Jed McKenna: Todesbewusstsein ist echtes Zazen

 

T
Jeden Tag, jede Stunde sollt ihr nutzen, um euch in die Geisteshaltung des Todesbewusstseins zu vertiefen, des Zeitbewusstseins, der Tatsache, dass die Uhr tickt, dass jeder Tag einer weniger ist und jeder eurer Atemzüge ein Atemzug weniger. Messt euer Leben in Wochen und Monaten statt in Jahren, und nehmt ihr Dahinscheiden voll Trauer zur Kenntnis. Nutzt jeden Morgen um zu begreifen, was es bedeutet, einen neuen Tag geschenkt zu bekommen. Ritzt die Worte „Nur der Tag bricht an, für den ich wach bin“ in euren Badezimmerspiegel. Über den Tod und die eigene Sterblichkeit nachzusinnen ist wahre und kraftvolle Meditation. Todesbewusstsein ist echtes Zazen, es ist die spirituelle Universalmethode, die einzige, die jemals jemand brauchen wird, und diejenige, derer sich jedermann bedienen sollte.

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“

SHeute war das Abflussrohr verstopft und morgen früh fahr ich an die Ostsee und lass mir den Gestank aus Körper- und Seelenzellen blasen. Da komm ich nicht zum Schreiben. Gott sei Dank konnte der Klempner mit seiner Rüttelmaschine das Rohr wieder frei kriegen. Aber der ganze Keller stinkt zum Gotterbarmen. Vielleicht kam mir ja deswegen der Jed McKenna in die Finger mit dem Thema Tod?

Gerade kommt mir da so eine vage Erinnerung an eine Geschichte, die ich mal gelesen habe – ich glaube von einem Koch. Ein Zen-Meister kehrte in ein Gasthaus ein und bestellte etwas zu essen. Während des Essens rief er den Wirt zu sich und bat ihn, den Zen-Meister zu rufen, der dieses köstliche Mahl zubereitet hatte. Der Wirt war ganz verlegen und antwortete, hier gäbe es weit und breit keinen Zen-Meister und schon gar nicht in seinem armseligen Gasthaus. Der Zen-Meister blieb aber bei seiner Aussage, dass hier ein Zen-Meister seine Finger im Spiel gehabt haben musste, und er bat den Wirt, ihm den Koch zu schicken. Als der Koch erschien, wurde er vom Zen-Meister genauestens inspiziert und befragt, bei welchem Meister er in die Schule gegangen sei. Der Koch sagte, dass er wohl ein Fleischer-Meister sei, aber mit Zen habe er nie etwas zu tun gehabt. Der Zen-Meister wischte das mit einer Handbewegung vom Tisch und bestand auf seinem Urteil. „Ich habe doch Augen im Kopf.“ Er quälte daraufhin den Koch mit allerlei Fragen und kam dann auch auf das Thema Tod. Wie es denn damit sei und seiner Angst davor, fragte er. Der Koch fragte, warum er Angst vor dem Tod haben solle. Und er sagte, dass ihm der Tod noch nie Angst gemacht habe. Der Meister sah ihn scharf an und nahm wahr, dass es die Wahrheit war. „Na bitte“, rief er dann, „mich kann niemand täuschen. Ich habe doch gewusst, dass du ein Zen-Meister bist.“

„Todesbewusstsein ist echtes Zazen, es ist die spirituelle Universalmethode, die einzige, die jemals jemand brauchen wird, und diejenige, derer sich jedermann bedienen sollte.“ sagt Jed McKenna. Ob diese Universalmethode hilfreich ist, muss jeder selbst herausfinden. Ich hab’s ja nicht so mit den Methoden. Aber dem ersten Teil des Satzes würde ich durchaus zustimmen: „Todesbewusstsein ist echtes Zazen.“ Stundenlang in so einem Gestank ausharren wie ich heute vermutlich auch. Aber da muss ich wohl nochmal an der Ostsee drüber nachdenken, wenn der Kopf wieder durchgepustet ist.
GWobei an die Medikamente, wie gesagt, gar nicht ranzukommen war. An überhaupt nichts Sicheres. Nichts Einfaches, nichts Hundertprozentiges. Erschießen ist in 76 bis 92 Prozent der Fälle tödlich, bei Schüssen in den Kopf liegt die Quote noch etwas höher. Aber auch da überleben 3 bis 9 Prozent, und die haben dann Hirnschäden und sind entstellt. Erhängen fühlt sich schätzungsweise an, wie es aussieht, und hat wie die meisten anderen Methoden den Nachteil, daß man Erfahrung damit bräuchte und nur einen Versuch hat. Man kann aus dem zwölften Stock springen und überleben. Man kann aus dem zwölften Stock springen und noch dreißig Minuten als blutiger Matsch auf dem Trottoir die Passanten erschrecken, und wenn man wochen- und monatelang durch das Labyrinth geirrt ist auf der Suche nach dem sicheren Ausgang, versteht man irgendwann, wie vollkommen vernünftige und zurechnungsfähige Menschen auf die Idee kommen können, sich auf eine ICE-Trasse zu stellen im vollen Bewußtsein, einen Lokführer für den Rest seines Lebens zu traumatisieren.

Wolfgang Herrndorf

Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.


Danke, Gerd.

 

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4 Antworten zu Jed McKenna: Todesbewusstsein ist echtes Zazen

  1. Eno Silla schreibt:

    Lieber Nitya,
    lass dich gut durchblasen an der Ostsee!
    Ralph Boes geht den harten Weg in vollem Todesbewußtsein…

    Grüß mir die See

    Eno

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    • Nitya schreibt:

      Ja, lieber Eno,

      der Ralph Boes ist ein gutes Beispiel. Und der hat ja Recht, ohne Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod ist menschliche Würde nicht möglich. Das zu jedem Zugeständnios bereite Haften am Leben macht jeden korrumpierbar und bereit ein versklavtes Leben in Kauf zu nehmen.

      Einen lieben Gruß von der See gepaart mit einer frischen Briese ins heiße Landesinnere

      Nitya

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  2. Giri schreibt:

    Wenn du stirbst, dann stirb einfach.
    Kodo Sawaki

    Es gibt schlimmer Sachen im Leben als den Tod.
    Aufdruck auf einem Shirt eines Flüchtlings in einem Flüchtlingslager.

    Du kommst aus dem Nichts, du gehst ins Nichts. Was hast du also verloren: Nichts!
    Das Leben des Brian

    „Meister, gibt es ein Leben nach dem Tod?“
    „Das weiß ich nicht.“
    „Aber bist du denn nicht der Meister?“
    „Ja, aber kein toter Meister.“
    Aus dem Zen

    Woher weiß ich denn, ob mich die Freude am Leben nicht in die Irre führt? Woher weiß ich denn, ob ich, wenn ich den Tod verabscheue, nicht wie ein schwaches, junges Kind bin, das sich verirrt hat und nicht weiß, dass es heimkehrt?
    Zhuangzi

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    • Eno Silla schreibt:

      Schöne Sammlung von Wortgebilden!
      Gefällt mir!!!

      was weiß ich denn
      alles und nichts
      was bin ich denn
      nichts und alles
      verdammt
      so klar
      wie es mir manchmal erscheint
      so verworren
      kommt mir alles vor

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