Byron Katie: In wessen Angelegenheit befindest du dich?


B

Tief in unseren Gemächern
liegt die Quelle für zahllose Verse.
Fröhlich singen und tanzen wir
im Angesicht der Blüten,
schwimmen wie Mandarin-Enten.
Unser Wolkenregen fällt aufs Kissen,
wir haben himmlische Höhen erreicht.

aus: Ikkyû Sôjun, „Gedichte von der Verrückten Wolke“

 Ganz und gar lebendig zu sein, ganz und gar Mensch und wirklich wach zu sein, bedeutet, unaufhörlich aus dem Nest geworfen zu werden. Voll und ganz zu leben bedeutet, sich ständig im Niemandsland zu befinden, jeden Augenblick völlig neu und frisch zu erleben. Wahres Leben ist die Bereitschaft, immer wieder aufs Neue zu sterben. Das ist Leben vom Standpunkt des Erwachens. Tod hingegen ist der Wunsch, an dem, was man hat, festzuhalten und sich von jeder Erfahrung bestätigen und auf die Schulter klopfen zu lassen, weil man alles so schön im Griff hat.

aus: Pema Chödrön, „Mystk aktuell

Die Kunst, Frieden zu schließen und sich wohl zu fühlen mit solchen Aspekten des natürlichen Menschen, die dem Sturm und Donner im natürlichen Universum entsprechen, liegt darin, sie stürmen zu lassen. Genau wie eine unvergleichliche Schönheit und Größe in Donner und Blitz liegt, so gibt es etwas Atemberaubendes in dem frei herausgelassenen Ärger des Weisen, und hierbei handelt es sich nicht mehr bloß um schlechte Laune oder Reizbarkeit. Wir erinnern uns, wie Jesus die Geldwechsler aus dem Tempel gescheucht hat, und er war nicht kühlen Blutes, dass er die Juden als „Natterngeschlecht“ bezeichnet hat und die Pharisäer als „außen weiß angestrichene Gräber, innen aber voller Schmutz“.

aus: Alan Watts, „Die sanfte Befreiung“GWenn Byron Katie fragt, in wessen Angelegenheit man sich befinde, dann meint sie damit erst einmal, diese üble menschliche Angelegenheit, sich ständig in die Belange der Mitmenschen einzumischen. Sie meint damit aber auch die Einmischung des Verstandes etwa in die Angelegenheiten des „eigenen“ Körpers, der „eigenen“ Gefühle, des „eigenen“ Handelns. Es ist, als hätten wir alle die drei (männlichen) Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative so sehr verinnerlicht, dass nichts mehr spontan geschehen darf. Das weibliche Annehmen dessen, was ist, was nicht einmal irgendeiner besonderen Erlaubnis bedarf, ist dabei völlig verschütt gegangen.

Ikkyû ist ein wundervolles Beispiel dafür, dass sich auch ein Zen-Meister nicht die Bohne darum kümmert muss, was die verinnerlichte Gesellschaft und schon gar nicht die Gesellschaft „da draußen“ davon hält, wie sich sein Leben lebt. Ikkyû ließ sich einfach leben und mischte sich nicht in die Angelegenheiten seines Lebens mit irgendwelchen Vorstellungen ein. Wen wundert’s, dass er so „himmlische Höhen“ mit seiner Geliebten erreichte.

 
Pema Chödrön beschrieb, was für sie der Tod ist: „Tod hingegen ist der Wunsch, an dem, was man hat, festzuhalten und sich von jeder Erfahrung bestätigen und auf die Schulter klopfen zu lassen, weil man alles so schön im Griff hat.“ Unser Innenminister und unsere Kriegsministerin würden das sicher vehement bestreiten. Erst auf der Grundlage von Sicherheit kann sich Leben entfalten, würden sie wohl behaupten. Und Alan Watts vergleicht die unvergleichliche Schönheit von Blitz und Donner mit dem heiligen Zorn der Kreatur. Bei Letzterem muss ich gleich wieder an meinen ansonsten so friedlichen Kater Gregor denken, wie er meinem damaligen Schwiegervater die Brille von der Nase haute und dabei seine blutige Spur auf der Nase seines Peinigers hinterließ.

Denken muss ich auch an meine Osteoporose, die ich mir wahrscheinlich wegen meiner Faulheit angelacht habe. Und die Ärzte wussten bei meinen Knochenbrüchen nur eins: Die Knochen müssen fester werden. Ich habe einfach zu wenig Calcium. Hat leider nix geholfen. Irgendwann sagte mir ein Arzt: „Lassen Sie bloß das Calcium weg! Das macht die Knochen noch brüchiger. Nehmen Sie Silicium und Magnesium!“ Seit ich das umsetzte, hatte ich keinen Knochenbruch mehr. Der Doc muss ein richtiger Taoist gewesen sein: „Das weiche Wasser besiegt den harten Stein.“ Das Weiche gibt ganz flexibel nach, das Harte bricht. Laotse: „Wer das Männliche kennt und sich doch an das Weibliche hält, wird zu einem Kanal, der die ganze Welt anzieht.“

 

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7 Antworten zu Byron Katie: In wessen Angelegenheit befindest du dich?

  1. Elwood schreibt:

    Ich lieg hier so rum und warte auf meine Gallen-Op.
    Nur falls ich nicht mehr aus der Narkose aufwache, den ollen Kodo für mein Grabstein(für was sind die eigentlich gut?): Es muss so sein, doch es kann so sein wie es will. Nichts muss auf irgendeine bestimmte Weise sein, doch es muss in der höchsten und besten Weise so sein, wie es ist. Kodo Sawaki
    Schüss bis nachher
    Elwood

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    • fredo0 schreibt:

      zu elwood

      allet jute … allet feine …
      heute mal für dir alleine …

      thump up

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    • Nitya schreibt:

      Bist du etwa schon in der Klinik – oder gar schon auf dem OP-Tisch? Dann kann ich mir ja meine blödsinnigen Ratschläge sparen.“Schüss bis nachher“ – Ist es schon nachher? – Mann, Mann, Mann, lieber Elwood, du machst Sachen! Bleibt mir auch nur, dir alle Daumen zu drücken. Wär nett von dir, wenn du uns ein klitzekleines Lebenszeichen geben würdest, wenn du wieder kannst.

      Alter Schwede, komm bloß nicht auf dumme Gedanken!

      a

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