Hadewijch von Antwerpen: weiter als weit


H
Alle Dinge
sind mir zu enge –
ich bin so weit!

Um eines Ungeschaffenen
habe ich begriffen
in Ewigkeit.

Ich habe es aufgegeben.
Es hat mich befreit
weiter als weit!

Mir ist zu eng
allenthalben,
das wisst ihr wohl,
die ihr auch dort seid.

Hadewijch von Antwerpen

„Die ihr auch dort seid.“ Wenn du nicht dort bist, versuch‘ um Gottes willen nicht dorthin zu kommen, wo du nicht bist. Es ist absolut nichts verkehrt daran, dort zu sein, wo du bist. Huang-po sagt: „Euer Wahres-Wesen ist euch niemals verlorengegangen, selbst nicht in den Augenblicken der Täuschung, noch wird es im Augenblick der Erleuchtung gewonnen. Auch wenn du glaubst, nicht dort zu sein, auch in den Augenblicken oder halben Ewigkeiten der Täuschung wird dein wahres Wesen niemals verloren gehen. Du kannst nur da sein wo du bist.

Wenn Hadewijch sagt „Alle Dinge sind mir zu enge – ich bin so weit!“, dann fand sie das in sich vor. Was sollte sie machen? Es war einfach so. Und Meister Eckhart hätte dies vielleicht ergänzt mit dem Hinweis: „Wäre das Wort ‚Danke‘ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.“ Im Falle dessen, was Hadewijch da vorfand, ist das „Danke“ vielleicht nachvollziehbar, wie aber ist es mit dem, was Rumi am Endes seine Gasthaus-Gedichtes beschreibt, wie ist es mit den düsteren Gedanken, Scham, Gemeinheit, wird es auch da geschehen: „Den düsteren Gedanken, Scham, Gemeinheit – geh und empfange sie an deiner Schwelle, lachend, und lass sie ein. Sei dankbar für jeden, der da kommt. Denn jeder wurde zu dir gesandt von dorther, um dich zu leiten.“ Ich schrieb „geschehen“ und nicht befolgen, was Rumi da empfiehlt. Denn das ist wohl kaum machbar. Dankbarkeit ist eine innere Haltung und kein „Sag danke, liebe Tante!“ Letzteres ist machbar und fühlt sich an wie pfui Spinne.

K

Jemand war so wütend, dass er einen Totschlag begangen hat. Kann er jetzt Dankbarkeit fühlen? Jemand liegt mit Krebs auf der Intensivstation. Kann er Dankbarkeit fühlen. Jemand hat seinen geliebten Lebenspartner verloren. Kann er sich dankbar fühlen? Nein, als Aufforderung kann das nicht funktionieren. Das wäre bestenfalls reine Heuchelei. Aber Rumis „Aufforderung“ kann vielleicht dazu führen, Dankbarkeit überhaupt einmal als Möglichkeit wahrzunehmen.

„Ich habe es aufgegeben.“ sagt Hadewijch. Aufgegeben, das zu bekämpfen, was ist? Und sie fährt fort: „Es hat mich befreit – weiter als weit!“ Das Aufgeben schafft diesen Platz, weiter als weit. „Es hat mich befreit.“ Aber auch dieses Aufgeben ist nicht machbar. Auch das wird vorgefunden – oder auch nicht.AHmm, wie wäre das denn eigentlich, wenn ich wirklich für alles dankbar wäre?

Ich habe es aufgegeben.
Es hat mich befreit
weiter als weit!

 

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3 Antworten zu Hadewijch von Antwerpen: weiter als weit

  1. Ronny schreibt:

    ja, sehr schön. Danke

    Gefällt mir

  2. Brigitte schreibt:

    Gefällt mir

  3. Paulette schreibt:

    lieber Nitya,

    manche deiner Texte haben diese Wirkung auf m(ich).

    Der Kaffee schmeckt plötzlich intensiver während alles andere stiller wird.

    Auch der Text von Ronny, den ich bei der ersten Tasse Kaffee las, hatte heute diese Wirkung auf m(ich).

    http://rameshwara.de/aufgeben/

    Euer Zusammenspiel hat m(ich) angehalten.

    Es fühlt sich wunderbar an.

    Danke dafür

    Gefällt mir

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