Dschau Dschou: die Früchte seiner Bemühungen verlieren

FIn einem Gespräch mit Wen-Yaan sagte Meister Dschau Dschou: „Es ist besser, sich um Unterlegenheit zu bemühen als um Überlegenheit. Der sich überlegen Fühlende verliert die Früchte seiner Bemühungen.“

Wen-Yaan bat den Meister, ihm das näher zu erklären. „Ich bin ein Esel“, antwortete ihm der Meister.

„Und ich der Magen eines Esels“, sagte Yaan-Wu. „Und ich Eselsscheiße“, konterte der Meister.

„Und ich die Maden in der Eselsscheiße“, entgegnete Wen-Yaan.

„Und was machst du in der Eselsscheiße?“, fragte der Meister.

„Ich verbringe darin die Sommerzeit“, sagte Wen-Yaan. „Nun, dann zeig mir deine Frucht!“, schloss der Meister.

aus: Ernst Schwarz, „Die Glocke schallt, die Glocke schweigt“

Wer hat den Längsten? Oder irgendeines der zahlreichen anderen Spielchen, mit denen ein für alle Mal klar gestellt werden soll, dass ich und nur ich der Allerbeste bin. Manche begnügen sich ja damit, das nur zu behaupten, andere versuchen es auf jeden Fall zu beweisen. Und nachdem dieses „ein für alle Mal“ nicht zu klappen scheint, versuchen sie es täglich neu unter Beweis zu stellen. Für manche ein Ansporn, dagegen zu halten, für andere einfach nur lästig.

Meister Dschau Dschou scheint sich diesen Wen-Yaan vorgeknöpft zu haben, um ihm mal ein Wörtchen zu seiner ständigen Angeberei zu sagen: „Es ist besser, sich um Unterlegenheit zu bemühen als um Überlegenheit.“ Und um sicher zu gehen, dass Wen-Vaan seinen Hinweise ernst nimmt, fügt er hinzu: „Der sich überlegen Fühlende verliert die Früchte seiner Bemühungen.“

Wen-Yaan scheint nicht so recht zu kapieren und bittet um eine Erklärung. Dschau Dschou gibt ihm ein idiotensicheres Beispiel: „Ich bin ein Esel.“ So etwas wäre Wen-Yaan vermutlich nie über die Lippen gekommen. Aber er war ein schlaues Kerlchen und musste jede Gelegenheit nutzen, das dem anderen unter die Nase zu reiben. Also antwortete er mit: „Und ich der Magen eines Esels“.

Dschau Dschou war klar, dass dieser Bursche mit ihm Fingerhakeln wollte. Eigentlich wollte der ihm sagen: „Jo Kreiz Deifi no amoi, i bin doch ned auf der Brennsuppn dahergschwumma!“ – „Na gut“, dachte Dschau Dschou, „dann spielen wir halt ein bisschen „Doof“. Vielleicht kapierst du es dann, worum es geht.“ Also legte er noch ein bisschen drauf und sagte: „Und ich Eselsscheiße.“ Das war ihm schon klar, dass dieser Wen-Yaan sich niemals geschlagen geben würde und so fuhr dieser auch triumphierend fort: „Und ich die Maden in der Eselsscheiße.“
MDschau Dschou hatte nicht die Absicht, den Rest des Tages mit diesem pubertären Angeberspiel zu verbringen. Er beendete den „Wettkampf“ mit der Frage, was sein Gegenüber denn in der Eselscheiße mache. Wen-Yaan wollte nicht kapieren, dass das schöne Spiel, in dem er den Meister zu schlagen gedachte, schon vorbei war. Er kapierte ja auch nicht, warum, sich der Meister überhaupt auf das blöde Spiel eingelassen hatte, also tönte er großkotzig: „Ich verbringe darin die Sommerzeit.“ Aber der Meister ließ sich auf gar nichts mehr ein. Er forderte Wen-Yaan auf: „Nun, dann zeig mir deine Frucht!“

Die Frucht ist das Ergebnis eines Prozesses. Man könnte auch sagen Karma oder bei den ollen Germanen Skuld. Oder man könnte auch ganz modern fragen: „Und, wat haste nu davon?“ Wen-Yaan muss ziemlich platt gewesen sein. Glaubte er sich eben noch im gegenseitigen Einvernehmen dieses schöne Spielchen zu spielen, entpuppte sich sein Gegenüber plötzlich als mieser Spielverderber, der für ihn ganz unvorhersehbar einfach das Spiel abbrach. Nun hatte er, aber auch nur vielleicht, die Wahl zu reagieren, indem er sich dachte: „Dem ist wohl nichts mehr eingefallen. Ich habe gewonnen.“ Aber vielleicht wäre auch der Groschen gefallen, indem ihm klar wurde, dass er absolut gar nichts davon hatte. Und wenn da niemand mehr war, der mit ihm spielen wollte, wäre er vielleicht auf heilsame Weise in seinen stets vermiedenen Abgrund geplumpst.F0

 

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6 Antworten zu Dschau Dschou: die Früchte seiner Bemühungen verlieren

  1. Paulette schreibt:

    Hallo lieber Nitya,

    das ist ja eine schöne Geschichte.
    Wenngleich ich immer so einen leicht bitteren Geschmack wahrnehme, wenn es darum geht, dass ein Wesen einem anderen unterliegen sollte.
    Es geht auch anders, wie ich selbst erfahren durfte.
    Elmar Vogel ist mir da so ein leuchtendes „Vorbild“. Daher erlaube ich mir mal auf ihn und sein phantastisches Buch hinzuweisen.

    https://lebenlebeneben.wordpress.com/elmar-wenn-das-herz-spricht/

    Einen Herzensgruß in die Runde

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Paulette,

      den leicht bitteren Geschmack kann ich nur zu gut nachfühlen. Gleichzeitig sage ich: Gott sei Dank gibt es ihn. Beinhaltet er doch die Hoffnung, dass erkannt wird, dass alles Siegen letztlich nur in die Enttäuschung führt.

      Herzlichst
      Nitya

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      • Paulette schreibt:

        w u n d e r s c h ö n – lieber Nitya, gaaaanz großes D A N K E

        p.s. bei solchen Antworten darfste dir aba nich wundern, wenn dir die Damenwelt Avancen macht – Liebling😀

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      • Nitya schreibt:

        Avancen werden jederzeit gerne entgegengenommen. Aber ich muss ja auch was für die holde Damenwelt tun und darf sie nicht in ihr Verderben rennen lassen, indem ich sie siegen lasse. Gelle, meine Süße!😀

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  2. Paulette schreibt:

    – Lache –
    manchmal, und gar nicht so selten, lehne ich mich ja zu weit aus dem Fenster, was aber nicht so schlimm ist, wenn man Hochparterre wohnt.
    Das wusste schon der Verehrte Herr Tucholsky.
    Bei diesem Gleichnis fiel mir sein „….älterer aber leicht besoffener Herr“ wieder ein und ich denke, dass das folgende Stück auch sehr gut zum Thema: „Früchte verlieren“ passt.
    Viel Freude damit – ich geh jetzt mal wieder meinen Enkel durch den Berliner Berufsverkehr geleiten.

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