Alan Watts: das jetzt strömende Tao


AEs sollte betont werden, dass „du“ grundsätzlich nicht „den Dingen“ folgen kannst, ohne vorauszusetzen, dass es tatsächlich keine Alternative gibt, da du und die Dinge der gleiche Vorgang seid, das jetzt-strömende Tao. Das Gefühl, dass es einen Unterschied gibt, ist ebenfalls Teil dieses Vorgangs. Das ist nun einmal so. Nur der Strom ist und seine Myriaden von Windungen, seine Wellen, Bläschen, Schaum, Wirbel, Strudel, und das bist du.

Ich möchte am liebsten nichts weiter darüber sagen, und doch ruft eine solche Aussage bei vielen einen wahren Aufruhr von Fragen hervor. Anstatt das Jetzt-Fließende zu erfahren, das alles klären würde, wollen sie jede Art Rückversicherung, dass es sicher und profitabel sei, so zu handeln, dass diese Erkenntnis als Lebensphilosophie auch „funktioniert“. Natürlich tut sie das, sehr wirkungsvoll sogar, wenn man ihr jedoch aus diesem Grund folgt, dann folgt man ihr gerade nicht. Ist die rechte Erkenntnis da, dann tritt die Kraft oder Tugend von te spontan hervor oder, wie die Christen sagen, durch göttliche Gnade im Unterschied zu Willenskraft. Indem du erkennst, dass du das Tao bist, manifestierst du automatisch seine Magie – doch Magie sowie Gnade sind Dinge, die niemand für sich in Anspruch nehmen soll. Wie Lao-tzu über das Tao selbst sagt: „Wenn Gutes vollbracht ist, dann erhebt es keinen Anspruch darauf (oder benennt es).“

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

yDas sind immer so G’schichten mit den ganzen Erklärungen. Im ersten Abschnitt ist eigentlich alles gesagt, was es zu sagen gibt. Im zweiten Abschnitt finden wir dann am Schluss: „Indem du erkennst, dass du das Tao bist, manifestierst du automatisch seine Magie – doch Magie sowie Gnade sind Dinge, die niemand für sich in Anspruch nehmen soll. Wie Lao-tzu über das Tao selbst sagt: ‚Wenn Gutes vollbracht ist, dann erhebt es keinen Anspruch darauf (oder benennt es).'“

In Abwandlung des ersten Satzes im ersten Abschnitt, zitiere ich: Es sollte betont werden, dass „du“ grundsätzlich nicht „die Dinge“ erkennen kannst, ohne vorauszusetzen, dass es tatsächlich keine Alternative gibt, da du und die Dinge der gleiche Vorgang seid, das jetzt-strömende Tao. Das scheint mir ein sehr gelungener Hinweis zu sein, um zu verdeutlichen, dass hier ein erkennendes Du genauso fehl am Platz ist wie kein erkennende Du. Natürlich ist alles das jetzt strömende Tao, doch bedarf es möglicherweise des Menschen, um das erkennen zu können. Möglicherweise, weil eben diese Menschen vielleicht völlig ungeeignet sind zu erkennen, dass es nichts gibt, das das jetzt strömende Tao nicht erkennen würde – außer möglicherweise gerade die Menschen.

Da gibt es dieses Beispiel mit den Fischen: Erkennt ein Fisch das ihn umgebende Wasser oder ist er so eins mit ihm, dass er es nicht erkennen kann? Muss er nicht erst aus seinem Element gerissen werden, um erkennen zu können, was er plötzlich entbehrt? Analog hierzu die Frage: Ist es nicht geradezu eine Notwendigkeit, dass sich der Mensch mental von seiner Essenz trennt, um in ihrem angeblichen Fehlen spüren zu können, dass er nie von ihr getrennt war?

Was gibt es noch darüber hinaus zu sagen? „Du und die Dinge seid der gleiche Vorgang, das jetzt-strömende Tao.“ Das scheinbar Persönliche und das Unpersönliche sind untrennbar eins.

Muss das denn immer wieder und bis zum Erbrechen gesagt werden oder genügt es nicht, das stillschweigend vorauszusetzen? Natürlich kann man das gar nicht voraussetzen. Wenn man es nicht sagt, wird man halt ständig missverstanden. Na und? Dann wird man halt missverstanden. Buddha hielt sein Blümchen hoch und wusste, dass ihn mit Ausnahme von Mahakashyapa keiner verstand. Da er als Meister und Lehrer unterwegs war, sonderte er dann noch Erklärungen über Erklärungen ab. Bisweilen sollen die sogar hilfreich gewesen sein. Hilfreich für wen, könnte man jetzt gleich wieder fragen. Hilfreich für das Tao? “ Durch die vollkommene unübertroffene Erleuchtung habe ich wahrlich nichts hinzugewonnen.“ Was soll dieses ganze dämliche spirituelle Streben, könnte man jetzt fragen. Vielleicht drückt sich jemand mit diesem Trick nur davor, den Müll rauszustellen? Genügt es nicht ganz wie die Eichhörnchen einfach zu sein? Anscheinend nicht. Du und die Dinge seid der gleiche Vorgang, das jetzt-strömende Tao. Und wenn das jetzt strömende Tao keinen Müll rausbringen will und sich lieber auf die Suche von was auch immer begibt, dann ist das einfach so. Amen.

E

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4 Antworten zu Alan Watts: das jetzt strömende Tao

  1. Paulette schreibt:

    guten Morgen lieber Nitya,

    „Das ist nun einmal so.“

    Dieses Argument finde ich am Besten, es ist so weise, so wahrhaftig, so ein-eindeutig.
    Mir gefällt es immer sehr, wenn ich weiß woran ich bin – schmunzel.

    „Ich möchte am liebsten nichts weiter darüber sagen, und doch ruft eine solche Aussage bei vielen einen wahren Aufruhr von Fragen hervor.“

    Ist ja komisch. Bei mir nicht. Ich bin mit – „das ist nun einmal so“ vollkommen bedient😀

    Einen sehr herzlichen Gruß in die neue Woche, sie soll ja wieder sehr heiß werden.

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    • Nitya schreibt:

      Guten Morgen, liebe Paulette,

      „Das ist nun einmal so“ – ja, damit ist wirklich schon alles gesagt. Den Rest kann man sich glatt sparen, wenn es denn nicht gerade mächtig Spaß macht, auch noch den Rest auszuwalzen. Dann ist das eben auch so.😉

      Ja, es wird heiß. *seufz* Das ist dann auch eben so.

      Dazu fällt mir wieder diese Geschichte ein:

      Die Schüler fragen den Meister: „Meister, es ist so heiß. Was können wir machen?“
      Der Meister: „Im Winter frieren wir, im Sommer schwitzen wir.“

      Vergnügte heiße Tage!
      Herzlichst
      Nitya

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  2. Elwood schreibt:

    Kleiner Filmtipp für Spiris zur Auflockerung, zum Thema:
    Es ist wie es ist und es kommt wie es kommt!

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