P’ien: Ich kenn’s zwar, aber ich kann’s nicht sagen.


Rad

Herzog Huan saß einmal oben in seinem Saal und las ein Buch, während unten der Radmacher P’ien ein Rad anfertigte. Nach einer Weile legte P’ien Hammer und Hobel beiseite, stieg die Treppe hinauf und sagte: „Ich wage es, Euer Durchlaucht eine Frage zu stellen: Was für Worte lest ihr da?“ Der Herzog antwortete: „Die Worte von Weisen.“ – „Leben diese Weisen noch?“ – „Sie sind tot.“ – „Dann ist also das, was Ihr, mein Herrscher, da lest“, fuhr P’ien fort, „nur der Bodensatz und die Überbleibsel von jenen Alten.“ – Der Herzog sagte: „Was willst du, ein Radmacher, irgendeine Meinung zu dem Buch haben, das ich hier lese? Wenn du mir das erklären kannst, sehr gut; wenn nicht, wirst du sterben müssen. Ich werde dich töten.“ Er war richtig empört. Das ging zu weit! Da kommt so ein Radmacher zu seinem Fürsten gelaufen und sagt: „Alles was du liest, ist nichts als Bodensatz und die Überbleibsel von alten toten Männern!“

Der Radmacher sagte: „Dein Diener betrachtet die Sache vom Standpunkt seiner eigenen Kunst. Wenn ich Räder baue und es vorsichtig angehe, sodass es angenehm für mich ist, wird die ausgeführte Arbeit aber nicht stabil genug. Wenn ich es zu grob angehe, wird’s anstrengend und dann passen die Teile nicht ineinander. Nur wenn meine Handbewegungen weder zu vorsichtig noch zu grob sind, kann ich das umsetzen, was mir vorschwebt. Aber was sich da genau abspielt, vermag ich nicht in Worten auszudrücken. Wie diesen absoluten Mittelpunkt zwischen Mühe und Mühelosigkeit, zwischen Tun und Nichttun zu erreichen, vermag ich nicht in Worten auszudrücken; da ist ein Kniff dabei, aber ich kann ihn nicht beschreiben. Ich kenn’s zwar, aber ich kann’s nicht sagen.“

aus: Osho, „The Pathless Path“

Da ist einmal dieser absolute Mittelpunkt zwischen Mühe und Mühelosigkeit, zwischen Tun und Nichttun und zum anderen die Hilflosigkeit, die Kunst, diesen absoluten Mittelpunkt zu leben, einem anderen vermitteln zu können.

Ich muss gerade an diesen Mann denken, der mich einmal ziemlich verzweifelt bat, ihm zu erklären, wie man eine Frau verführen könne. Ich merkte, wie ich mich am liebsten vom Acker gemacht hätte, weil ich wusste, dass ich ihm das Gewünschte nicht liefern konnte. Es gibt genug Ratgeber auf dem Markt, in denen das Prozedere ganz genau beschrieben wird. Der Mann hatte sie auch massenweise studiert, aber nichts hatte ihm geholfen und so wurde er immer unbeholfener bei seinen Versuchen.
BWie hätte ich ihm denn „den Kniff“ beipulen können? Wobei ich sagen muss, dass ich „Kniff“ hier für einen saublöden Begriff halte. Ein Kniff ist so etwas wie ein Trick und den könnte man durchaus vermitteln. Ich denke dabei an einen Zauberer, der seine Tricks nicht verrät, weil sie ihn sonst brotlos machen würden. Nein, hier handelt es sich um keinen Kniff und keinen Trick. Hier handelt es sich um etwas, was aus der Mitte eines Menschen auftaucht oder eben nicht auftaucht. Man kann es also weder vermitteln noch lässt es sich imitieren. Es ist überhaupt nicht machbar. Die Ratgeber hätten dem Mann empfohlen, seiner Angebeteten ein wohlduftendes Schaumbad herzurichten, sanfte Musik ertönen zu lassen, eine Flasche Sekt, … bla bla bla …. Das wäre für mich ein Kniff, ein Trick. Vielleicht gäbe es sogar Frauen, die dieses Spiel mitgespielt hätten, weil sie es so im Fernsehen schon mal gesehen hatten und nun meinen, das müsse so gehen.

Der absolute Mittelpunkt zwischen Mühe und Mühelosigkeit ist nichts, was die messbare Mitte zwischen zwei Punkten wäre, insofern ist auch dieser Begriff irreführend. Aber wie könnte man es sonst beschreiben? Wie wäre es denn damit: Gar nicht. Und das Einzige, was vielleicht sagbar wäre, wäre dieses „Spüren Sie’s?“ von meinem alten Kunstdozenten. Ohne dieses Spüren, ohne Rumis „Denn jeder wurde zu dir gesandt von dorther, um dich zu leiten.“ sind wir alle verloren, helfen uns alle unsere Tricksereien keinen Millimeter weiter. Und dieses Spüren kann nur jeder bei sich selbst entdecken.das

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16 Antworten zu P’ien: Ich kenn’s zwar, aber ich kann’s nicht sagen.

  1. fredo0 schreibt:

    Ich bin beruflich viel unterwegs … bereise ganz deutschland , um meine kunden , zumeist in den innenstädten , zu besuchen .
    irgendwann ist mir aufgefallen ( habe ich „bemerkt“ ) , dass ich immer einen parkplatz habe … ich finde ihn nicht , ich „habe“ ihn bereits …
    seit jahren schon , ob jetzt beruflich oder privat unterwegs , oft sehr zur verblüffung meiner jeweiligen begleitung , ist dieser parkplatz stets „da“ .
    es ist noch nichtmal so etwas wie gewissheit , obwohl es sich sehr ähnlich anfühlt , … dieser parkplatz ist einfach stets „da“ .
    es ist kein trick oder kein „wunsch ans universum“ … es ist eigentlich gar nicht erklärbar … was aber auch nicht notwendig ist , denn „er“ ist einfach immer „da“ …
    und das wurde einfach irgendwann „bemerkt“ ….

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    • Nitya schreibt:

      Ich beneide dich hemmungslos.

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      • fredo0 schreibt:

        ich denke , wenn ich jetzt mal trotzdem drüber nachdenke , das es halt kein wunsch (ans universum ) aus einem mangel heraus ist , sondern eine art vertrauen in die fülle . so dass er ( mein ) parkplatz halt auch (!) da sein wird .
        gespeist wird das durchaus auch aus dieser merkwürdigen „unbezweifelbarkeit“ , die mein leben zu durchfluten begann .

        diese „unbezweifelbarkeit“ scheint mir recht artverwandt zu sein , zu dem was da „leitet“ im zitat des Rumi
        „““Denn jeder wurde zu dir gesandt von dorther, um dich zu leiten.”““

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      • Nitya schreibt:

        Na ja, wenn ich vier mal um den Block fahren muss, bis ich einen Parkplatz finde – werde ich da nicht geleitet?

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  2. Eno Silla schreibt:

    ich kenns auch
    und kanns nicht sagen
    es ist der feuerfeste platz
    in der hölle
    den schopenhauer so benannte
    auch ralph boes scheint den zu kennen
    wäre er sonst zu dem in der lage
    worüber er hier berichtet:

    mögen unsere politiker
    mögen alle menschen
    rumis satz verstehen
    bevor r. b. verhungert ist:
    “Denn jeder wurde zu dir gesandt von dorther, um dich zu leiten.”

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    • Nitya schreibt:

      Sascha Lobo: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/griechenland-und-die-folgen-mein-europa-ist-kaputt-lobo-kolumne-a-1043779.html

      Der gefährlichste Mann Europas, David Cameron, steht kurz davor, faktisch WhatsApp und iMessage zu verbieten sowie insgesamt Privatnachrichten, die die Bezeichnung „privat“ auch verdienen. Das dazugehörige Zitat des britischen Premierministers lautet:

      „Wollen wir in unserem Land Kommunikationsmittel zwischen Menschen erlauben, die wir [als Staat] nicht lesen können? Meine Antwort auf diese Frage ist: Nein, wir dürfen das auf keinen Fall erlauben.“

      Das ist ein Zitat, das Stalin nicht totalitärer hätte formulieren können. Ich empfinde diese Aussage als Katastrophe, als Aufkündigung ungefähr jeden Wertes, den ich mit einem demokratischen Europa verbinde: die Abschaffung nicht nur der Privat- sondern auch der Intimsphäre, die Abschaffung einer freien, also unüberwachten Presse, die Abschaffung der Meinungsfreiheit, die es nur geben kann, wenn man sich nicht vom Staat allüberwacht fühlen muss.
      ________________________________________________

      Hat mir schon mein Vater als kleinem Knirps verklickert: Der gefährlichste Feind für den Einzelnen ist der Staat. Jeder Staat.

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      • fredo0 schreibt:

        wow … ist das ein echtes zitat von herrn cameron ? …. die werden ja immer besoffener von ihrer macht … unglaublich

        und es zeigt geradezu entblössend wie sehr sie getrieben sind von der angst …
        von der angst des kontrollverlustes … arme schweine

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      • Nitya schreibt:

        Wenn jemand mit Detektei Argusauge seine schöne Frau beschatten lässt, die er im Verdacht hat, eigene Wege zu gehen, fürchtet er auch seinen Machtverlust. Warum sollte ein David Cameron anders ticken als Otto Normalverbraucher. So verschieden sind „die da oben“ gar nicht von gemeinen Leuten, wie viele zu denken scheinen. Die haben bloß mehr Möglichkeiten ihren Wahnsinn auszutoben.

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      • Eno Silla schreibt:

        Mir fehlen die Worte all DAS (Entsetzliche) zu kommentieren, ich finde immer wieder Trost und Ruhe in der Musik:

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      • Brigitte schreibt:

        for you Eno…

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      • Eno Silla schreibt:

        Ahh wundervoll, liebe Brigitte, und ich schließe mich Nina Simone an:
        I know how it feels to be free!
        Heute hatte ich einen so schönen freien Sommernachmittag. Auf dem Fahrrad durch die Landschaft gleitend… Und was ist mir begegnet? Ein Fischadler. Ja, ich durfte einem Fischadler bei der Jagd nach lecker Fisch zuschauen. Wußte garnicht, dass es hier Fischadler gibt. Er nutzte einen Strommast als Ausguck. Der Strommast befand sich neben einem kleinen Flüßchen, der Neetze. Als ich diesen Adler, der etwa 200 m von mir entfernt war betrachtete, tauchte im Hintergrund ein anderer Greifvogel auf. Ein Schwarzmilan, dem ich kurz folgte, überwältigt von diesem Zusammentreffen. Für einen Moment hatte ich den Fischadler nicht im Blick. Als ich mein Glas wieder auf ihn richtete sah ich grade noch, wie er aus dem Wasser hochflog, sich im Flug schüttelte und dann hinter einer Baumreihe verschwand… Ich konnte nicht sehen, ob er einen Fisch in den Fängen hatte. Da er aber verschwunden blieb, nehme ich an, dass er seine Beute irgendwo verspeiste.
        Ein glücklicher, freier Tag!
        Liebe Grüße
        Eno

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      • Brigitte schreibt:

        Ja, es ist Schönheit pur zu sehen, dass alles in sich frei ist.

        Ich hab es gern, wenn du von deinen Ausflügen erzählst. Mir ist dann so, als wäre ich dabei gewesen:-)

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      • Eno Silla schreibt:

        Freiheit bedeutet
        Vor nichts und niemanden
        Angst haben
        Und wenn Angst
        Dann nicht in die Hose zu scheißen
        Und wenn doch
        Dann nicht dadurch noch
        In Panik zu geraten
        Und wenn doch
        dann und dann und dann
        ..
        .
        Bedeutet überhaupt irgendetwas etwas
        Und wenn überhaupt
        Dann doch alles andere auch

        Ach, was ist das doch
        Alles
        Quatsch

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      • Brigitte schreibt:

        auch ne coole Version von Bobby McGee.

        ja keine Angst vor der Angst zu haben. sich von der Intensität der puren Lebendigkeit auffressen lassen. wow, was kann es Schöneres geben:-)

        Bei ‚Alles Quatsch‘ fällt mir sofort der Bullshit-Text aus dem Buch von Jed McKenna ein. Der ist einfach zu geil! Ach was, ich schreib ihn nochmal hier rein, weil’s grad so schee is:

        „Weißt du noch, als ich sagte, dass ich dir das Leben erklären würde, Kumpel? Nun mit dem Leben ist es so: Es wird sonderbar. Die Leute sprechen von der Wahrheit. Jeder weiß andauernd, was die Wahrheit ist, als wäre es Toilettenpapier oder so und als hätten sie einen ganzen Vorrat davon im Schrank. Was du aber lernst, wenn du älter wirst, ist: Es gibt gar keine Wahrheit. Alles, was es gibt ist Bullshit, verzeih mir wenn ich vulgär klinge. Ganze Schichten davon. Eine Schicht aus Bullshit über der anderen. Und was du im Leben machst, wenn du älter wirst, ist: Du suchst dir die Schicht Bullshit aus, die dir am liebsten ist, und das ist dann sozusagen dein Bullshit. -Bernie LaPlante, Ein ganz normaler Held

        „Freedom is just another word for nothing left to lose“

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      • Eno Silla schreibt:

        hier ist dieses super zitat mal im original:

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