zweimal Mahakashyapa


0Mahakashyapa hielt strikt die Übungen der Enthaltsamkeit ein. Er legte jegliches Interesse an Nahrung, Kleidung und Behausung ab und lebte ein einfaches Leben, beschränkt auf das Notwendigste. Er befolgte die
zwölffachen Übungen, die auf die Beseitigung aller Bindungen ausgelegt sind.

1. An einem ruhigen Ort fernab von menschlicher Zivilisation üben.
2. Nur Nahrung zu sich nehmen, die durch Betteln erworben wurde.
3. In einer strikten Reihenfolge von Tür zu Tür betteln, keine auslassen.
4. Die Almosen auf eine Mahlzeit am Tag beschränken.
5. Sparsam essen.
6. Nachmittags nichts mehr essen.
7. Kleidung aus weggeworfenen Lumpen fertigen.
8. Nur die Gewänder besitzen, die von Shakyamuni vorgeschrieben sind.
9. Auf einem Friedhof leben.
10. Unter einem Baum in einem ruhigen Wald leben.
11. Auf unbebautem Land sitzen.
12.  Nur sitzen, sich nicht hinlegen.

Die folgende Anekdote beschreibt das Ausmaß, in dem Mahakashyapa die Regeln befolgte:

„Als ich in ein Dorf kam, um dort zu betteln, näherte ich mich höflich einem sehr kranken Mann, der seine alte Hand, die eine kleine Menge Reis enthielt, öffnete. Als der Mann den Reis in die Schale warf, fiel auch einer seiner faulen Finger in die Schale. Ich setzte mich neben einen Zaun und aß die Mahlzeit. Danach war ich von einem Gefühl der Dankbarkeit erfüllt.“llEines Tages, während einer Predigt auf dem Geier-Berg, hielt Shakyamuni Buddha vor der Versammlung eine Blume in seiner Hand und sprach nicht. Niemand schien zu wissen, was diese Geste bedeutete, aber Mahakashyapa lächelte. Der Buddha sagte: „Der Schatz vom Auge des Wahren Dharmas, der Wunderbare Geist des Nirwana; nur Mahakashyapa versteht.“ Dieses Ereignis markiert den Anfang der Ch’an-Linie und die Meister-zu-Schüler-Übermittlung, die bis zu diesem Tag besteht.BWie soll ein Mensch diese zwei Geschichten zusammenbringen können? Also offen gestanden mag ich die erste Geschichte nicht und zwar kein bisschen. Nicht nur, dass ich keine abgefallenen, faulen Finger in meinem Essen leiden kann, und außerdem erscheint mir der ganze Ansatz völlig hirnrissig und krank zu sein. Also wenn das Buddhismus sein soll, dann scheint mir das eine Religion für sehr kranke Masochisten zu sein. Nur sitzen, sich nicht hinlegen: Wenn sie sowas in Guantanamo praktizieren, würde mich das nicht wundern. „Kleidung aus weggeworfenen Lumpen fertigen.“ Nee, also wirklich, das muss ich nicht haben. Und mit solchen Methoden soll Erleuchtung erreicht werden können? Merkwürdig, dass sich die Religionen immer solche abartigen Heiligengeschichten ausdenken müssen. Noch merkwürdiger, dass so viele Menschen ehrfurchtsvoll solche Geschichten glauben.

Ich weiß nicht, ob sich die zweite Geschichte so zugetragen hat. Aber ich finde, das ist eine feine Story. Dass diese Version den Anfang der Ch’an-Linie markieren soll, leuchtet mir jedenfalls völlig ein. Alles, was mit irgendwelchen Idealen und Methoden, wie diese zu erreichen seien, hat aus meiner Sicht nicht das Geringste mit dem zu tun, wofür die Blume in Buddhas Hand steht. Armut, Gehorsam, Keuschheit … mir reichen noch meine evangelisch-lutherischen Internatserfahrungen. Ich muss gerade an Griechenland denken und die Auflagen der Troika. Immerhin, vögeln dürfen sie noch, falls sie nicht schon so geschwächt sind, dass sie dazu auch schon keine Lust mehr haben. Osho hat vermutlich mit seinen 93 Rolls Royces versucht, gegen diesen Wahn anzustinken. Nein, er wollte keine Religion für die Reichen kreieren, er wollte nur auf diesen Irrsinn hinweisen, dass Das Wahre irgendetwas mit Idealen zu tun habe. Das Wahre ist absolut amoralisch. Da es das ist, lässt es sich jedoch nicht mehr als Herrschaftsinstrument verwenden. Kein Wunder also, dass alle organisierten Religionen Ideale predigen und den Zugang zum Wahren verunmöglichen wollen.

Ich muss gerade an die „De Molays“ denken, diese in den USA erfundene Jugendorganisation der Freimaurer, in der ich mal mein Unwesen trieb. Wir bekamen aus den USA sieben Tugenden auferlegt, die wir immer anstreben sollten, auch wenn wir sie nie vollkommen erreichen können würden: „Liebe zu den Eltern, Ehrfurcht vor heiligen Dingen, Höflichkeit, Kameradschaft, Treue, Sauberkeit, Patriotismus.“ Kein Wunder, dass einige US-Senatoren und –Gouverneure, Berühmtheiten wie Walt Disney und John Wayne sowie der US-Präsident Bill Clinton bei den De Molays waren. Ist schon ein toller Trick, wie man Jugendliche dazu bringen will, sich selbst im Sinne der Mächtigen zu programmieren. Bei dem Haufen, den ich damals ins Leben gerufen habe, ist dieses Ansinnen allerdings gründlich in die Grütze gegangen.

Das ist wirklich genial: Etwas anstreben sollen, das man nie erreichen können wird. Wer sich das bloß mal ausgedacht hat. Aber so funktionieren alle Religionen. Sie sind alle auf ein Werden hin angelegt. Streng dich an – und du wirst immer versagen. Wirklich geil.

Ja, wenn das so einfach wäre: Buddha hält sein Blümchen hoch und Mahakashyapa grinst: „Ist schon gut, Alter. Alles klar.“ Wie soll man aus solchen Typen anständige Untertanen machen können? – Ohne Mühe hat der Bauer keine Kühe, verdammt noch mal!

B

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9 Antworten zu zweimal Mahakashyapa

  1. fredo0 schreibt:

    auch wenn ich da deine meinung teile ( was das bemühen betrifft ) , so mag ich es doch etwas differenzierter betrachten .

    es ist zwar ein wenig wie das verraten eines zaubertricks darüber öffentlich zu schreiben … aber es will wohl erwähnt sein.

    auch wenn das bemühen sicherlich nicht … direkt … zu einem (erwachens)resultat führt … allzumal dieses erwachen ja ohnehin kein resultat ist … so gibt es da aber doch einen zusammenhang … zumindest erscheint es mir so …
    das bemühen führt zu nix … und genau das , bis zum exzess „bemüht“, schlägt dann um , und kann ( manchmal bei mancheinem ! ) eine art kollaps auslösen … ein kollaps der in art einer implosion stattfindet … die aufgeblasene „ich-will“-blase kollabiert und stürzt nach innen … in das was leere oder stille ( oder wie auch immer ) genannt wird .

    ( die knüppel der zen-meister scheinen mir da desöfteren probate beschleuniger dieses kollapses zu sein )

    sicherlich kann man da auch nicht huhn oder ei als anfang feststellen … also ob da die implosion sich zuvor nur mit dem „bemühen“ dekoriert hat , oder ob der kollaps die implosion gewissermassen „angelockt“ hat … mit sicherheit kann das niemand sagen …

    aber irgendwie gibt es da doch einen zusammenhang , auch wenn er womöglich nur als ein solcher erscheint .

    für mich ist also nicht unbedingt die bemühung der religionen das zu kritisierende , sondern ihr versprechen einer sich daraus allein ergebenden belohnung …

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    • Nitya schreibt:

      Wer würde sich denn bemühen ohne das Versprechen auf eine sich daraus ergebende Belohnung? Wer würde denn abgefallene faule Finger fressen ohne ein dahinterstehendes Motiv?

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  2. fredo0 schreibt:

    nun ja … guter einwand … nitja …
    es gibt jedoch auch ein bemühen , was gar nicht vermieden werden kann … einfach weil es ausdruck von schlichter lebendigkeit ist … da liegt die belohnung nicht im erreichten ziel sondern in der erledigung des lebendigkeitsausdrucks …
    wenn ich tanze , kenne ich kein bemühen … und doch ist das tanzende „bemühen“ nahezu unvermeidbar … ( solange die knochen noch halten😀 )

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  3. Marianne schreibt:

    Mit der perfektionistischen Überwindung jeglicher Aversions-Neigung (aus buddhistischer Sicht eine „Wurzel des Leids“) habe ich auch so meine Fragezeichen. „Angst“ kann ja auch ein gesundes Selbstschutz-Motiv sein …
    Manchmal scheint es mir durchaus angebracht, auf einen empfundenen „Ekel“ so zu reagieren, dass ich lieber einen größeren Bogen um das „aversive Ereignis“ mache …
    Wie das „Dschungelcamp“ uns bei hohen Einschaltquoten vorführt, gibt es allerdings auch noch andere Motivationen, eklige Sachen zu essen, z.B. Geld oder Popularität …

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  4. fredo0 schreibt:

    ich empfinde ekel , aber auch freude , oder gar lust auch nur als ausdruck der von mir erwähnten lebendigkeit … es ist doch nix anderes wie die spontane reaktion auf lebendigkeit , gespeist aus impuls und dessen „verarbeitung“ auf grund „meiner“ eigenart …
    was könnte daran falsch sein ?
    ich glaube sogar das ein spontan mitverspeister fauler finger diese spontane „correctness“ erfüllen kann , wenn , ja wenn es spontan , einfach so geschieht , und nicht im gewollten „wertungsfreien“ handeln begründet ist …
    da stellt sie ja auch die frage , schildert der text bei herrn mahakashyapas eine solche „einfach so“ handlung oder aber ein bemühen um so etwas wie korrektes verhalten in einer gewissen drastigkeit …

    ich muss sagen , dass mir das blümlein diese vermutung für ein „einfach so“ nahe legt …

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    • Nitya schreibt:

      ich glaube sogar das ein spontan mitverspeister fauler finger diese spontane “correctness” erfüllen kann , wenn , ja wenn es spontan , einfach so geschieht , und nicht im gewollten “wertungsfreien” handeln begründet ist …

      Keine Katze würde einen faulen Finger „spontan“ verspeisen. Es gibt sicher irgenwelche Fliegen und Maden, denen ich das zutraue, vielleicht auch ein Geier oder eine Hyäne, aber ein Mensch? Spontan? Und mit einem Gefühl der Dankbarkeit? Also nee, da spiel ich nicht mit. Ich hab ja schon viel Abartiges von den Religionen gehört, aber reinziehen muss ich mir diesen Mist nicht. Klar kann ich nicht ausschließen, dass so einen Irren nach dem Genuss eines faulen Fingers die Erleuchtung ereilt. Ausschließen kann ich gar nishts. Ich kann mir auch ein Loch ins Knie beißen und wer weiß …

      In dem Text heißt es ganz klar: „Er befolgte die zwölffachen Übungen, die auf die Beseitigung aller Bindungen ausgelegt sind.“ Er befolgte …Wenn ihm jemand in seine Bettelschale gepisst hätte, hätte er bestimmt auch diese Übung bewältigt.

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  5. Baboji schreibt:

    Ich wollte mal Nummer 9 LEBEN, aber das ging nur eine Nacht gut…ich meine, mit dem Zombies wäre ich ja klar gekommen, aber nicht mit den schnatternden Oma´s die um 8 Uhr schon Grabpflege betreiben und sich überbieten in dem beliebten Seniorenspiel „Wer schluckt mehr Pillen?“. Bei Nummer 3 wurde ich verdrängt von den Zeugen Jehovas. Aber Nummer 7 klappt immer noch ganz gut nur die Frauen kann ich da natürlich abschminken…pfff, diese oberflächliche Welt😉

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