Ramana Maharshi: zum Beobachter werden


xIm Wissen des Atman, welches für den Unwissenden dunkle Nacht bedeutet, ist der erkennende Verstand völlig wach und gewahr. Die Unwissenden sind wach im Tageslicht ihres von den Sinnen gesteuerten Lebens, welches dem Weisen Dunkelheit bedeutet.

aus der Bhhagavad Gita, II/69

In diesem Vers zeigt sich die gegensätzliche Sicht der Welt, so wie sie von einem identifizierten Individuum oder einem erwachten Jnani gesehen wird. Was immer mit den Sinnen wahrgenommen wird, erscheint dem unwissenden Individuum als real und wird als real behandelt -, und nur das, was durch die Sinne wird, ist real. Im Gegensatz dazu ist für den Weisen alles, was erscheint, nicht real: Was immer erscheint, ist nur die wechselvolle Erscheinung der nicht wahrgenommenen Realität. Mit anderen Worten ist das Ego-zentrierte , identifizierte Individuum völlig offen für die Welt der Wahrnehmung und völlig verschlossen für das Reale, den Atman, so wie dieser von den Weisen erlebt wird. Solange der Mensch in seiner Welt der Begierden lebt, wird für ihn das Reale – der Atman – ein völliges Mysterium bleiben. Erst wenn er begreift, dass der Verstand nichts anderes ist als eine endlose Abfolge von nie endenden Begierden, eröffnet sich für das Individuum die Möglichkeit des Erwachsens aus der Dunkelheit der Identifikation mit den Sinnen in die Welt des Jnani.

Ramana Maharshi hat gesagt: Es gibt nur zwei Dinge: Schlaf und Erschaffung. Wenn man einschläft, gibt es nichts, wenn man aufwacht, gibt es alles. Lernt man zu „schlafen“, wenn man wach ist, dann kann man einfach zum Beobachter werden. Dies ist die endgültige Wahrheit.

aus: Ramesh S. Balsekar, „Die Bhagavad Gita“

Das scheint es zu sein, auf was Ramana und die beiden anderen hinauswollen: Zum Beobachter werden. Nun hab ich’s ja nicht so mit dem Werden – und schon gar nicht mit einem Spanner, der durchs Schlüsselloch gafft, um mitzukriegen, ob da vielleicht etwas Verbotenes abgeht. Ich unterstelle den ehrwürdigen Herren, dass sie beides auch keineswegs gemeint haben. Ich jedenfalls gehe davon aus, dass alles schon immer da ist. Es geht für mich also nicht darum, etwas zu werden, sondern zu sehen, dass das, was ich glaube werden zu können, schon immer ist. Der Beobachter ist also keine Person, die durch ein Schlüsselloch guckt, sondern reines Gewahrsein. Bei all diesen Aussagen aus zweiter und dritter Hand und zigmal übersetzt bleibt es einem kaum erspart, sich seinen eigenen Reim darauf zu machen. Das ist dann allerdings nicht mehr die Aussage Ramanas oder eines anderen, sondern die eigene Interpretation. Niemand muss Gewahrsein werden, Gewahrsein ist die Grundlage allen Lebens.

WWenn Seng-ts’an sagt: „Suche nicht nach dem Wahren, enthalte dich nur deiner Meinungen“, dann sagt er damit (wieder meine Interpretation): Gewahrsein ist schon immer, überflüssig danach zu suchen. Sieh einfach, was sich vor dein Gewahrsein stellt, sieh deine Vor-Stellungen. Und vielleicht im Sinn von Byron Katie: „Wer wärst du ohne deine Vorstellungen?“ oder wenigstens: „Wer wärst du, wenn du deinen Vorstellungen keinen Glauben schenken würdest?“

Die machen’s immer ein bisschen kompliziert und bombastisch, „die alten Weisen“. Das kann man dann ehrfürchtig zitieren und zelebrieren und kann es auf diese Weise leicht an sich vorbeirauschen lassen. Dabei ist es doch so einfach. Deshalb gefallen mir die alten Ch’an-Meister so gut. Sie bringen es wie Seng-ts’an mit wenigen Worten glasklar auf den Punkt, sodass sogar ich es verstehen kann.

 

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