Jed McKenna: memento mori


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Kein Glaube ist wahr, das Leben hat keine Bedeutung, nichts was wir tun, ist von Belang. Alles ist Nichtigkeit und Haschen nach dem Wind. Wir werden sterben, und es wird sein, als hätten wir nie gelebt. Alles was wir für wahr halten, ist falsch, all unsere Glaubensinhalte sind nur Trug, und alles, was wir wissen, ist eine Lüge. So etwas wie Erfolg gibt es nicht, nichts, was wir tun, vermag etwas zu ändern, egal, wie schnell wir laufen oder wie weit wir voraus sind, wir gehen nirgendwohin. Die Besten und Klügsten liegen im Tode gleichauf mit den Schlechtesten und Dümmsten. Das sind die Tatsachen des Lebens, simpel, offenkundig, deutlich sichtbar und dennoch von allen unerkannt und uneingestanden. Das bedeutet es, zu sehen, was nicht ist, und nicht zu sehen, was ist, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen, im Traumzustand zu schlafen, im Mutterleib der Ungeborenen zu weilen. Wir haben eine verrückte, verzweifelte Angst vor der Wahrheit, und diese Angst ist es, die uns wie eine Mauer von unserer grenzenlosen Natur trennt. Es ist die emotionale Energie der Angst, die jenes egohafte Gebäude erbaut und instand hält.

Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“

„Wir werden sterben, und es wird sein, als hätten wir nie gelebt.“ All unsere Vorstellungen darüber, was wir noch erreichen oder zumindest dermaleinst unserer Nachwelt hinterlassen könnten, sind alle ganz eitel und Haschen nach Wind, wie das der Prediger Salomo ausgedrückt hat. Ist das wahr? Ist es wirklich wahr, dass all unsere umtriebigen Geschäftigkeiten in erster Linie dem Versuch geschuldet sind, dass wir nicht wahrhaben wollen, dass das, was wir „wir“ nennen, nur ein kurzes Aufleuchten in der Dunkelheit des Nichts ist, das, kaum gesehen, schon wieder spurlos und für immer verschwunden ist? Ist es wahr, dass alle Religionen, all unsere sog. spirituellen Anstrengungen nur diesem einen Zweck dienen, blind gegenüber der Tatsache zu sein, dass wir Sterbliche sind und keine unsterblichen Götter? Ist es wahr, dass all unsere Bemühungen zu erwachen, nur besonders wirksame Schlaftabletten sind?

„Gott ist tot.“ sagt Nietzsche. Ist uns bewusst, dass auch wir tot sind, wenn Gott tot ist? Ist uns bewusst, dass es sich in beiden Fällen um reine Vorstellungen handelt? Wenn ein römischer Feldherr im Triumphzug durch Rom fuhr, so stand hinter ihm ein Sklave, der ihm einen Lorbeerkranz über sein Haupt halten und dabei ständig wiederholen musste: „Memento moriendum esse!“ Man könnte diese Symbolik übersetzen mit: „Nu werd bloß nicht übermütig! Sei dir bewusst, dass auch du wie wir alle sterben musst! Und im Tod sind wir alle gleich.“ Eigentlich müsste hinter jedem von uns so ein Sklave stehen. Immerhin ist Jed McKenna so ein Sklave, der uns „brutal“ daran erinnern will, dass wir nur eingebildete Idioten sind, die nicht sehen wollen, dass wir schon längst tot sind.

mmÜberflüssig, sich jetzt umzubringen. Toter als tot geht einfach nicht. Tot ist jedoch genauso eine Vorstellung wie die, dass wir leben. Und zu bedenken wäre auch in diesem Zusammenhang, was Jed McKenna da noch sagt: „Wir haben eine verrückte, verzweifelte Angst vor der Wahrheit, und diese Angst ist es, die uns wie eine Mauer von unserer grenzenlosen Natur trennt.“



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8 Antworten zu Jed McKenna: memento mori

  1. fredo0 schreibt:

    Wei Wu Wei war ja das Pseudonym des Terence Gray .
    In den letzten Jahren seines Lebens benutze er die dreifache 0 . 000 .
    „Hinterlasse keine Spuren“ ist ein Hinweis der Taoisten .

    mir scheint , ein guter Rat.

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  2. Nitya schreibt:

    s

    Zugehen tut’s bei den Schwarzstörchen! Die Geschwister streiten und der oder die Alte (?) geht dazwischen. Genau wie bei uns Menschlein.

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  3. Baboji schreibt:

    „Kein Glaube ist wahr, das Leben hat keine Bedeutung“ – Jed

    Nun auch „keine Bedeutung“ ist eine Bedeutung. Eigentlich lässt der gute Jed McKenna einfach nur den Nihilisten raushängen. Und das ist er ja überhaupt nicht, sonst hätte er keine „spirituelle Ranch“ mit einer Gemeinde.

    „Überflüssig, sich jetzt umzubringen. Toter als tot geht einfach nicht. Tot ist jedoch genauso eine Vorstellung wie die, dass wir leben“ -Nitya

    Eben. Gut gesagt. Selbst diejenigen, die so vehement FÜR den Selbstmord waren, wie etwa der Philosoph E.M. Cioran (den ich aber sehr schätze) haben sich nicht selbst umgebracht. Was sollte das auch bringen? Ob man jetzt ein paar Jährchen früher abdankt interessiert das Zeitlose herzlich wenig. So oder so, der Zeitpunkt des Todes ist perfekt. „Tod, wo ist dein Stachel?“.

    Ich finde tot(alität) sein super🙂

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  4. Brigitte schreibt:

    WACHE
    Eine ganze Nacht lang
    hingeworfen
    neben einem hingemetzelten
    Kameraden
    mit seinem gefletschten
    Mund
    dem Vollmond zugewandt
    mit dem Blutandrang
    seiner Hände
    der in mein Schweigen
    einbrach
    habe ich Briefe geschrieben
    voll von Liebe
    Nie bin ich so sehr
    am Leben
    gehangen

    Giuseppe Ungaretti

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