Nitya: Ich bin ein Vorbild


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Jünger des WEGES: Kennt ihr das mit dem Vorbild-Trick? Das ging bei mir los mit der Schande, die man der Familie nicht machen sollte. Als ich dann in die Schule kam, sollte ich bereits in der zweiten Klasse für die Erstklässler ein Vorbild sein. Und ab da hat das nie wieder aufgehört. Wo auch immer ich war, ich sollte ein Vorbild für die anderen sein und wenn es nur das war, dass ich bei rot nicht über die Straße gehen sollte, weil das ein schlechtes Vorbild für die Kinder sei. Als ich im Schuldienst war, au weia, da wurde es ganz besonders schlimm. Ich als Lehrkraft sollte dies und das, auch in der Öffentlichkeit außerhalb der Schule natürlich, Tag und Nacht, … als Therapeut begann es schon übermenschlich zu werden, nicht krank, keine Macken, allzeit gut gelaunt und ausgeglichen. Aber das Sahnehäubchen war natürlich der sog. spirituelle Weg. Da wird man ja immer wieder verdächtigt zu glauben, erleuchtet, erwacht oder sonst so’n Scheiß zu sein. Und dann kriegt man zu hören, wie so eine Lichtgestalt zu fühlen und zu denken oder nicht mehr zu fühlen und nicht mehr zu denken habe und dass man an mir glasklar erkennen könne, dass ich alles andere als erleuchtet oder erwacht sei – als ob ich je behauptet hätte, überhaupt irgendwas zu sein oder werden zu wollen.

aus dem nicht geschriebenen Tagebuch des Herrn Nitya

3In der Schule hat mal ein Pauker gesagt, ich sei ein fideler Dunkelmann und hätte es faustdick hinter den Ohren. Das hat mir immer sehr viel besser gefallen als diese Vorbildnummer. Als ich mit 5 Klavierspielen lernte, war ich sofort ein kleine Mozart, mit meinen Kritzeleien ein kleiner Picasso – irgendwann hatte ich überhaupt keine Lust mehr, irgendetwas von mir zu geben, nicht mal einen Pups; wer weiß was ich dann wieder für ein kleiner oder großer Irgendwas gewesen wäre. Wenn mich jemand ein Arschloch nennt oder einen faulen Sack oder einen Versager, fang ich sofort zu schnurren an; Gott sei Dank: Ich soll nichts Besonderes sein! Das ist wie ein Fluch, der einen durchs ganze Leben begleitet. Alles soll ich sein, nur eines nicht – das was ich bin oder nicht bin von mir aus. Es gibt da diesen netten Spruch: Vor der Erleuchtung ein Arschloch, nach der Erleuchtung ein Arschloch. Gautama Siddhartha soll sinngemäß dasselbe gesagt haben, auch wenn er sich als wohlerzogener Prinz etwas vornehmer ausgedrückt haben mag: „Durch die vollkommene, unübertreffliche Erleuchtung habe ich wahrlich nichts hinzugewonnen.“1Etwas Besonderes sein wollen bedeutet, sich in diesen elenden Konkurrenzkampf mit all den anderen Irren, die auch etwas ganz Besonderes sein wollen, zu stürzen. Nein, danke, kein Bedarf. Das ist mir zu anstrengend und außerdem bin ich viel zu faul dafür. Ein Kollege bat mich mal, für ihn einen Fingermalkurs-Nachmittag an der VHS zu übernehmen. Ich besorgte mir also ausreichend Farben und Packpapier und begab mich frohgemut in das Klassenzimmer. Jede Menge Vorschulkinder und die dazugehörigen Muttis waren da. Mir schwante nichts Gutes. Ich erzählte so’n bisschen was, dann waren die Muttis dran. Sie tupften mit spitzen Fingern in die Farbgläser und malten ihren Kleinen vor, wie man Vögel zeichnet und Wolken und Häuser. Dann sollten es die Kinderchen nachmachen. Begleitet wurde das von vielen Ermahnungen, ja keine Farbe auf die Kleider zu bringen. Ich schickte die Muttis ins nächste Cafè. Dann sollten die Kinder mal tief ins Glas greifen, sich einen Batzen Farbe rausholen und zwischen den Händen zermantschen. Nach anfänglichem Zögern machte das den süßen Kleinen sichtlich Spaß. Dann sollten sie mit beiden Händen aufs Packpapier klatschen und mit der Farbe „rumsauen“, andere Farben dazu nehmen und einfach damit machen, wozu sie Lust hatten. Nach einiger Zeit sahen die Ergebnisse aus, als hätte eine Herde Kühe draufgeschissen. Nach einer weiteren Zeit kamen da Sachen raus – also ich war bloß noch begeistert. Die nach gegebener Zeit pünktlich wieder eintrudelnden Muttis waren natürlich entsetzt, als sie die kleinen Ferkel entdeckten und wollten die Meisterwerke ihrer Kleinen keines Blickes mehr würdigen, geschweige denn mit nach Hause nehmen. Ach ja. Ich bin ein sauberes Vorbild.2Kennt ihr das nicht alle, wie anstrengend Leute sind, die irgendetwas sein wollen? Dauernd üben sie Druck aus, dass man ihre Darbietung toll finden solle. Die eine trägt beifallsheischend ihr Dekolleté vor sich her, dass man gar nicht mehr weiß, wo man noch hinschauen kann, der andere überschüttet einen als Zeichen seiner Bildung und Klugheit mit Fremdwörtern, die möglichst kein Mensch je gehört hat, andere haben ihre sportlichen oder sexuellen Meisterschaften anzubieten, … es gibt eigentlich nichts, womit man nicht angeben könnte und wenn’s die außerordentliche eigene Unfähigkeit oder das schreckliche Schicksal ist, das man zu tragen hat. Und als Krönung von det Janze natürlich die Erleuchtung. Da sind wir dann endlich ganz bei des Kaisers neuen Kleidern angekommen. Hauptsache, was Besonderes – es ist so ermüdend, so langweilig, so abgrundtief doof. Was für ein Frieden, einfach ein alter Sack zu sein. (Aber ich bin natürlich ein ganz besonderer alter Sack.)

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7 Antworten zu Nitya: Ich bin ein Vorbild

  1. Marianne schreibt:


    ich würde gerne mal zum fingerfarben-malkurs kommen …. 😉

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  2. Jens Gantzel schreibt:

    Recht hast du. Diese ich-muss-was-besonderes-sein-Geschichte nervt.
    Ich erlebe ständig Leute, die sich daran abarbeiten. Puh, wie mühselig.
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/06/13/es-grunt-so-gelb-reifen-wie-die-paprika/

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  3. Elwood schreibt:

    „(Aber ich bin natürlich ein ganz besonderer alter Sack.)“
    Stimmt, nichts besonderes zu sein unter all diesen Besonderen ist echt was Besonderes… He,He

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  4. zaungast schreibt:

    MEIN Dekollté, MEINE Bildung, MEIN Sport, MEIN Sex, MEINE Unfähigkeit, MEIN schweres Schicksal, MEIN Leiden, MEINE Erleuchtung… ICH bin JEMAND und echt was besonderes!
    Wie schön, damit MEIN tiefes, inneres Loch (vermeintlich) zu stopfen… ein Fass ohne Boden – aber davon will ich nix wissen, bin ja damit beschäftigt jemand oder etwas zu sein und oben am Fass alles mögliche Zeugs hineinzuwerfen😉

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