Wei Wu Wei: Die Übermittlung der Wahrheit


WEs ist eine bemerkenswerte und zugleich traurige Tatsache, dass
die Leute heutzutage psychologisch außerstande zu sein scheinen, eine These nachzuvollziehen, wenn sie nicht in einem kunstvoll aufgebauschten Fachjargon daherkommt. Eine stark zusammengefasste These hingegen wird als „Aphorismus“ angesehen, als unzutreffend abgetan und am besten ignoriert.

Wie jedem Weisen bekannt war, töten lange diskursive Darstellungen jene Wahrheit, die sie übermitteln wollen. Die Wahrheit wird unter dem Dickicht verbaler Abhandlungen erstickt, sie ist wie tot geboren.

Lebendige Wahrheit kann nicht in unnützes Gerede verpackt übermittelt werden, denn sie kann überhaupt nicht übermittelt werden. Sie kann im mentalen Apparat eines anderen nur durch geeignete Mittel wachgerufen werden, und das einzige Hilfsmittel sind kurze, anregende und spontane Hinweise.

aus: Wei Wu Wei, „Die Essenz der Lehre“

UAch ja, auch dem großen Terence Gray bleibt es nicht erspart, Äußerungen von sich zu geben, die darauf hinweisen, dass hier von realen Leuten die Rede ist, die psychologisch außerstande zu sein scheinen … und von irgendwelchen Weisen, denen angeblich irgendwas bekannt war. Und auch mir bleibt es nicht erspart vom großen Terence Gray zu sprechen, als ober er eine reale Person sei – und daran kann auch keine Namensspielerei etwas ändern, kein Wei Wu Wei und kein 0.0.0. und auch sonst kein Taschenspielertrick.

UTerence Gray eiert hier ganz schön rum, finde ich – wie wir alle füge ich vorsichtshalber hinzu. Es fühlt sich an wie das zwanghafte Tanzen auf einer winzigen Eisscholle, von der wir glauben, auf keinen Fall herunterfallen zu dürfen. Jeder Satz, der hier steht, könnte mühelos als Nonsens entlarvt werden, weil alle Voraussetzungen für seine Aussage fehlen. Da wird etwa „die Wahrheit“ als Objekt gehandelt, das man zwar nicht übermitteln, wohl aber töten kann. Nun, ich würde sagen, alles, was getötet werden kann, kann auch übermittelt werden – fall es sich hier überhaupt um eigenständige Personen handelt, was Terence Gray ja ansonsten stets in Abrede stellt. Handelt es sich jedoch nicht um eigenständige Personen, geht es hier ausschließlich um Erscheinungsformen dessen, was weder „ein Ding“ noch „kein Ding“ ist. Wer etwa Shen Hui und seiner doppelten Negation lauscht, kann leicht einen Knoten ins Gehirn kriegen. Es geht ihm um die Abwesenheit der Anwesenheit aller Dinge sowie um die Abwesenheit der Anwesenheit der Abwesenheit aller Dinge.UIch kann gut verstehen, wenn hier jemand bei diesen Äußerungen völlig abdreht, an Tod durch Erhängen denkt oder aber alles als Schwachsinn abtut und in die nächste Kneipe geht, um ein Bier zu zischen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

pDabei ist, so wage ich mal ohne den geringsten Beweis zu behaupten, alles ganz einfach. Wenn es als wahr erkannt wird, dass ich weder bin, noch nicht bin, dass es also überhaupt kein Ich gibt, ist da nicht nichts. Dann „darf“ alles erscheinen, was erscheint, auch all die scheinbaren „Leute, die heutzutage psychologisch außerstande zu sein scheinen, eine These nachzuvollziehen, wenn sie nicht in einem kunstvoll aufgebauschten Fachjargon daherkommt und die eine stark zusammengefasste These hingegen als ‚Aphorismus‘ ansehen und als unzutreffend abtun und am besten ignorieren“. Dann darf auch die Behauptung erscheinen, dass „die Wahrheit unter dem Dickicht verbaler Abhandlungen erstickt wird und sie wie tot geboren ist.“ Jede Behauptung darf erscheinen, gleichgültig ob, sie für wahr oder unwahr gehalten wird. Und wenn sich Terence Gray als Didaktiker betätigt und die These aufstellt, dass die Wahrheit „im mentalen Apparat eines anderen nur durch geeignete Mittel wachgerufen werden kann, und das einzige Hilfsmittel kurze, anregende und spontane Hinweise sind“, dann darf auch das erscheinen.

UVielleicht sollte gesehen werden, dass Terence Gray dies alles vor diesem Hintergrund sagt: „Das Leitmotiv des ganzen Herz-Sutras ist es, die Menschen abzubringen von ihrem endlosen Objektivieren, von ihrem konditionierten Begriffebilden und vor allem von ihrer Illusion eines freien Willens, aufgrund dessen sie sich einbilden, dass sie selbständig leben und handeln. Diese Desillusionierung führt dazu, dass sich die Menschen, indem sie sich abwenden von dem, was sie nicht sind, plötzlich der Unendlichkeit dessen, was sie sind, bewusst werden können. “ … „Nicht die Natur der Dinge ist der Grundgedanke des Herz-Sutra, sondern das Sehen der Dinge – denn das ist, was sie sind. Es geht einzig um das Wahrnehmen (oder Erkennen), welches alles ist, was irgendein Ding jemals war, ist oder sein wird.“

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8 Antworten zu Wei Wu Wei: Die Übermittlung der Wahrheit

  1. Paulette schreibt:

    Also wirklich lieber Nitya,
    einfach meisterlich dieses Aufzeigen von dem, was alles sein darf.
    Es gerät so schnell in Vergessenheit, dass es mir nicht oft genug aufgezeigt werden kann.
    Sehr herzlich sei dir das immer wieder gedankt!

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Paulette,

      na ja, es gehört ja keine besondere Meisterlichkeit dazu, aufzuzeigen, was alles sein darf. Man könnte es auch kurz zusammenfassen. Du darfst ALLES. Alles Erscheinende ist Ausdruck des jetzt-strömenden-Tao. Hat sich das Tao je um Verbote gekümmet?

      Herzlichst
      Nitya

      P.S.: Wenn jemand auf „Paulette“ klickt und dort ein bisschen herumstöbert, dann kriegt er wirklich Meisterliches zu lesen.

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      • Paulette schreibt:

        lieber Nitya,
        oh wie schön, dass du mein Geschriebenes gern hast. Mir bereitet das ja auch so große Freude, wenngleich ich leider feststellen musste, dass das Zusammenlegen meines Textblogs mit dem Twenty Ten Theme, auf welchem du hier auch deinen Blog präsentierst, in einigen Beträgen die Formatierung zerschossen hat und sogar Textteile fehlen. Nun wird es also Arbeit sein, es wieder in Ordnung zu bringen. Das ist der Teil am Schreiben, den ich gar nicht mag. Hut ab vor Leuten, die ganze Bücher schreiben, was für ein Arbeitsaufwand.

        Zu deinem Einwand, dass das Meisterliche bei deinen Beträgen eigentlich auch einfach gesagt werden kann mit:

        „Du darfst ALLES“

        zitiere ich dich noch einmal:

        „Es fühlt sich an wie das zwanghafte Tanzen auf einer winzigen Eisscholle, von der wir glauben, auf keinen Fall herunterfallen zu dürfen. “

        yep, ganz genau. Meine bisherigen „Aufsätze“😀 zu spirituellen Themen haben sich oftmals so angefühlt, dass ich bloß keine falsche Silbe schreibe, wenn ich z.B. mit Advaitaerfahrenen debatierte. Erst durch deine Beiträge hier, und dem heutigen ganz besonders, ist mir klar geworden, dass jedes Wort immer nur falsch sein kann für das, was beschrieben werden soll.
        Ich glaube, der in intellektuellen Spirikreisen verachtete, Neal Donald Walsch war es, bei dem ich las:
        Gottes Sprache sind die Gefühle, Worte sind nur eine sehr schlechte Übersetzung.

        Aber damals habe ich nicht kapiert, was er samit sgen wollte.
        Weil ich eben dachte, es gibt das richtige (!) Wort.

        Fredo ist da ja sehr genau und ich verstehe sein Anliegen, weil mir Sprache auch so gefällt. Dennoch ist es doch lustig einmal zu realisieren, dass vor dem, was wir „das Wahre“ nennen, Worte keinerlei Bedeutung haben.

        Du lieber Nitya hast mir diesbezüglich aus einer Zwangsjacke geholfen, die Eisscholle geschmolzen und den zwanghaften Tanz in einen Freudentanz verwandelt.

        So meinte ich das lieber (Meister) Nitya

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      • Nitya schreibt:

        Thomas sprach zu ihm: „Meister, mein Mund ist völlig unfähig auszusprechen, wem du gleichst.“ Jesus sprach: „Ich bin nicht dein Meister. Da du getrunken hast, bist du
        trunken geworden von der sprudelnden Quelle, die ich vermessen habe.“

        Na bitte, wenn das schon Jesus sagt, dann darf ich mit Fug und Recht dasselbe sagen. Ich bin kein Meister, kein Satsanglehrer, kein gar nix – höchstens ein alter Sack. Das ist mehr als genug.

        Ach ja, die intellektuellen Spirikreise – die kannste alle in der Pfeife rauchen. Ich hör lieber den Bäumen zu und den wundervollen Viechern.

        Du zitierst: Neal Donald Walsch:“Gottes Sprache sind die Gefühle, Worte sind nur eine sehr schlechte Übersetzung.“ Auf jeden Fall die schlechtere Übersetzung. Aber eigentlich würde ich es lieber so ausdrücken: „Gottes Sprache ist alles, was ist.“

        Fein, wenn du deine Zwangsjacke in die Ecke gepfeffert hast! Herzlichen Glückwunsch!

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  2. fredo0 schreibt:

    ich nenne es ja die „bereits wissende Ahnung“ in jedem …
    und ich meine auch , einen Prozess beobachtet zu haben ,
    dass da durch ein „feines“ Wort , zur rechten Zeit gehört ,
    ein herauskitzeln / stimulieren / nähren dieser „wissenden“ Ahnung stattfindet.

    ( desderwegen scheint mir ja auch die „Verfeinerung“ von Worten durchaus der Mühe wert 😀 )

    wobei … es gilt wohl zweierlei zu unterscheiden …
    einmal diese Bestätigung / Nährung durch Stimulanz dieser bereits wissenden Ahnung.
    und andererseits eine scheinbar fast gegenteilige Entwicklung , nämlich die Kulmination eines „einfach nicht kapieren könnens“ bei der Suche nach Wahrheit , in der sich halt kein Gefühl von Genährtwerden aufbaut , sondern stattdessen von Ohnmacht , Verzweiflung und Kapitulation , was dann wiederum ein widerstandsloses „Aufgesaugtwerden ins Eigentliche“ zumindest nicht mehr behindern kann , wenn dies dann irgendwann angesagt sein sollte.

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    • Nitya schreibt:

      Liebwerter Herr Fredo,

      hab ich mir doch gedacht, dass du dich auf das feine Wirt zu rechten Zeit stürzen wirst. Ich hoffe, es grämt dich nicht, wenn ich sage, auch der Ausrutscher auf einer unanchtsam hingeworfenen Bananenschale könnt es möglicherweise herauskitzeln.

      „( desderwegen scheint mir ja auch die “Verfeinerung” von Worten durchaus der Mühe wert😀 )“

      Darf es ja, Selbst das darf es ja.

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  3. Paulette schreibt:

    „Ich bin nicht dein Meister. Da du getrunken hast, bist du
    trunken geworden von der sprudelnden Quelle, die ich vermessen habe.”

    Ja lieber Nitya, ich dachte mir schon, dass der Meister Titel nicht ohne Einspruch bleibt😀

    Es war wohl diese Musik hier, die mich etwas betörte als ich es schrieb.

    Einen schönen Abend von Herzen wünscht Paulette:

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  4. Eno Silla schreibt:

    Die Übermittlung der Wahrheit
    Nichts als Lüge
    Wahrheit
    Hier
    Jetzt
    Schau dich um
    Fühle
    Und dann
    Und darüberhinaus
    Und in tiefster Tiefe
    Alles
    Abfall

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