Ikkyû Sôjun: Das Papierkleid


S
Die Schönheit des Abends
Verwirrt mir die Sinne,
Der ich meinen Herbst
der Liebe erlebe.
Aus den Nebeln
Erhobst du dich,
Morgenwolke
Von einzigartiger Schönheit,
Shin,
Deren Anmut
Auch das Papierkleid
Nicht schmälern kann.

aus:
Ikkyû Sôjun,
„Im Garten der schönen Shin“

J
Wie kann ein angeblich erleuchteter Zen-Meister so ein Gedicht schreiben? Von irgendeinem romantischen jugendlichen Dichterling hätte man das vielleicht erwarten können, aber ein altehrwürdiger Zen-Meister? Müsste der nicht längst über die „You are my special angel“-Phase hinaus sein? Müsste der nicht über alles hinaus sein? So’n Zen-Meister sollte doch was viel Besseres gefunden haben: Das, was nicht von der Welt ist: „gate gate pāragate pārasaṃgate bodhi svāhā“. Stattdessen besingt der alte Sack die Schönheit und Anmut einer jungen Frau! Also da soll man nicht vom Glauben abfallen! War da der Tucholsky mit seiner blonden Tusse – „vorn doof und hinten minorenn“ viel realistischer? (Jetzt weeß ick immer noch nich, wat det sein soll: minorenn. x))

Da ist eine Erinnerung: Mein Vater liefert mich bei irgendso’nem Internatsleiter in Niederbayern ab. Die beiden haben sich eigentlich nichts zu sagen, aber irgendetwas müssen sie ja sagen. Also reden sie darüber, wie wundervoll doch die Landschaft sei. Ich guck mir verdutzt die Landschaft an und denk bei mir: „So’ne Öde haste lange nicht mehr gesehen! Wovon quatschen die beiden da bloß?“ Und dann taucht die Geschichte mit der alten zerfetzten Autodecke wieder auf. Diese unendliche Schönheit, die sie plötzlich auszustrahlen scheint. Und nicht nur die Autodecke, auch alles andere. Die Öde, die ich damals wahrnahm, war ich, genauso wie die Schönheit. Und genauso, denke ich, ist es dem Ikkyû gegangen. Die Schönheit, die Anmut, die er sah, war seine Schönheit, seine Anmut. Er sagt etwas über sich aus, nicht über die blinde Shin. Ich muss oft an die olle Oma denken, die bestimmt schon über sechzig war, also zwischen uralt und Verwesung, wie wir damals gesagt hätten. Sie hatte so einen Witz, so einen Geist, sie besiegte uns mit links beim Pokern und soff uns alle unter den Tisch, … kurzum, ich hab mich mit meinen 21Jahren total verknallt in sie. Was für eine wunderschöne Frau!

Und überhaupt, wer kommt denn auf so eine blöde Idee, dass sich ein alter Zen-Meister nicht in „die Welt“ verknallen würde. Ich würde sagen, der ist nonstop verknallt in alles, was ihm vor die Flinte kommt. Am Schluss seines Gedichts „Das Gasthaus“ sagt Rumi: Sei dankbar für jeden, der da kommt. Denn jeder wurde zu dir gesandt von dorther, um dich zu leiten.“ Die Welt ist eine Botschaft von dorther und Rumi war trunken von ihr und ihrer Schönheit. Wenn „mein Heinz Butz“ auf irgendetwas zeigte und geheimnisvoll flüsterte „Spüren Sie’s?“, dann hoffte er, dass man genau diese Schönheit sehen konnte, die er sah. Und er ließ sie einen sehen.

B

x) Nachtrag:  Hier eine wundervolle Erklärung, die uns dankenswerterweise Paulette geschenkt hat.

„Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn doof und hinten minorenn …“

„Es bedeutet also womöglich nicht, dass es sich um eine blonde ‚Tussi‘ handelt, sondern um eine Frau, die keine Intellektuelle ist. Vorn doof heißt also, bitte keine die rumlabert und schlaue Sprüche klopft, nichts Anstrengendes eben, das hat der Mann in besagtem Gedicht ja schon zu Hause, das Anstrengende.
Und nun kommt das Delikate.

‚Hinten minorenn‘ bedeutet, eine Frau, deren Hinterteil unschuldig ist. Der Goldschmied konnte an meinem Gesichtsausdruck erkennen, dass ich nicht gleich verstand, was das denn sein soll, ein unschuldiges Hinterteil. Ganz sanft meinte er dann, es sei keine Jungfrau im eigentlichen Sinne gemeint, also sie hätte schon bereits Geschlechtsverkehr haben dürfen, aber eben nicht hinten, nicht am Po – hüstel.“

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6 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Das Papierkleid

  1. Wolf Schneider schreibt:

    Wunderschön!

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  2. Giri schreibt:

    Wieso von dorther? Es gibt nur dies hier. Das ist die Schönheit. Spüren Sie’s?
    Lausch einfach dem Wind in den Bäumen.

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  3. Paulette schreibt:

    lieber Nitya,
    wie versprochen habe ich gestern einen „alten“ Berliner gefragt, was denn „minorenn“ bedeuten soll. Er ist ein 75 jähriger Goldschmied und ahnte sofort, dass ich das Wort aus dem Gedicht von Tucholsky habe. Und so erklärte er mir, dass das Wort allein ersteinmal nur bedeutet. Ich habe das im Internet bei Wiki auch so gefunden.

    http://wiki-de.genealogy.net/Minorenn

    Aber dieser Mann, der ein sehr feiner Mensch ist, tat sich dann etwas schwer mir zu erklären, was Tucholsky denn wirklich gemeint hat mit:

    „Er will noch wat mit blonde Haare:
    vorn doof und hinten minorenn …“

    Es bedeutet also womöglich nicht, dass es sich um eine blonde „Tussi“ handelt, sondern um eine Frau, die keine Intellektuelle ist. Vorn doof heißt also, bitte keine die rumlabert und schlaue Sprüche klopft, nichts Anstrengendes eben, das hat der Mann in besagtem Gedicht ja schon zu Hause, das Anstrengende.
    Und nun kommt das Delikate.
    „Hinten minorenn“ bedeutet, eine Frau, deren Hinterteil unschuldig ist.
    Der Goldschmied konnte an meinem Gesichtsausdruck erkennen, dass ich nicht gleich verstand, was das denn sein soll, ein unschuldiges Hinterteil.
    Ganz sanft meinte er dann, es sei keine Jungfrau im eigentlichen Sinne gemeint, also sie hätte schon bereits Geschlechtsverkehr haben dürfen aber eben nicht hinten, nicht am Po – hüstel.

    Ich glaube nun, dass die ganze Textzeile in die Nähe dessen kommen könnte, was auch Heinz Rudolf Kunze in seinem Lied „Männergebet“ ausdrückte, mal abgesehen von der Bezeichnung „Hure“

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  4. Eno schreibt:

    wunderschöne
    verwirrende
    gewaltätige
    flüchtige welt
    dahinschwindend wie
    das papierkleid der schönen shin

    die konzepte und vorstellungen
    zerreißen im sturm des seins
    und flattern davon

    es
    bleibt
    nackt und leer
    mich wieder und wieder
    bekleidend mit träumen

    nur
    dies
    bewußtsein

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