    und es ist unter-weiser …
    es weist stets auch auf das , was unter dem geschehen ist …

    das was da „unten drunter“ ist , ist die leinwand hinter der kinoprojektion …
    das was manche urgrund oder leere oder stille nennen …

    es gibt da kein entweder oder …
    wie ich es anfangs vermutete …
    in meiner idee eines besseren …

    es wird kein erwachteres leben geschenkt
    nach diesem „aha“ …
    es ist das stinknormale erscheinungsleben wie eh und je …
    und doch …
    da ist … jetzt auch … das , was ich im ersten satz „unterweiser“ nannte …
    etwas , was ich manchmal etwas pathetisch , die „nabelschnur zum eigentlichen“ nenne …
    dieser merkwürdige im unvergessbaren begründete kontakt …
    der stets hinweist , auf das was „unten drunter“ ist … das eigentliche …
    keine sekunde vergeht mehr ohne diese „unterweisung“ …
    sogar im überspülenden ereigniss voller drama ist dieser subtile kontakt bemerkbar ..
    es verändert nix von der dekoration …
    es ändert nur die ausschließlichkeit ihrer wahrnehmung

    doch ist es kein entweder oder …
    kein leben „nur noch im gewahrsein“ , wie es manche erwachensträumer vermuten und behaupten , um sich mit „besonderheit“ darzustellen …
    da ist nur wie eh und je die stinknormale dekoration des augenblicks …
    doch sie hat … zusätzlich … als eine art unzerstörbare subtile nabelschnur …
    dieses stets sanft „unterweisende“ …

    wie fein ist das ….🙂

    „a little bit more peace of mind“ nannte es jemand … wie fein gewortet …

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  6. fredo0 schreibt:

    ein kleines bischen spass ?

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