Jed McKenna: Das könnte ich sagen, tue es aber nicht.


T
Ich weiß, wie es ist, plötzlich abgekoppelt zu sein. Ich weiß, wie das am Anfang ist, wenn man hilflos dahintreibt, nicht mehr Teil von etwas ist, losgerissen von den Dingen, über die man sich immer definiert hat. Ohne Zuhause, ohne Menschen, ortlos. Plötzlich ist jeder ein Fremder. Du hast eine unverzeihliche Gewalttat begangen, einen wahrhaft zerstörerischen Akt ausgeführt. Durch diesen zerstörerischen Akt hast du alles verloren, inklusive eines Großteils deiner selbst. Ich kenne den Drang, den du verspürst: Den Drang, wieder Teil von etwas zu sein. Ich weiß, wie stark dieser Drang ist und wie beängstigend es ist, isoliert und abgetrennt zu sein. Diese Wiedergeburt, die du durchlebt hast, ist eine ebensolche Neudefinition der Realität wie der körperliche Geburtsvorgang. Der Mutterschoß, aus dem du dich soeben selbst vertrieben hast, mag toxinhaltig und erstickend eng gewesen sein, er war aber auch warm, schützend und vertraut, und nun bist du in einer ganz anderen Welt, grell und nackt, und nichts sieht so aus oder funktioniert wie zuvor. Sie ist kalt und öde, alles ist fremd, und du kannst nie zurückkehren.“

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“
L
SIch greif ich mal wieder zur Bibel und such mir die Reinigung des Tempels raus. Oben hab ich ein Fresco von Giotto di Bondone (Anfang des 14. Jahrhunderts) reingestellt. Wenn ich das nicht als nette Geschichte nehme, sondern als Gleichnis für die eigene innere Tempelreinigung, dann veranschaulicht das schön den Text von Jed McKenna. Irgendwann kannst du nicht mehr umhin zu sehen, was Welt bedeutet. Du konntest es tausendmal sehen, hast es aber nicht wahrgenommen. Dann sagt einer was oder du siehst etwas, indem du etwa im Internet über so eine Seite stolperst oder so eine  und dir fällt der Unterkiefer runter und du scheinst das halbwegs noch erträgliche Normalleben mit einem Schlag verloren zu haben. Jed McKenna hat diesen Zustand ganz schön beschrieben. Möglicherweise bist du entsetzt über die Welt und fängst jetzt an, sie verändern zu wollen, wie das von Jesus beschrieben worden ist. Das wäre dann so etwas wie ein äußerer Jihad. Oder dir schwant, dass es sich hier um ein Gleichnis handeln könnte und dass es um den inneren Jihad geht. Die Händler als Stellvertreter für den immer gierigen Verstand, der nur auf Gewinnmaximierung und -erhaltung aus und bereit ist, dafür auch über Leichen zu gehen. Und du bist entsetzt über dich selbst und versuchst, diese neoliberalen Schweinehunde in dir zum Teufel zu schicken, wo sie hingehören. Vielleicht hast du dabei auch kleinere oder größere Erfolge, aber letztlich führt der Kampf von dir gegen dich selbst immer im Kreis herum. Aber vielleicht erklimmst du dann doch Stufe um Stufe nach oben zum Licht. Du erwachst, hast ganz unglaubliche Erscheinungen und glaubst dich endlich am Ziel. Gestern zitierte ich den Karl Renz u.a. damit:

Und schau, die Geschichte geht weiter, als ob nie etwas passiert wäre. All diese fantastischen Geschichten über Verwirklichung. Trotz Ramana, trotz Buddha, trotz Jesus, trotz des ganzen heiligen Schwindels passiert nichts.

Ikkyû Sôjun brachte es so auf den Punkt:

Höre die grausame Nicht-Antwort:

Bis Blut tropft,
Bschlage deinen Kopf gegen ihre Mauer!

… und vorgestern Karl Renz:

Es gibt kein Erwachen. Aus was? Es gibt einfach keinen Weg raus. Aber selbst das ist nicht da.

Also, da kannst du deinen Kopf solange gegen die Mauer der Nicht-Antwort schlagen, wie es dir möglich ist, bevor du ihn zu Brei transformiert hast: Es gibt kein Erwachen. Da fällt mir nur noch die alte Schallplatte mit Caruso ein, von der ich als Kind so angetan war, dass ich sie mir ständig auf unserem alten Kurbelgrammophon angehört habe: „Ride Bajazzo!“ (Oder trink einen Kaffee!)

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