aus schierer Freude zwei zu sein

0oder „Opa erzählt vom KRIEG“


Also altersmäßig hätte mein Vater locker mein Opa sein können und so erzählte er mir, wenn ich als kleiner Knirps morgens in sein Bett hüpfte, mit Begeisterung vom Krieg – vom ersten, versteht sich -, wo er es sich als junger Oberleutnant als Leiter eines Pferde-Depots an der russischen Grenze bei jeder Menge Krimsekt gut gehen ließ. Irgendwie fängt ja jeder Krieg an. Wenn ich seine ganzen Husaren-, Kürassiere-, Dragoner-, Ulanen- und was weiß ich für Geschichten erinnere und natürlich die Mädchen, die ihre Fenster und Türen öffneten, wie es in einem alten Liedchen besungen wird, dann haben wir schon den süßen Anfang. Hermann Hesse wollte seine Zeilen „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“ vermutlich etwas anders verstanden haben.

Jetzt bin ich schon fast über das Opa-Alter hinaus und erzähl auch was vom Krieg. Ich glaub, wir waren 16 und zu viert. Letzteres weiß ich bestimmt. Einer kam auf die Idee, eine Band zu gründen. Gesagt getan. Wir hatten zwei, die Klavier und Trompete spielten und nebenbei auch noch begeisterte Sänger waren, einen, der Geige und Klavier spielte und einen, der meinte, zum Schlagzeuger geboren zu sein und Mutters Kochtöpfe und Holzlöffel malträtierte. Dass das vielleicht nicht die ideale Besetzung war, war uns schnuppe. Und dann versuchten wir uns an jedem Sinn und Unsinn. Ein Lieblingsstück von uns, vor allem den Sangesfreudigen, war die Schnulze „You are my special angel“, weil man da so herzzerreißend herumjaulen konnte. Dass wir dabei uns selbst und unseren Traum besangen, war uns damals noch nicht so richtig klar und bei Tucholsky waren wir noch lange nicht angelangt. Der beschrieb in seinem Gedicht „Danach“ nicht den süßen Anfang, sondern ganz realistisch das Ende des Krieges. „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“


Und immer wieder und völlig unverdrossen wohnt jedem Anfang nach wie vor ein Zauber inne. „Wir machen das ganz anders.“ Ja, haben wir auch alle gedacht. Wie hat Osho gesagt? Stell dich jeden Morgen vor den Spiegel und wiederhole zehnmal: „Sie ist nicht meine Frau!“ Oder eben „Mann.“ Denn genau da sitzt die Wurzel allen Übels. Hab ich möglicherweise schon mal erzählt: Freundin besucht mich. Sie geht und ich guck ihr vom Balkon aus nach. Sie dreht sich um und winkt. Ich erwidere ihr Winken. Als sie das nächste Mal ging, war ich nicht auf dem Balkon. Als sie mich wieder besuchte, machte sie mir die Hölle heiß und wollte mit böse funkelnden Augen wissen, warum ich ihr das letzte Mal nicht nachgewunken hätte. „Ich bin nicht dein Mann!“

Na ja, so rum funktioniert das leichter. Als ich dann irgendwelche Erwartungen hatte, war sie natürlich „meine“ Frau und hatte gefälligst meinen Erwartungen zu genügen. Und genau da geht das los mit dem großen vaterländischen Krieg im trauten Heim. Streit, Betrug, Trennung durch Scheidung oder Totschlag, … alles ist möglich. Die süßliche Projektion „You are my special angel“ ist der Versuch, ein lebendiges Wesen in den Käfig der eigenen Vorstellungen vom „idealen Paar“ einzusperren. Das lebendige Wesen versucht natürlich wie jedes lebendige Wesen auszubrechen, um nicht irgendwann nur noch vor sich hin siechen zu können. So hübsch sich die Beteuerung vom Special Angel für manche auch anhören mag, ist sie im Grunde doch eine reine Kriegserklärung.
Vor 50 Jahren sang Wolf Biermann sein Lied „Was verboten ist, das macht uns gerade scharf“:

 

Sowas kann man ja leicht singen – na ja, nicht in der DDR-, aber es zu leben ist dann wieder eine andere Sache. Ein Wesenszug des sich stets so unvollständig fühlenden Egos ist halt, alles besitzen zu wollen, um sich endlich vollständig fühlen zu können. Platons Kugelmenschen fallen mir ein und natürlich Shiva und Shakti, wie sie der Dichter Jnaneshwar einst besungen hat. Was das Ego dann daraus macht, ist eine einzige Katastrophe.

Ich bringe dem höchsten Gott und der höchsten Göttin
meine Verehrung dar,
den grenzenlosen, uranfänglichen Eltern des Universums.

Der Liebende ist aus unbegrenzter Liebe zur Geliebten geworden.
Beide bestehen aus derselben Substanz.
Beide teilen dasselbe Mahl.
Aus Liebe zueinander vereinigen sie sich,
und wieder trennen sie sich – aus schierer Freude zwei zu sein.
Es ist Shiva allein, der in allen Formen lebt.
Er ist beides: das Weibliche und das Männliche.
Es ist wegen der Vereinigung dieser beiden Hälften,
dass das Universum existiert.
Zwei Instrumente – ein Ton.
Zwei Blüten – ein Duft.
Zwei Leuchten – ein Licht.
Zwei Lippen – ein Wort.
Zwei Augen – ein Blick.
Diese beiden – ein Universum.

Jnaneshwar

Hoffentlich überliest das niemand:
„Aus Liebe zueinander vereinigen sie sich,
und wieder trennen sie sich – aus schierer Freude zwei zu sein.“

 

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