Liä Dsi: dein Leben ist nicht dein Eigen

CSchun (der große Herrscher) fragte den Dscheng und sprach: „Kann man den Sinn des Weltgeschehens sich zu eigen machen?“ Der sprach: „Nicht einmal dein Leib ist dein Eigentum, wie willst du dir da den Sinn zum Eigentum machen?“ Schun sprach: „Wenn mein Leib nicht mein Eigentum ist, wessen Eigentum ist er denn dann?“ Jener sprach: „Er ist die Form, die Himmel und Erde dir zugeteilt. Dein Leben ist nicht dein Eigen, es ist das Gleichgewicht der Kräfte, das Himmel und Erde dir zugeteilt. Deine Natur und dein Schicksal sind nicht dein Eigen, sie sind der Lauf, den Himmel und Erde dir zugeteilt. Deine Söhne und Enkel sind nicht dein Eigen, sie sind die Überbleibsel, die Himmel und Erde dir zugeteilt. Darum: Wir gehen und wissen nicht wohin, wir bleiben, und wissen nicht wo, wir essen und wissen nicht warum: Das alles ist die starke Lebenskraft von Himmel und Erde: Wer kann sich die zu eigen machen?“

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

Da fällt mir natürlich gleich der mittelalterliche (?) Spruch aus deutschen Landen ein, der in verschiedenen Versionen herumgeistert:

Ich bin und weiß nicht wer.
Ich komm – weiß nicht woher.
Ich geh – weiß nicht wohin.
Was Wunder, dass ich fröhlich bin!

Wie könnte man angesichts der völligen Unkenntnis der eigenen Existenz und seiner Bedingungen fröhlich sein? Die einen wundern sich über ihre Fröhlichkeit, die anderen sehen genau in diesem Nichtwissen den Grund für ihre Fröhlichkeit.

In der kleinen Geschichte von Liä Dsi fragt der große Herrscher den Dscheng, wie man sich den Sinn des Weltgeschehens zu eigen machen könne. Vielleicht hoffte er, dass er den Lauf des Weltgeschehens in seinem Sinn verändern könne, wenn er nur den Sinn in dem Ganzen erkennen könnte.

 
Aber so, wie im „Großen Diktator“ der Traum vom Herrscher der Welt jählings platzte, versucht auch Dscheng den Traum von Schun zum Platzen zu bringen. Ob ihm das gelungen ist, hat uns Liä Dsi nicht verraten. Ich habe da meine Zweifel. Der Glaube an die Möglichkeit der Veränderung der Lebensbedingungen ist geradezu unausrottbar in der menschlichen Natur verankert. Dass wir die Fähigkeit besitzen, unsere Lebensbedingungen zu verändern, scheint sich ja auch immer wieder zu bestätigen. Scheint, und das fällt in den Zuständigkeitsbereich der Mahamaya, die diese ganze Traumwelt in Erscheinung treten lässt.

M

Salvador Dali meinte: „Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes.“ Ramana Maharshi sah es so: „Das Ergebnis all dessen ist, dass die Erscheinungen der Welt real sind, wenn sie als das Selbst erfahren werden und illusionär, wenn sie als getrennt vom Selbst wahrgenommen werden.“

Vielleicht ist das der hartnäckigste Traum, dass dein Leben dein eigen ist.

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