Liä Dsi: Warum sollte ich traurig sein?


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Unter den Leuten von We lebte ein Mann namens Wu vom Osttor. Als sein Sohn starb, ward er nicht traurig. Da sprach sein Hausverwalter zu ihm: „Auf der ganzen Welt gab es keinen Menschen, der seinen Sohn so liebte wie Ihr. Nun Euer Sohn gestorben ist, warum seid Ihr nicht traurig?“ Wu vom Osttor sprach: „Es gab eine Zeit, da ich immer ohne Sohn war, und in jener Zeit, da ich noch keinen Sohn hatte, war ich nicht traurig. Nun ist mein Sohn gestorben, und es ist wieder ebenso wie früher, da ich noch keinen Sohn hatte. Was sollte ich da traurig sein?“

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

TErzähl mal die Geschichte in deinem Bekanntenkreis. Du wirst wohl keinen Beifall dafür bekommen. Wahrscheinlich wird jeder das Verhalten des We vom Osttor als herzlos und unmenschlich bezeichnen. Ja, wird man vielleicht sagen, mag ja sein, dass das logisch ist, aber es ist auch eiskalt. Die Geschichte ließe sich auch übertragen auf einen Mann, der eben von seiner Liebsten wegen eines anderen Kerls verlassen wurde, oder auf eine Frau, die ihren Liebsten an eine andere Frau verloren hat. Warum sollten sie traurig sein oder wütend oder voller Anklagen und Vorwürfe? Ein Auto fährt an dir vorbei. Bevor es auftauchte, gingst du vergnügt ein Liedchen pfeifend die Straße entlang. Warum solltest du nicht ebenso dein Liedchen pfeifen, nachdem das Auto an dir vorbei gefahren ist? Weil das Auto keine Spuren in dir hinterlassen hat, wirst du vielleicht sagen.

Ist nicht gerade das eine Beschreibung des Weisen, dass er keine Spuren hinterlässt und nichts irgendwelche Spuren auf ihm?

So ein Schmarrn! Wenn mir ein Vogel auf den Kopf scheißt, hat er seine Spur auf mir hinterlassen. Wenn ich hinfalle und unglücklich stürze, hat das seine Spur hinterlassen. Wenn ich beim Einparken ein anderes Auto touchiere, habe ich eine Spur hinterlassen. Wenn ich ein Kind zeuge, habe ich eine Spur hinterlassen. Kurz: Allein meine Existenz sorgt dafür, dass ich ständig Spuren hinterlasse und die Welt ständig ihre Spuren auf mir hinterlässt. Ja aber, könnte jetzt jemand denken, das ist doch alles nur äußerlich. In meinem Inneren kann mich nichts berühren. Pustekuchen! Als ob es einen Unterschied zwischen dem Äußeren und dem Inneren gäbe! Was ist das nur für eine absurde Ideologie! Es rennen schon genug Zombies auf der Welt rum, ich muss ihre Zahl nicht auch noch dadurch vergrößern, indem ich mich „buddhistisch“ oder „taoistisch“ oder sonst wie beknackt verhalte. Immer dieser absurde Drang, „über den Dingen“ stehen zu wollen. Immer dieser verhängnisvolle Wahnsinn, übernatürlich sein zu wollen. Oder handelt es sich hier vielleicht einfach um ein totales Missverständnis?

Ich kenne kaum eine Geschichte, die das so schön illustriert wie die, die ich schon einmal erzählt habe. Kurz zur Erinnerung: Der Meister eines Meisters war gestorben und der Meister, der sein Schüler war, weinte. Er wurde von seinen Schülern gefragt, warum er denn weine. Schließlich habe er ihnen doch gesagt, dass es keinen Tod gäbe. Der Meister antwortete, dass er das sehr wohl wisse, aber seine dummen, dummen Augen, die den verstorbenen Meister so geliebt hätten, wüssten das nicht. Sie wüssten nur, dass sie diesen wundervollen Mann nie wieder sehen würden. Was sollte er machen? Die Augen weinten und er -ließe sie weinen. Das ist zutiefst menschlich – und tierisch natürlich auch. Gestern bin ich über ein Filmchen gestolpert, dass das schön zum Ausdruck bringt. Eine Frau hatte junge Wölfe groß gezogen und sie ausgewildert. Irgendwann treffen sie wieder aufeinander:

Die griechischen und römischen Götter waren in ihrem Verhalten immer zutiefst menschlich. Das hat was. Das hat die Menschen gar nicht erst auf die absurde Idee gebracht, übermenschlich sein zu wollen. Mensch zu sein ist vollkommen genug. Diese Welt- und Selbstverbesserer machen alles so grauenhaft kompliziert und anstrengend. Nein, das hat aus meiner Sicht nicht das Geringste mit dem zu tun, was die alten Ch’an-Meister weiterzugeben versuchten. Sie waren allesamt weder Verhaltenspsychologen noch Moralapostel. Warum hat Liä Dsi die Geschichte dann überhaupt erzählt? Ich vermute, dass er damit auf das hinweisen wollte, was „kein Ding“ ist, auf das, was weder geboren wird noch sterben kann, das, was das in Erscheinung tretende Geschehen einfach bezeugt. Dieser sog. Zeuge hat jedoch nichts mit einem stoischen Verhalten zu tun oder gar mit der Unberührbarkeit eines Zombies. Für diesen „Zeugen“ ist es völlig gleich gültig, wie wir uns verhalten. Er „nimmt uns einfach so an“, wie wir sind. ecce-homoEinfach ein gewöhnlicher Mensch zu sein, ist vollkommen genug. „Drum ist all sein Streben nur ein Selbstbetrug.“ (BB)

Der Allumfassende Geist ist nichts anderes als der Buddha und der Buddha ist nichts anderes als ein fühlendes Wesen. Wenn der Allumfassende Geist die Gestalt eines fühlenden Wesens annimmt, hat er sich in keiner Weise verringert. Wenn er ein Buddha geworden ist, hat er nichts zu sich hinzugefügt. (Huang-po)

 

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2 Antworten zu Liä Dsi: Warum sollte ich traurig sein?

  1. fredo0 schreibt:

    Ich erinnere ein Treffen mit Ramesh Balsekar , in dem er selber folgendes erzählte :
    Bei einem anderen Treffen mit Besuchern , schon vor einigen Jahren , hatte er die Nachricht erhalten , das sein Sohn ( damals gerade etwa 40 ) so eben gestorben sei , und er daraufhin vor seinen Besuchern bitterlich zu weinen begann .
    Nach einiger Zeit und nachdem sich Ramesh entschloss das Treffen weiterzuführen , fragte ihn ein Besucher : „Ramesh … du erzählst uns doch , dass alles , was geschieht nur eine Illusion ist , warum hast du dann so bitterlich geweint ?“
    Er antwortete :“weil die Nachricht des Todes eines Kindes die schmerzhafteste und traurigste aller Illussionen ist .“

    ein wahrlich menschlicher Mensch.

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  2. Eno Silla schreibt:

    traurig oder nicht traurig
    all das überkommt mich ganz spontan
    so auch dieses (m)ich

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